Der Goldene Brief zu Hannover

carview.php?tsp=Ich habe gelesen, nein, ich habe es mir nicht ausgedacht, wie es Schiffbrüchigen einst erging, die an Englands Küsten strandeten. Weil sie oft in fremden Zungen sprachen, was in den Ohren der Küstenbewohner wie wirres Zeug klang, hat man die ausländischen Schiffsbrüchigen vorsichtshalber in Irrenanstalten gesperrt. Für wirres Zeug hat man am Hof des englischen Königs Georg II. vermutlich auch die fremden Schriftzeichen gehalten, mit denen ein gut Halbmeter langes, 8,5 Zentimeter hohes und 0,2 Millimeter dünnes Goldblech graviert ist. Den seit seiner Entdeckung im Jahr 2007 sogenannten Goldenen Brief hatte der birmanischen König Alaungphaya im Jahr 1756 von seinen Schreibern aufsetzen lassen und nach London gesandt, wo er aus Gründen erst 1758 eintraf. Er wurde als Kuriosum abgetan, inhaltlich nicht wahrgenommen und nicht beantwortet, sondern zur sicheren Verwahrung an die Königliche Bibliothek Hannover gesandt, der Heimatstadt Georgs II., wo er falsch beschrieben archiviert wurde und gut 250 Jahre in Vergessenheit geriet. Heute wird der Brief in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (GWLB) aufbewahrt und gehört seit 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Georg II. muss zwar ein Haudrauf gewesen sein, der seine Truppen noch persönlich in die Schlacht führte. Doch er förderte auch die Wissenschaft, indem er 1732/34 die Georg-August-Universität Göttingen gründete. Die näheren Umstände, warum er den Goldenen Brief nicht zu würdigen wusste, können vielleicht Historiker erhellen. Mir scheint er formal zu sehr von der im 18. Jahrhundert üblichen Briefgestaltung abzuweichen. Die übertrieben wertige Form, das goldene Band ist noch an den Enden mit Rubinen verziert, zeigt einen Mangel an Etikette. Man vermisst die vornehme Zurückhaltung. Der jedes vernünftige Maß überschreitende Brief wirkt wie der aggressive Versuch einer Gesprächerzwingung durch einen Wilden. Vorsorglich entschuldige ich mich für meine Einschätzung schon mal bei der Republik der Union Myanmar.

Vom Goldenen Brief habe ich letzten Samstag auf einer Geburtstagsfeier erfahren (danke, Wolfgang!), als die Rede auf die GWLB kam, die ja als Landesbibliothek von Niedersachsen auch die Pflichtexemplare meiner inzwischen acht Bücher aufbewahrt. Weil ich in der bislang wenig von mir geliebten neuen Heimatstadt in letzter Zeit immer mal wieder Neues entdecke, trage ich quasi eine Schuld ab. Demnächst im Teestübchen: Die Verbindung der Universalsprache Esperanto zu Neutral-Moresnet und Hannover.

„Was ist Dir heilig?“

carview.php?tsp=Das 9. Festival der Philosophie in Hannover vom 21.5.25 – 20.6.25 hat die Frage „Was ist Dir heilig?“ zum Thema. Das lässt mich über ein Wort nachsinnen, das schon Jahrzehnte nicht mehr zu meinem aktiven Wortschatz gehört. Da ich katholisch getauft und sozialisiert bin, sind mir die Heiligen ein Begriff, bildlich als bemalte Statuen oder auf Gemälden in der Dorfkirche.

Heilige Namen
Bei uns Katholiken wurde nicht Geburtstag, sondern Namenstag gefeiert. Daher wusste jedes Kind, nach welchem Heiligen es benannt war. Ich bin getauft auf drei Heilige, nämlich Johannes, Gerhard, Paul. Johannes war der Wunsch meiner Mutter, Gerhard hieß mein Pate und Paul gab mir der Pfarrer, der die Vorstellung hegte, dass ein Kind den Namen des Heiligen tragen sollte, an dessen Tag es geboren war. Später lernte ich, dass fast alle unserer Heiligen auf grausame Weise zu Tode gekommen waren. Auf der Fahne der Sankt-Sebastianus-Schützenbruderschaft unseres Dorfes war ein halbnackter hl. Sebastianus zu sehen, der von unzähligen Pfeilen durchbohrt war.
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Kunst und Kitsch – ein Vergleich

