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Der Blogger war es nicht
Trithemius erzählte: „Wie schon erwähnt, hat mich Reibach an einen Privatgelehrten vermittelt, der für die Begabtensonderprüfung einjährige Vorbereitungskurse anbot. Dr. Werner Schmieder lebte mit einem alten Mütterchen verbittert in einem Reihenhaus voller Bücher. Er hatte sich wohl vergeblich um eine Professur an der Pädagogischen Hochschule bemüht – in einer Zeit, in der unzählige Gymnasialllehrer zu Professoren „hochgefürstet“ wurden, wie Dr. Schmieder gerne betonte. Obwohl er gegenüber diesen „Flachzangen“ wirklich qualifiziert war, hatte sein großer Feind, Stadtdirektor Berger, seine Professur verhindert, ‚weil ich homosexuell bin‘, geiferte Schmieder.“
„Qualifiziert, aber leider schwul, und ausgebremst vom homophoben Stadtdirektor“, brachte Tante Hedwig es auf den Punkt. „Ich kannte Schmieder, denn man hatte ihn auf einen Posten bei der Stadtbibliothek verschoben, für den er völlig überqualifiziert war. Mit den Jahren aber genoss Schmieder seine beschauliche Anstellung. Niemand erwartete etwas von ihm, niemandem fiel auf, wenn er sein Mittagsschläfchen auf der Ottomane in seinem Büro in den Nachmittag ausdehnte. Wer überraschend hineinschaute in Schmieders Büro, fand ihn schlummernd, die Lesebrille hoch auf die Stirn geschoben. Ein Büchlein war seiner Hand entglitten, das Bild des fleißigen Kopfarbeiters, den es bei der anstrengenden Tätigkeit des Lesens übermannt hatte. Den Feierabend erlebte Schmieder frisch und ausgeruht, denn fit musste er sein – für die Abendkurse, die er in seinem Haus gab, und von denen wir alle in der Bibliothek wussten.“
Der Blogger nahm den Faden wieder auf: „Eines Abends beim Abendkurs sagte Schmieder zu mir: ‚Ach, so kommen Sie doch mal her! Ich muss etwas überprüfen.‘ Ich trat an sein Pult, und er rückte dicht an mich ran, um mich durch die starke Brille zu fixieren. ‚Schieben Sie mal die Stirnlocke zur Seite!‘ Er inspizierte mich genau, rief dann aus: ‚Sie sind es nicht!‘ und wandte sich enttäuscht ab.
‚Ich bin was nicht?‘, fragte ich.
‚Ja, ich dachte, sie wären in einem Heft abgebildet‘ sagte er anzüglich grinsend, ‚aber Sie sind es nicht. Ihnen fehlt da eine Narbe über der Augenbraue.‘
„Das ganze fand vor der Runde der anderen Kursteilnehmer statt, und ich fühlte mich unangenehm berührt. Während ich mich setzte, sprach er mir in den Nacken: ‚Ich hatte mich schon gefragt, ob Sie woanders auch gut bestückt sind … bei Ihrem Bartwuchs. Aber Sie sind es vermutlich nicht.‘
„Man nennt es wohl heute ’sexuelle Belästigung’“, sagte Johanna empört.
„Yo!“, sagte der Blogger.
„Ich wollte dich nicht ausbremsen; erzähle weiter!“
Trithemius atmete tief und fuhr fort: „Gegen Nachmittag des übernächsten Tages war plötzlich Unruhe im AStA. Reibach stürmte herein, eilte durch die Räume und zeigt ein Blatt herum. ‚Komm mal her, du Aktmodell!‘, rief er. Schmieder musste Reibach von seiner Entdeckung erzählt haben, und Reibach hatte ihn so lange gedrängt, dass Schmieder ihm das Bild aus dem Schwulenmagazin fotokopiert hatte. Zu sehen war ein gereckt stehender nackter Mann, der mit erhobenen Armen ein gewrungenes Handtuch hinterm Nacken hielt. Er stand ein wenig gespreizt da, hatte den muskulösen Oberkörper leicht zur Seite gedreht und sah mir vor allem nicht ähnlich, wie auch die AStA-Sekretärin Kathy Ohn bestätigte, wobei sie errötete, denn sie sah sich plötzlich im Verdacht, mich ein bisschen näher zu kennen.
‚Die Nase ist doch viel gröber als deine‘, sagte sie rasch, was es nicht besser machte, denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte:
‚Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!‘
„Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich, in Anspielung auf ihre alte Arbeitsstelle, denn sie hatte zuvor die Häuser in der Bordellgasse geputzt. Dann sagte ich in die Runde: ‚Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.‘
‚Jaja, schon gut! Du bist es nicht‘, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las grinsend vor:
- Lieber Herr Dr. Reibach,
kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren, das unseren gemeinsamen Bekannten, Herrn Trithemius, NICHT!!! zeigt, da ihm die Narbe über der Augenbraue fehlt. Ich bin ob meiner Handlungsweise untröstlich, konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Trithemius damit antun. Denken Sie auch an seine arme, arme Frau!
In Unruhe, Ihr
Dr. Werner Schmieder
„So war Reibach eben. Die Bitte, die Fotokopie nicht herumzuzeigen, hatte ihn angespornt, es doch zu tun.
‚Na siehste‘, sagte er zu mir, ‚damit ist ja alles klar.‘
Klar war gar nichts. Ein Mann hatte mich nackt gesehen, ohne dass ich nackt gewesen war, und der halbe AStA wusste nun, wie ich nicht (!) aussah. Immerhin hatte ich offiziell keine Narbe über der Augenbraue, was mir bis dahin nie als Auszeichnung erschienen war.
Reibach steckte die Fotokopie ein wie ein Beweisdokument. Ich verließ den AStA mit dem Gefühl, einer Karriere als Aktmodell knapp entgangen zu sein – nicht aus sittlichen Gründen, sondern aus anatomischen. Man muss eben auch für die falschen Rollen die richtige Narbe mitbringen.“








