Ich bin dabei, meine Morgen-Routine abzuschließen, deutlich, d e u t l i c h früher als ich mich sonst an einem Samstag dazu bringen könnte, denn für das Magazin für das ich von Zeit zu Zeit schreibe, fahre ich heute nach Bad Aussee, einem kleinen Ort in der Steiermark, um über eine Art „Regen-Festival“ zu schreiben, dass dort einmal alle zehn Jahre stattfindet. Woistschonwiederdasaftershave?! ich muss mir endlich angewöhnen, alle Alltagsdinge immer an die selbe Stelle zu stellen, dann müsste ich sie auch nicht ständig suchen. Dauernd verbummele ich meine Sachen. Wie oft musste ich früher meinen Eltern beichten, dass ich schon wieder meinen Turnbeutel verloren habe, grrr, das ist mir auch heute noch peinlich. Mir fällt auf, wie spät es schon ist. Wie immer wenn ich angespannt bin, greife ich reflexhaft zu meinem Nippelpiercing. Es ist höchste Zeit loszufahren, wird wohl nichts mit noch frühstücken, wirklich super. Und, ja, das war dumm, mit dem Auto fahren zu wollen. Ich hätte stattdessen a. mit dem Zug fahren sollen und b. schon gestern. Hätte, hätte, hätte. Was brauche ich heute? Ich nehme nur Unterwäsche und den Reiseführer und ein bisschen Reisezeug mit und gehe zum Auto. Den Reiseführer habe ich antiquarisch gekauft. Die oder der Vorbesitzer benutzte um Unterschreiben fröhlich bunte Textmarker, nice.
Der Auftrag kam kurzfristig und ich hatte nicht so viel Zeit, mich vorzubereiten. Ich mailte mir in der letzten Woche mit der Veranstalterin des Regenfestivals hin-und-her. Ihre Mails hatten so einen kraftvoll-optimistischen no bullshit-Ton: zack! Es findet dann-und-dann statt, zack! hier die Adresse, zack! „Sie werden nicht als Teilnehmer da sein, sondern als Beobachter; dafür müssen sie auch nicht die Teilnahmegebühr bezahlen. Die Regenmacherin wird im Laufe des Abend eintreffen.“
Je weiter ich in den Süden fahre, desto kahler sind die Bäume. In dem norddeutschen Speckgürtel in dem ich wohne, regnet es die ganze Zeit (naja, fast), dort kommen die Bäume besser zurecht. Ab Kassel südwärts sieht es immer schlimmer aus, ganze Waldhänge trocknen ihrem Tod entgegen. Und das nur der Teil, den ich von der Autobahn aus sehe, beunruhigend.
Das Navi lässt mich so wahnsinnig lange Zeiten ohne Abbiegen fahren, „Folgen Sie dem Straßenverlauf für die nächsten drei Stunden und halten Sie sich dann rechts“. Erst nachdem ich über die Grenze gefahren bin, wird derdiedas Navi ein bisschen wacher. Ah, stimmt, hier ist Hallstatt um die Ecke. Im Reiseführer ist ein ganzes Kapitel nur über diese Stadt, die Autoren überschlagen sich mit Lob. „Wenn Sie nur eine einzige Stadt besichtigen, dann besichtigen Sie diese hier!“ befiehlt der Reiseführer eher als dass er es vorschlägt.