carview.php?tsp=Die Abteilwagen der Bahn haben ihr Formprinzip von den Postkutschen, was besonders an den Abteilwägen ohne verbindenden Seitengang noch abzulesen ist. Einst sind je Waggon drei Postkutschenabteile aneinander montiert gewesen und waren durch jeweils separate Außentüren zu betreten. Der alle Abteile verbindende Gang kam erst später auf. Er bedingt die Enge der Abteile. Schön ist ein sechssitziges Abteil für reisende Familien. Aber mit fünf Fremden in ihnen eingesperrt zu sein, ist kein Vergnügen. Der IC kommt aus Salzburg heran. Als ich die Abteiltür öffne, schlägt mir der Widerwillen von drei Insassen entgegen.

Man will nicht von einem Fremden gestört werden und muss ihn notgedrungen auf Tuchfühlung einlassen. Zwischen den Insassen ist ja bereits eine zarte Sozialbindung entstanden. Dieses Netzwerk zerstört der Neuankömmling, und er muss irgendwo eingebunden werden. Außerdem bringt er die Bahnsteigkälte mit herein. Mit seinem Gepäck erhöht er die Unruhe und man weiß, bis er das Gepäck verstaut, sich gekramt hat und endlich sitzen wird, dauert es eine Weile. Zudem ist ungewiss, welches Verhalten der Neuankömmling an den Tag legen wird. Ist er ein Witzbold, der bald anfangen wird, seine Possen zu reißen? Oder wird er sich wie ein reisender Vertreter an alle anderen heranmachen, um seine Bürsten und Schnürsenkel zu verkaufen? Wird er wie ein Wahnsinniger telefonieren? Das alles ist ungewiss und muss sich noch zeigen.

Ich hatte beim Kauf der Fahrkarte einen Fensterplatz reserviert. Der ist von einem schlafenden Türken oder Syrer besetzt. Der Platz ihm gegenüber ist frei, also begnüge ich mich damit und arrangiere mich mit dem Nachteil, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung zu sitzen. Der Syrer schnarcht leise. Sein bärtiges Gesicht ist schwer zu deuten. Ich frage mich, was da hinter seiner Stirn verborgen ist. Unter seiner schwarzen Steppjacke zeigt sich ein weißer Pullover. Aber ob er wirklich eine weiße Weste hat? Vielleicht sitzt vor mir einer der Schergen aus Assads Folterkeller. Immer dieses Misstrauen. Als junger Mann konnte ich keinem Arzt aus der Elterngeneration trauen, sondern dachte unweigerlich: Wer weiß, an welchen Naziverbrechen der beteiligt gewesen ist?

Bald taucht der Zug in einen Tunnel ein. In ihm überwindet er den Anstieg auf die Schwäbische Alb. Hervor kommen wir auf der dritthöchsten Brücke Deutschlands. Sie überspannt das Tal der Fils, was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, zumal der Zug quasi sofort in einen weiteren Tunnel eintaucht. Diesmal für acht Kilometer. Man nimmt die Brücke nicht wahr als Reisender. Das Ensemble der Eisenbahnbauwerke zeigt sich als Tunneldurchfahrt, gefolgt von wenigen Sekunden offenem Himmel, abgelöst durch eine erneute Tunneldurchfahrt. Wahrnehmen könnte man die Brücke nur vom Talgrund aus, etwa im Bett der Fils stehend. Sie ist wohl ein eher kleiner Fluss. Trotzdem erinnert er mich an ein Versäumnis.

