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Endlich habe ich auf youtube.com das Lied gefunden. Ich wollte diesen Artikel bereits im August posten.
Sie weiß noch genau, wo es war. In einem Wald oberhalb Bozens. Sie weiß noch genau, in welcher Jahreszeit es war: Herbst. Sie sammelten nämlich Kastanien im Wald von St. Anton, eigentlich schon Rittner Gebiet. Sie weiß auch, dass es rechts am Ende des steilen Weges war. Sie weiß auch, wie erschrocken sie war. Er sagte nämlich, dass er bald stürbe und zwar vor seinem vierzigsten Geburtstag, im Auto und nicht durch seine Schuld. Vielleicht hatte sie es dann vergessen, aber sie erinnert sich noch daran, wie viel Angst sie etliche Zeit danach noch hatte. Viel Zeit kann nicht vergangen sein, denn er starb am 4. November, in seinem vierzigsten Lebensjahr, ein halbes Jahr vor seinem vierzigsten Geburtstag.
Es geschah auf der Heimfahrt von München. Sie fuhren ab und zu nach Deutschland, dem Heimatland der Mutter, um Einkäufe zu machen. Die Waren waren billiger, man hatte mehr Auswahl, das Benzin war auch billiger: Die Reise machte sich bezahlt. Der 4. November war damals noch Feiertag. Es geschah auf der Rückfahrt, so gegen 17 Uhr. Die Mutter war sicher, dass die Scheinwerfer eingeschaltet waren, denn sie und ihre Schwester hätten Bemerkungen über die Angaben im Tacho gemacht. Es war die Stunde des Zwielichts. Der andere Wagen, ein Audi, war beim Überholen in den Wagen gekracht, den der Fahrer nicht gesehen haben wollte. Zwei Wochen nach dem Unfall hatte er sich bereits einen anderen Wagen gekauft. Besonders die Fahrerseite hatte es erwischt. Sie saß hinter ihrem Vater. Der erste Gedanke war: Es ist also passiert. Es ist uns passiert. Ist es uns wirklich passiert? Sie ist vom Auto auf den Acker gerannt, dann wieder zurück, wieder auf den Acker, wieder zurück. Sie hörte ihren Vater stöhnen, das Lenkrad hatte seinen Beckenbereich zertrümmert. Sie bemerkte die Leute, die am Unfallort standen. Es störte sie. Aber was konnte sie machen? Sie war doch erst zwölf Jahre alt.Nach einiger Zeit bemerkte sie, wie aus ihrem Mund Blut floss.
Im Krankenhaus. Sie bekam eine Betäubungsspritze in die Lippe, welche höllisch weh tat. Dann wurde die Platzwunde genäht. Sie weiß noch, wie sie mit ihrer Schwester an einem riesigen Tisch saß. Ab und zu kam die Mutter. Sie erzählte, wie der Vater wollte, dass sie den Hosenanzug bekam, den sie am Vormittag genau in diesem Ort anprobiert hatte. Die erste Hose ihres Lebens. Die nächste Erinnerung ist ein Zimmer mit einem Doppelbett. Sie lagen alle darauf, angezogen. Irgendwann kamen die Verwandten aus Bozen und sagten, dass der Vater verstorben sei. Die Kusine erzählte, sie habe nach meinem Vater gefragt und als Antwort hätte sie bekommen: „Ach, Sie meinen den jungen Mann, der gerade verstorben ist?“. Sie erinnert sich noch daran, wie sie am nächsten Tag alle ins Leichenhaus gingen. Dort lag der Vater, eine Nelke in den Händen. Die Tante sagte: „Gib deinem Vater noch einen Kuss!“. Sie konnte es nicht, das war nicht mehr ihr Vater, ihr schöner Vater, ihr junger Vater, ihr lebenslustiger Vater. Sie konnte es nicht. Noch lange Zeit danach fühlte sie sich schuldig, weil sie ihren Vater nicht geküsst hatte. Zu Hause roch sie zigmal sein Kopfkissen, seine Kleidung, sogar seine Schuhe. Sie wollte seinen Geruch in sich aufnehmen und nie mehr vergessen. Nun, sie hat seinen Geruch vergessen. Sie könnte ihn nicht wiedererkennen.