Ein bisschen gerädert komme ich schließlich bei der Adresse an, die mir die Veranstalterin genannt hat. Es ist eine Wiese an einem See, rechts daneben fröhlicht ein kleiner Spielplatz vor sich hin. Es ist schon spät, aber die Tage sind gerade lang und es dauert noch ein paar Stunden bis zum Sonnenuntergang. Ich frage mich bis zur Veranstalterin vor. Sie spricht so wie ihre Mails klangen: „Schön, dass Sie da sind. Früher kam mehr Presse zu unseren Festen.“
„Ich würde gerne ein Interview mit der Regenmacherin führen.“
„Die Regenmacherin ist noch nicht da. Nehmen Sie sich etwas vom Buffet“, sagt sie und ergänzt, dass sie jetzt prüfen müsste, ob genug Feuerlöscher da sind, man habe einige Feuer gemacht. Davor bittet sie einen Typen in einem Nazca-Tshirt mehr Sprudelkästen aus einem der Sprinter zu holen. Ohne einen Ansprechpartner zu haben, drifte ich ein mal-hierhin und mal-dorthin. Manche Leute dancen ein bisschen, ein paar machen Yoga, die meisten stehen in kleinen Gruppen zusammen und unterhalten sich. Ein Mann trägt einen großen, flachen Korb. Darin sind getrocknete Ringelblumen-Blüten, die er mit der ganzen Hand rausnimmt und in die Menge wirft. Eine Frau sitzt unter einer etwas traurig aussehenden Rosskastanie und faltet Origami-Tiere. Ich komme näher. Sie hat schöne Hände und reicht mir einen Papierphönix. „Darf ich den behalten?“, frage ich (vorsichtshalber, aus ähnlichen Situationen gelernt habend). Sie nickt. Ich gehe weiter und bleibe schließlich an einem Zelt stehen, das genau in der Mitte des Geländes steht. Darin hängt eine Art Umhang sowie Kopfschmuck und Knöchelbändchen. Alles aus demselben Material, so kleine dünne Hölzer, in mehreren Schichten übereinander und mit etwas kleinem, hartem gefüllt, vielleicht getrockneten Erbsen. Wenn man mit der Hand durchfährt, macht es ein Geräusch als würde es regnen. Am Boden liegt eine mit Leder bespannte Trommel. À propos Musik: Ich habe so halb erwartet, dass auf dem Festival Live-Musik sein wird, von Leuten, die in Percussion-Kreisen sitzen oder so, aber es läuft Elektro-Ambient-Musik aus Lautsprechern. Als ich aus dem Zelt rauskomme, steht dort ein Typ und raucht. Der Typ trägt Ledersandalen und eine Art kurzen Umhang, ansonsten nichts. Er ist sehr hager und hat so Beine wie sie Sportradfahrer oder Fahrradkuriere haben.
„Habe gerade das Kostüm gesehen“, sage ich, „es macht ein regenähnliches Geräusch, die Regenmacherin wird es ja vermutlich nachher tragen.“
„Nein, wird sie nicht. Aber Du hast recht: Magie bedeutet, etwas zu machen, das dem, was Du möchtest ähnlich ist“, sagt der hagere Halbnackte. Ich lasse ihn alleine weiterrauchen und bewege mich in Richtung der Yoga-Gruppe.
Eine Yoga-Frau kommt auf mich zu. Ihre Arme sind mit floralen Bildern tätowiert und sie hat die strengen Gesichtszüge einer Juristin oder einer Abteilungschefin. Sie bewegt sich auf die abgefederte, schwerelose Art, die Yoga-Menschen manchmal zu eigen ist und spricht mit dermaßen starkem Dialekt, dass ich nicht ein Wort verstehe. Sie hält zwei Gläser Fruchtsaft (Smoothie? Bio-Energydrink?) und bietet mir eines davon mit einer freundlichen Geste an. Es ist das bitterste, das ich jemals getrunken habe. Vielleicht auch das gesündeste, wer weiß, aber so bitter, dass ich jetzt gerne meinen Kopf in einen Sack Zucker stecken würde. Die Yoga-Frau lacht und sagt etwas, das ich abermals nicht verstehe.
Neben einem großen Lagerfeuer gibt es noch mehrere kleinere. Ich sehe den hageren Typen an einem davon stehen und stelle mich neben ihn.
„Jetzt ist es so heiß und trocken“, sage ich, “ aber ich sehe schon, wie es, sobald ich diesen Ort verlassen habe, anfangen wird wie aus Kübeln zu schütten und meinen ganzen Heimweg über weiterregnen wird; mir zum Trotz.“
„Du nimmst Dich ziemlich ernst, was?“, sagt der Hagere und lacht. Anschließend erklärt er mir, was es mit dem Festival auf sich hat: Wie sie es finanzieren, warum sie es an diesem Ort machen, wie er davon erfahren hat und so weiter. Er weiß ziemlich viel hierüber, gut dass ich ihn getroffen habe. Das sollte ich mir überhaupt für Schreibaufträge bei Events merken: Jemanden finden, der sich auskennt und mich dann an diese Person dranhängen.