Anfang Dezember sah ich den Videoclip vom Bau eines Dioramas. Thema war ein naturalistisch geformtes Bahngleis zu einer eingestürzten Brücke hin. Die Modellbauer wollten einen Zug auf den Brückeneinsturz zufahren, den Zug ins Flussbett abstürzen lassen und das Pseudo-Eisenbahnunglück mit aufwändiger Kameratechnik aufnehmen. Zwei Slowmotion-Kameras würden aus unterschiedlichen Perspektiven filmen, eine Kamera Standfotos schießen. Die Modellbauer haben die Landschaft mit großem Aufwand gestaltet, ja, geben sich nicht einmal mit der perfekten Lackierung ihrer Eisenbahn zufrieden. Mit trockenem Pinsel und verschiedenen Farbtönen, über Weiß, Grau, Braun und Schwarz simulieren sie Altersspuren auf der Lok und den Waggons. Die Dampflok kann, alte Modellbauerehre, selbstverständlich auch Dampfwolken aus dem Schornstein stoßen und eine Dampffahne hinter sich herziehen. Als alles bereitet ist, schiebt einer den Zug auf die eingestürzte Brücke zu, und nacheinander stürzen Lok und Waggons spektakulär in die Modellbauschlucht. Ich dachte beim Anschauen, dass bei allem Naturalismus dem Betrachter sich nichts mehr als der visuelle Eindruck vermittelt.

carview.php?tsp=Das erinnerte mich an ein Foto, dass ich am 6. Dezember 1991 aus der Süddeutschen Zeitung ausgeschnitten hatte. Es zeigt den realen Einsturz der Eisenbahnbrücke über die Mündung des schottischen Flusses Tay am 28. Dezember 1879. Dabei verloren 75 Menschen in der stürmischen Nordsee ihr Leben. Deren Unglück erschüttert, und man fragt sich nicht, wer von ihnen sich eventuell irgendwo schuldig gemacht hat.

Unter dem Eindruck eines Berichts in der Vossischen Zeitung hat Theodor Fontane die anrührende Ballade „Die Brück‘ am Tay“ geschrieben. Fontane personalisiert das Geschehen, indem er den Fokus auf ein altes Paar im Brückenhaus legt, das kurz nach Weihnachten die Heimkehr seines Sohnes Johnie erwartet.

Die Ballade und das Modelleisenbahnunglück sollten mir dienen als Beispiel für den Unterschied von Kunst (die Ballade) und Kitsch (das Diorama). Tja, Datum verpasst.

Ein Wink aus der literarischen Subkultur

carview.php?tsp=Heute Morgen habe ich mich rasiert, geduscht, abgetrocknet, geföhnt und sorgfältig angekleidet, saubere Strümpfe, gerade neu gekaufte Wäsche, eine gute Hose, ein gut gebügeltes schwarzes Hemd und hellgraue Hosenträger angelegt. Darüber werde ich die kräftig blaue Winterjacke streifen, in die hellgrauen Schuhe steigen, meinen schwarzen Rucksack schultern und mich auf den Weg machen. Ich begebe mich als ordentlicher Bürger des Landes Niedersachsen (brrr, einmal kurz schütteln) zur Niedersächsischen Landesbibliothek und liefere Pflichtexemplare meiner Bücher gemäß § 12 des Niedersächsischen Pressegesetzes ein.

Der Plural verweist darauf, dass ich diese Pflicht schon eine Weile versäumt habe. Es sind mit den Jahren vier Bücher aufgelaufen. Nach denen hat jetzt eine Mitarbeiterin der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek freundlich per E-Mail verlangt, genauer nach:

„Kostenfreie Zusendung“ hat es geheißen. Wer als Selbstverleger veröffentlicht, hat dieser Pflicht zu genügen. Die beiden Pflichtexemplare an die Deutsche Nationalbibliothek liefert der druckende und verlegende Dienstleister epubli selbsttätig ein. Das ist Teil des Services, den sich epubli pro Buchverkauf anteilig bezahlen lässt. „Kostenfreie Zusendung“ an die Landesbibliothek bedeutet aber, ich als Autor muss diese Freiexemplare selbst kaufen und für die Zusendung das Porto zahlen. Also werde ich die Bücher im Wert von gut 50 Euro persönlich überbringen, damit wenigstens die Zustellung „kostenfrei“ ist. Außerdem will ich natürlich sehen, wo ich meine Kinder in Obhut gebe.