Fotos nur wenige gemacht. Keine Zeit dafür. Meine Kamera einem Schüler überlassen. Als endlich Sonne schien, war Kamera ohne Energie, ich ohne Auflader.
Wien: großzügige Straßen, Protzbauten, Historismus, Repräsentation, Fischer von Erlach, Musil, Loos, Hundertwasser, kein Schiele, kein Klimt, Gotik, Barock, Paradebett, allerorts Sisi und Mozart; Marios Tod; Regen, bissiger Wind, graues Wetter, raue Stimme, schönste Sonne, Herbst, farbige Blätter, bunte Bäume; kontrollieren, bis zwölf zählen, wiederholen, antreiben, auffordern, ermahnen, drohen, lachen, umarmen, versöhnen, helfen, trösten; geschwollene Fußgelenke, verschwollene Augen, kaum Schlaf, Nachtwache, keine Zeit für mich; U-Bahn, Zieglergasse, Ottakring, Simmering, Mariahilferstraße rauf und runter, Mittagessen um halb zwölf, Abendessen um halb sechs. Trotz allem und gerade deswegen: Schön war’s.
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Man sagt, Selbsterkenntnis sei der erste Weg zur Besserung. Ich fürchte, bei ersterem wird es bleiben.
Oft sage ich mir, das oder das muss ich aufbewahren – unterlasse es dann jedoch. Manchmal kann ich mich auch nicht entscheiden, ob das Thema mich nur momentan bewegt oder ob es erinnerungswürdig ist. Beide Gründe sollten mich jedoch nicht davon abhalten, dem Ereignis ein Denkmal zu setzen. Nur – vor lauter Denkmäler hätte ich keine Zeit mehr für andere Dinge. Es gibt zu viele Ereignisse, die mich interessieren. Also nehme ich den bequemeren Weg: Stille.
Wie das Privatfernsehen (das italienische) Gehirnwäsche betreibt. Nichts Neues. Aber mal vom Schweizer Fernsehen aus betrachtet (gesendet in „Box Office“ im 3sat vom 10. Juni ). Sehenswert.
https://videoportal.sf.tv/video?id=a28f7ba7-2c61-4171-b06d-c612ae96d639

Ich kopiere hier den Text, den ich gestern als Kommentar auf Facebook geschrieben hatte. Die ausgewählten Bilder stammen natürlich von der Kundgebung auf Schloss Sigmundskron im Jahre 1957.
Es tut mir leid. Komisch. Hab nie SVP oder eine andere „deutsche“ Partei gewählt, aber ich denke, dass er besonders in den sechziger Jahren (man muss es immer im Kontext sehen) vorsichtig und umsichtig gehandelt hat. Damals hatte die SVP noch ihre Daseinsberechtigung, jetzt ist das Schlagwort „Sammelpartei“ anachronistisch. Es ist eine Partei der wirtschaftlich Starken, die mittels des obigen Schlüsselwortes auch die (Einkommens)Schwachen immer wieder in ihren Bann zieht. Heimat? Heimat ist zweitrangig, solange das Kleingeld in der Tasche klimpert. Es kling so abgedroschen, aber Herr Magnago war ein Politiker, der noch Ideale hatte und danach handelte und dem ökonomische Zuwendungen sicher nicht den Blick vernebelten. Schade um ihn.
Link zum Kondolenzbuch der Provinz-Seite (hier gefallen mir die zahlreichen Beileidsbekundungen von italienischsprachigen Südtirolern, die Magnagos Bemühungen um „la nostra terra“ loben) und zu einem Artikel von Alexander Langer über Silvius Magnago.
Etwas Persönliches.