Ein paar Festivalbesucher tragen Holz zu dem Hauptfeuer. Dass sie trotz der Dürre überhaupt so ein großes Lagerfeuer machen dürfen, liegt daran (wie ich nun weiß), dass sie in unmittelbare Nähe des Sees sind. So ziemlich alle anderen haben sich der Yoga-Gruppe angeschlossen. Sie machen alle die gleiche Übung. Sie sieht ziemlich eckig aus. Warum machen sie nicht etwas das mehr nach Regen aussieht? Es gibt im Yoga doch auch so (mir fehlt es an Yoga-Vokabular, um das präzise auszudrücken) weiche, fließende, „von-oben-nach-unten vollführte“ Übungen? Was die hier machen ist eine ziemlich harte, angespannte Übung, die viele Aufsteh-Bewegungen beinhaltet. Sieht trotzdem ganz cool aus, wenn die das alle gleichzeitig tun. Sie sind wahnsinnig gut synchronisiert, ein bisschen so wie ein einziger Körper, wie eine Welle.
Ich suche und finde den Hageren, der schon wieder raucht.
„Es gibt so eine Geschichte über einen Regenmacher“, sage ich, „in verschiedenen Versionen. Bei meiner Recherche hierfür, bin ich immer wieder darauf gestoßen.“
„Ach, ‚denn Regen wird nur verliehen‚ und so? Ein Märchen, mehr nicht.“
„Ist das nicht so euer Gründungsmythos oder so?“
„… ‚Gründungsmythos‘ ist so ein großes, hohles Wort. Das Problem ist, dass diese Ereignisse, falls sie überhaupt so passiert sind – und das ist ein großes ‚Falls‘ -, in einer, sehr hypothetischen, Urheimat stattfanden – wovon weder schriftliche noch sonstige Zeugnisse von geblieben sind. Vielleicht ist es so passiert – vielleicht nicht.“
„Hmmh.“
„Du hast eine andere Antwort erwartet, was, kleiner Star-Reporter?“
„Ehrlich gesagt: Ja. Auch so auf das ganze Event hier bezogen.“
„Was denn?“
„Naja, dass hier mehr Action ist. Dass Ihr hier so krasse Rituale aufführt und so.“
Er schweigt eine Weile und fragt dann: „Warum bist Du hier?“
„Um über Euer Festival zu schreiben.“
„Nein. Warum bist Du hier?“
„Hmmh“, ich bin mir nicht sicher, was er meint.
„Ja?“
„Naja, damit Leute überhaupt online Reportagen lesen, muss man immer über Schlüsselthemen schreiben. Noch besser ist es, wenn es zwei, drei Key-Topics in einer Sache zusammenfallen, wie zum Beispiel ‚veganes Binge-Watching‘. Bei Euch, hier heute Abend, geht es um Klimawandel und um so ganzheitliche Gesundheit und Spiritualität. Das sind beides Themen, die gerade …“
„Nein, nein. Warum. Bist. Du. Hier?“
Ich verstehe die Frage akustisch-semantisch, aber ich raffe nicht worauf er hinauswill.
„Äh … was?“
Ein anderer, nicht ganz so nackter, Mann kommt zu uns und sagt zu dem Hageren:
„Hier bist Du! Ich hab Dich gesucht. So langsam könnte man mal zum Bahnhof fahren.“
„Um die Regenmacherin abzuholen?“, frage ich.
„Ja“, sagt der Hagere, „komm mit, wenn du möchtest.“
Der hiesige Bahnhof hat nur vier Gleise. Der Veranstalterin, der Hagere (hat er sich für die Fahrt zum Bahnhof etwas angezogen? Nein. Ich beneide ihn ein bisschen um sein unverkrampftes Verhältnis zum eigenen Körper) und ich stehen am Bahnsteig. Niemand ist sonst zu sehen. Auf einem großen Schild sieht man einen cartoonhaft gezeichneten Mann, der bedenklich nah vor einem heranfahrenden Zug über die Gleise rennt. Daneben steht „Das geht sich locker aus …“. Der Hagere bemerkt, dass ich versuche das Schild zu enträtseln und sagt: „Das heißt so viel wie ‚Das klappt bestimmt‘. Es ist ironisch gemeint.“
„Verstehe“, sage ich und ergänze „auf Hochdeutsch würde ’sich ausgehen‘ was anderes bedeuten, nämlich …“
Er unterbricht mich: „Warum haben Deutsche immer so ein Bedürfnis, einem zu erklären, was Dinge auf Hochdeutsch heißen?“
Ah – da ist sie, die alpine Grobheit Deutschen gegenüber. Der Reiseführer hat mich vorgewarnt.