Tatsächlich gelang mir eine kostenlose Einlieferung, denn der Fahrkartenautomat streikte, als ich einen Bahnfahrschein zur Station Waterloo kaufen wollte. Ich fuhr also grau und lief die Meter bis zum brutalistischen Gebäude der Leibniz-Bibliothek. Am weiträumigen Empfang wandte sich mir eine ausnehmend hübsche junge Frau zu. „Sie können die Bücher bei mir abgeben, sagte sie,„ich leite sie dann an die zuständige Kollegin weiter.“ Das hatte ich nicht erwartet, sondern gedacht, an die zuständige Kollegin verwiesen zu werden, um sie fragen zu können, was mit den Büchern weiter geschieht. Aber die junge Frau erwischte mich bei meinem Schwachpunkt. Schimpfen Sie mich einen Chauvinisten, meine lieben Damen und Herren, aber ich kann hübschen Frauen nichts abschlagen. Also gab ich ihr die Bücher.

Nach diesen losen Worten jetzt ein paar ernsthafte Anmerkungen: Als Autor hat man mit seinen Werken gegenüber der Gesellschaft Verpflichtungen. Man stellt der Öffentlichkeit sein Werk kostenfrei zur Verfügung, ist also im weiteren Sinne Kulturschaffender, auch wenn man im großen Literaturbetrieb nicht mitmischt. Welche Rechte lassen sich daraus herleiten? Die Hochkultur, Theater und Oper, wird mit Millionen subventioniert. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kassieren Intendanten Abfindungen in ebenfalls Millionenhöhe. Der WDR wollte allein für die Bestuhlung seines 240 Millionen Euro teuren Filmhauses 100.000 Euro ausgeben. (Teestübchen berichtete) Ich finde, die literarische Subkultur, Selbstverleger und Blogger, sollte auch subventioniert werden. Warum nicht einen winzigen Teil der Rundfunkgebühren dafür abzweigen?

Blick vom Polizeipferd

carview.php?tsp=Die Frau von der Wasserschutzpolizei erschießt einen des Mordes verdächtigen Matrosen, weil er, wie sie behauptet, bei seiner Verhaftung eine Waffe gezogen hat. Das wurde nicht im Bild des Fernsehkrimis Polizeiruf 110 „Wasserwege“ gezeigt, und auch der ermittelnde Polizist schließt die Szene mit den Worten: „Niemals hat der eine Waffe gezogen.“ Der Vorgang legt den Verdacht nah, dass die Polizistin im Auftrag eines Drogenschmugglerrings gehandelt hat. Jetzt hat es auch die Wasserschutzpolizei erwischt. Bislang wurden ihre Protagonisten im deutschen Fernsehen als die Guten dargestellt, so in den beliebten Vorabendserien Wapo Bodensee oder Wapo Duisburg.

Vorher wussten informierte Fernsehzuschauer schon, dass von den LKA und vom BKA nichts Gutes zu erwarten ist. Entweder erweisen sich LKA-Beamte als Volltrottel, die beim ersten Kontakt mit gefährlichen Gangstern erschossen werden, so in der im Harz spielenden Krimiserie Harter Brocken, sind Clowns, die nur die Ermittlungen behindern, so in einem Münster-Tatort, oder aber BKA-Beamte sind dubiose Figuren, die mit der organisierten Kriminalität gemeinsame Sache machen, so in Fällen vor Mordanschlägen zu schützender Zeugen.

Was ist die Botschaft?

Die Wendung „Die Polizei, dein Freund und Helfer“ entstammt ursprünglich einem Leitbild der hilfsbereiten, bürgernahen Polizei in der Weimarer Republik und wurde vom SS-Reichsführer Heinrich Himmler übernommen, um zu kaschieren, dass die Nazis die Polizei längst zu Erfüllungsgehilfen ihrer Verbrechen gemacht hatten. In der zivilen Nachkriegsgeschichte geriet das Bild vom Freund und Helfer erstmals ins Wanken bei den Studentenprotesten in den Endsechziger Jahren. Bei allen folgenden Demonstrationen hat die Polizei das Bild der gewalttätig agierenden Staatsmacht gezeigt. Allein die Krimiserien des Deutschen Fernsehens vermittelten noch das naive Bild einer lummerländischen Polizeimacht, die für Recht und Gesetz kämpfend, ihren Bürgern nur Gutes tun will. Das spiegelt ein kollektives Wunschbild, wurzelnd im Schwarzweißdenken.