Als meine Tochter eine Online-Bestellung tätigte, fügte ich auch diesen Titel hinzu. Ich hatte ihn in meinen Bücherwünschen, hatte wahrscheinlich irgendwo darüber gelesen. Als das Buch dann kam, bekam ich einen Riesenschreck: fast tausend Seiten! So, wie ich mir keinen Film ansehe, nur weil er ein Kinohit ist, kaufe ich ebenso kein Buch, nur weil es gerade ein Bestseller ist: Handelte ich so, hätte ich es gewusst.
Vor drei Tagen kaute ich mich durch das erste Kapitel, legte das Buch zur Seite und schlief mit der Überzeugung ein, nichts, aber schon gar nichts zu kapieren. An den letzten beiden Abenden habe ich mich etwas mehr in das Buch reingelesen. Ich fühle mich immer noch wie eine Schiffbrüchige auf hoher See.
Ich habe das Maikonzert nur kurz gesehen. War es Zufall, dass ich gerade die Darbietung von Herrn Del Re sah? Sie war unbeschreiblich. Hier der Ausschnitt auf Youtube:
In meinen Jugendjahren habe ich seine Lieder dauernd gehört. Dann hatte ich lange Zeit genug von ihm, ich konnte seine Stimme nicht mehr hören. Letzte Woche habe ich mir das Interview mit ihm bei „Che tempo che fa“ angesehen und eine irrsinnige Sehnsucht bekommen nach seinen Liedern. „Il vecchio e il bambino“ ist eines, das mich damals wie heute zu Tränen rührt. Francesco Guccini ist einer der wenigen bekannten und von mir geachteten Menschen, die sich selbst treu geblieben sind. Das tut gut.
Am 14. Juni 2010 wird er siebzig Jahre alt.
Zur Zeit bräuchte man eigentlich gar nicht ins Theater zu gehen, um sich mit den dunklen und verzwickten Gängen der Seele zu konfrontieren, aber Giuliana Lojodice ist absolut sehenswert in diesem Stück.


Eine ziemlich „leichte“, dennoch interessante „Lektüre“ des Verhaltens:
Ende Januar erschien auf www.repubblica.it ein Artikel über eine interessante Frau, Vivian Maier. Sie fotografierte ab den fünfziger Jahren auf den Straßen Chicagos. Ihren Unterhalt verdiente sie sich als Kindermädchen.
Auf dem Blog des Mannes, der die Fotos – um die vierzigtausend – auf einer Auktion erwarb, sind die entwickelten Bilder zu sehen.
Adventskalender gibt es deren viele im Netz. Einer gefällt mir in diesem Jahr besonders:
Lang, lang ist’s her. Andere Titelblätter lassen sich hier (Gazzetta di Mantova) anschauen.
Traurig, aber wahr. Leider.
Viele wissen es nicht: Wenn man auf der Steuererklärung nicht ausdrücklich den Empfänger von „otto per mille“ angibt – und das machen über 60% der Erklärer – kommt dieses Geld in einen Topf, aus dem das Geld im Verhältnis zu den explizit getätigten Angaben an die verschiedenen Empfänger fließt. Da über 80% willentlich und wissentlich das Geld der katholischen Kirche vermacht, geht das Geld im Topf zu über 80% wiederum an die katholische Kirche. Siehe hierzu diesen Link (die Seite ist etwas unübersichtlich, aber man kommt zu den gesuchten Informationen, auch zu jenen bezüglich des „cinque per mille“).
Aber auch jene, die das Geld nichtreligiösen Zwecken zuwenden wollen und die Option „Staat“ ankreuzen, geben es im Endeffekt zum großen Teil der katholischen Kirche: Hierzu lohnt die Lektüre des kürzlich erschienen Artikels von Repubblica.
Ich persönlich handhabe es als Nichtgläubige so: Ich gebe es der Waldesischen Kirche, die ihre Einkünfte nicht in der Mission, sondern für erzieherische Einrichtungen ausgibt. Die diesbezügliche Seite ist hier.
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