Ist die gesellschaftliche Realität endlich auch in Kriminalfilmen des Deutschen Fernsehens angekommen? Wahrscheinlich benutzen die Drehbuchschreiber ganz simpel die verbrecherischen Polizeikräfte, um im Kontrast ihre aufrichtigen Helden noch strahlender erscheinen zu lassen. Am Bild der Polizei zu kratzen, ist nicht ihr Ziel. Dafür muss die Polizei schon selber sorgen.

Guten Tag, Herr Grosz

carview.php?tsp=Der Deutschdidaktiker Ernst Nündel hat in seinem Buch über Kurt Schwitters meine schönste Schwitters-Anekdote zerstört. Die ging so: Hausbesitzer Kurt Schwitters wollte gerne in den Kreis der Berliner Dadaisten aufgenommen werden. Die waren überwiegend Kommunisten und lehnten den bürgerlichen Schwitters ab. Deren Wortführer Richard Huelsenbeck nannte Schwitters: „Das Genie im Bratenrock“ und „Den Kaspar David Friedrich der dadaistischen Revolution. “

Einmal wollte Kurt Schwitters den radikalen Maler/Grafiker Georges Grosz in seinem Atelier in Berlin besuchen. Er stieg die Treppen hinauf bis zur fünften Etage, klingelte, und als Grosz die Tür aufriss, sagte Schwitters: „Guten Tag, Herr Grosz. Ich bin Kurt Schwitters“, worauf Grosz wortlos ausholte, Schwitters einen Kinnhaken versetzte und die Tür zuschlug. Die Anekdote glaubte ich bei Hans Richter, dem Chronisten der Dada-Bewegung gelesen zu haben. (Hans Richter; Dada, Kunst und Antikunst. Köln 1973)

Bei Ernst Nündel geht die Anekdote so (beachte den Perspektivwechsel): Eines Tages, es muss im Jahr 1920 gewesen sein, klingelte es an der Wohnungstür von George Grosz in der Nassauischen Straße in Berlin. Als er öffnete, stand vor ihm ein Mann und stellte sich vor: „Mein Name ist Schwitters. Ich möchte gern Georges Grosz sprechen.“ „Ich bin nicht Grosz“, antwortete dieser und schlug die Tür zu. Nicht lange darauf klingelte es aufs neue. Die Tür wurde wieder geöffnet, und ehe der wütende Grosz zu Wort kommen konnte, sagte Schwitters schnell: „Ich bin gar nicht Schwitters“ und stieg befriedigt die Treppe hinab. (Nachweis: Nündel, Ernst; Schwitters. Reinbek bei Hamburg 1981)

„Befriedigt“? Ernsthaft? Schwitters war doch extra hingegangen. Wie konnte er mit dem kindischen „Butz – Wiederbutz“ befriedigt wieder abziehen? Dann doch lieber Kinnhaken und klare Verhältnisse.

Das Lachen des Grünspechts

carview.php?tsp=Obwohl wir beide in der Edition Blumen veröffentlichen, habe ich den Lothar Gröschel noch nicht persönlich gekannt und auch den Kabarettisten Matthias Egersdörfer nicht. Beinah hätte ich ihn getroffen, als der nämlich im September 2023 in Hannover aufgetreten ist. Da wollte ich mir anhören, was er so erzählt, weil ich bei seinen Geschichten Tränen lachen muss, beispielsweise über den Herrn Kramp vom Modehaus Kramp, der die Hand des kleinen Egersdörfer gegriffen hat und nimmer loslässt. Oder was Egersdörfer sich für tragische Entwicklungen ausdenkt, wenn er eine blaue Weinflasche in den Glascontainer werfen will, es aber nur solche für weiße, grüne und braune Flaschen gibt.

Hier wäre noch hinzuzufügen, dass ich Tränen vergossen habe, ohne zu lachen, als ich vor lauter Dusseligkeit mir den kleinen Zeh an der Schlafzimmertür eingefädelt habe, so dass ich ein paar Tage nicht laufen konnte. Deshalb schaffte ich es nicht hin zu seinem Auftritt.

Den Philipp Moll habe ich auch nicht gekannt, aber wenigstens eine Vorstellung von ihm gehabt, weil ich das Büchlein „Blumen und Wurst“ von ihm kenne, worin er einen Brief an sich selbst veröffentlicht hat, dieser Art:

    „Lieber Philipp, weil dir ein lustiger Gott eine kugelrunde Gestalt gegeben hat und du deswegen immer in das hintere Eck von deinem Zimmer rollst und dort mit den Augen nach unten liegen bleiben musst, bis ein dienstbarer Geist dich ans Fenster zurückkugelt, (…)“

Von der Freundschaft zwischen Lothar Gröschel, Matthias Egersdörfer und Philipp Moll handelt ein prächtiges Buch, das mir Christian Dümmler geschickt hat mit Widmungen von Gröschel und Egersdörfer, denn unser Blogfreund CD, der wunderbare Buchkünstler und Verleger Christian Dümmler ist ebenfalls befreundet mit den Autoren. Besonders freut mich die Typografie des Buches mit den manchmal dreist in den Text lappenden groben Zeichnungen des Berliner Grafikers Jörg Liebsch.

Im Buch ist die Geschichte einer Freundschaft erzählt und vom Treiben in einer Wohngemeinschaft auf dem Bauernhof, wo „die Mühle des fröhlichen Irrsinns, und die Bächlein des Leichtsinns und der Leidenschaft schwungvoll das Mahlwerk trieben, mit dem die Freunde voller Inbrunst die ihnen zur Verfügung stehenden zwei Sack Vernunft in kürzester Zeit gänzlich zerkleinerten.“ (S. 73) Zur Gründung des Kulturvereins Winterstein und der Boyband „Fast zu Fürth“ hat’s gereicht und reichts bis heute:

Wer sich das Buch nimmer rechtzeitig zu Weihnachten schenken kann, es geht auch für nachher. Schwere Leseempfehlung!

    Matthias Egersdörfer, Lothar Gröschel
    Das Lachen des Grünspechts
    Eine höchst abenteuerliche Geschichte über Freundschaft,
    Kunst und Wahnsinn in der fränkischen Provinz

    Verlag starfruit publications
    Herausgegeben von Manfred Rothenberger
    Gestaltung von Timo Reger
    248 Seiten mit 25 Zeichnungen von Jörg Liebsch
    Hardcover; 14 x 21 cm
    26,– Euro

    ISBN: 978-3-922895-54-1

Kleine Tassenphilosphie (2)

carview.php?tsp=Etwa 50 Kilometer südlich von Hannover liegt an der Leine das Städtchen Alfeld. Alfeld beherbergt ein Weltkulturerbe, nämlich die von Walter Gropius und Adolf Meyer entworfene Schuhleistenfabrik, das Fagus-Werk. Ich kenne zwar den Spruch: „Schuster bleib bei deinen Leisten!“, hatte mir aber nie Gedanken gemacht, welche Leisten gemeint sind. Ein Freund wurde mal am Leistenbruch operiert, aber wenn man gebrochene Leisten abstoßen könnte wie die Eidechsen den Schwanz, warum müsste nur der Schuster ermahnt werden, das zu lassen? Es muss eine andere Bewandtnis geben.
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Die dem menschlichen Fuß nachgebildeten Formstücke, über den das Schuhleder geschlagen wird, nennt der Schuster Leisten. Sie sind meistens aus Buchenholz gefertigt, was den Namen des Fagus-Werks erklärt, denn fagus ist Latein für Buche. Es gibt die Leisten in verschiedenen Größen und Formen. Sie sind im dortigen Schuhleistenmuseum ausgestellt. Aus dessen Shop stammt eine Tasse, aus der ich selten trinke. Sie ist mir zu eng und zu hoch, weshalb die enthaltene Flüssigkeit eine schier unergründliche Tiefe hat. Ich weiß nicht, was der Tassendesigner sich gedacht hat, weder an das Bauhaus-Ideal „form follows function“, noch an ein schönes Verhältnis von Höhe und Breite nach dem Goldenen Schnitt, sondern vermutlich an gar nichts. Der Mensch wollte nur eine ungewöhnliche Tassenform gestalten, und Bauhaus – oh, das ist ja ungewöhnliches Design.

Die schlanke Porzellantasse hat an ihrem Fuß den fast rundum verlaufenden Farbdruck einer stilisierten Darstellung der Schuhleistenfabrik. Im Himmel steht mit schwarzen Versalien in fetter Groteskschrift: „UNESCO-WELTERBE-FAGUS-WERK“ Der Henkel ist gefällig geschweift. Er kann zwei meiner Finger aufnehmen, wobei sich der Mittelfinger stützend unter den Henkel der Tasse legt. So verhindert man ihr Nach-vorne-Kippen. Vielleicht kaufte ich die Tasse aus Erleichterung, wieder im Erdgeschoss zu sein, denn auf den Etagen darüber war mir mulmig, weil der Boden aus schmalen Leisten Latten besteht, durch deren Ritzen man bis unten gucken kann. Wenn ich mich also gruseln will, trinke ich aus der Fagus-Tasse.

    Aufruf zu einem Mitmachprojekt:

    Erzähle von deiner Lieblingstasse!
    – Woher stammt sie;
    – wie ist sie in deinen Besitz gekommen;
    – was zeichnet sie aus;
    – wie und warum benutzt du sie?

Kleine Tassenphilosophie (1)

carview.php?tsp=Am liebsten beginne ich meinen Tag mit einer weißen Tasse, einem Geschenk der FAZ. Ich bekam sie im Jahr 2000 bei einem Seminar in der Frankfurter FAZ-Redaktion. Die zylindrische Porzellantasse ist bedruckt in Schwarz mit drei aufgefächerten Büchern der FAZ. Zuunterst liegt das erste Buch, der sogenannten Mantel mit dem Kopf „Frankfurter Allgemeine.“ Darüber liegt der Wirtschaftsteil, zuoberst der Finanzmarkt. Quer über dem Bild steht in Times New Roman die Aufschrift „Mehr Wirtschaft.“ Wenn ich meinen morgendlichen Kaffee daraus trinke, vermittelt sie mir ein Gefühl der wohlgeordneten Verhältnisse, gespeist aus dem Wissen, dass die Seiten aus dem Finanzmarkt wegen der Börsenkurse damals als einzige noch Korrektur gelesen wurden. Mit der Lupe ist der jeweils dreispaltige Seitenaufmacher vom Montag, 4. Januar 1999 zu lesen: Wirtschaftsteil: Die Euro-Umstellung ist wie geplant verlaufen“, Finanzmarkt: „Der erste Euro-Marktkurs lautet 1,17 Dollar.“

Es geht um die Euroeinführung am 1. Januar 1999 als Buchungswährung. Der Euro als Bargeld kam erst am 1. Januar 2002. Es war ein Dienstag. Am folgenden Sonntag war ich mit meinem Freund Erlenberger zu einer Schneewanderung durch das holländische Mergelland verabredet. In einem lauschigen Café in Mechelen habe ich „één kopje koffie en Appeltaart met vanille-ijs en slagroom“ erstmals mit Euro bezahlt. Zur Winterzeit stehe ich gerne mit der FAZ-Tasse am Fenster, wärme mir die Oberschenkel an der Heizung, schaue hinunter auf vorbei strebende Passanten und erinnere mich wohlig an diese Wanderung durch die Eiseskälte.

Kinderbuch – Zum guten Schluss

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30 Blatt wollte ich zeichnen, aber die Geschichte ist nicht auserzählt. Deshalb ist das letze Bild ein Textblatt Jetzt rächte sich, dass ich nur eine vage Vorstellung vom Handlungsverlauf hatte, als ich zu zeichnen begann. Die im Zeichenstil abgesetzte Binnenerzählung mit dem Schneewittchenmotiv steht ganz im Geist der 1970-er Jahre, als man bekannte Märchen neu erzählte, meistens um deren Grausamkeit zu mildern, bis im Jahr 1977 Bruno Bettelheims Ehrenrettung der Märchen erschien: Kinder brauchen Märchen. Leider treten nur vier jammernde Zwerge auf, weil mir keine passenden Wendungen mehr eingefallen sind.
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