„Naja, aber ich kenne ja auch keine Österreicher, also außer Euch, jetzt“, wende ich ein.
Die Regenmacherin steigt aus dem Zug. Auf dem Weg zum Auto gehen wir an einer älteren Dame in Hippie-Klamotten vorbei, die an einem der anderen Bahnsteige wartet. Die Veranstalterin grüßt sie, die Dame grüßt zurück.
„Wollen Sie auch zum Festival?“, frage ich sie neugierig.
Alle schauen mich irritiert an. Habe ich was falsches gesagt?
„Nein“, sagt die Veranstalterin, „ich habe über’s Wochenende ein Zimmer bei ihr gemietet.“
Ok. Warum war das jetzt ein Problem, dass ich das gefragt hab?
Im Auto, auf dem Weg zurück zum See sitze ich neben der Regenmacherin. Sie trägt die Bergsteigerschuhe, die die Wander-Touris hier in der Gegend immer tragen, eine kurze, reißfest wirkende Hose und einen überhaupt nicht dazu passenden Pulli aus dünner Wolle. Halb möchte ich jetzt ein Interview führen, weil es vielleicht die letzte Gelegenheit ist, mit ihr ungestört reden zu können und halb traue ich mich nicht, weil die Stimmung gerade so komisch ist.
„Ich bin …“, sage ich schließlich.
„Ich weiß, wer Du bist“, sagt die Regenmacherin sachlich, nicht unfreundlich.
Als wir an dem Festivalgelände ankommen, zieht sich die Regenmacherin aus und gibt ihre Kleidung der Veranstalterin, die sie sorgfältig zusammenlegt. Jemand gibt der Veranstalterin eine Schale mit blauem Bodypaint. Die Festival-People stellen sich locker in zwei Reihen auf, die von hier zu dem Zelt reichen. Die Veranstalterin läuft dazwischen entlang, sie trägt die Schale vor sich und bietet den Leuten das Bodypaint an. Die Regenmacherin läuft mit ein bisschen Abstand hinterher. Sie geht so wie Tänzer auf der Bühne gehen, wenn sie gerade schauspielern, dass sie gehen: expressiv, bedacht die Ferse zuerst aufsetzend und über die Zehen abrollend; dass fällt umso mehr auf, als die Veranstalterin vor ihr ganz normal läuft. Der Hagere legt seine Hand auf meinen Rücken und gibt mir einen kleinen Schups und wir gehen nebeneinander hinter ihr her. Die Leute tauchen ihre Fingerspitzen in die Schale und berühren die Regenmacherin. Sie nehmen immer nur ganz wenig Bodypaint, aber es sind genug Menschen da, dass sie bald fast vollständig mit Farbe bedeckt ist.
Als die Regenmacherin fast am Zelt ist, tritt eine zierliche Greisin zwischen sie und die Veranstalterin. Die Veranstalterin bleibt stehen und hält ihr die Schale hin. Die Greisin taucht zwei Finger ein und streicht sich die Farbe über die Lippen. Dann geht sie zur Regenmacherin und küsst sie auf den Mund. Die Greisin ist so klein, dass sie sich auf die Zehen stellen muss und dass obwohl sich die Regenmacherin schon zu ihr runterbeugt.
Das ganze läuft läuft schnell und geübt ab. Die Veranstalterin bleibt am Zelt stehen. Alle wissen, wo sie sein und was sie tun sollen, nur ich bin ein bisschen überfordert. Ich greife mir an mein Nippel-Piercing. Es ist nicht da. „Verdammt nochmal …“, sage ich (unabsichtlich laut) und werde fragend angeschaut.
„Ich habe mein Nippelpiercing verloren.“
„Nimm meins“, sagt die Regenmacherin.
Aus irgendeinem Grund sind ihre Augenbrauen in einem dunkleren blau gefärbt als der Rest ihres Gesichts; vielleicht hat sie sich das selbst nachgezogen als ich hinter ihr herlief. Es gibt ihr, zusammen mit dem im halbdunkel geradezu leuchtenden Weiß ihrer Augen, einen durchdringenden Blick. Sie macht ihr Piercing auf, nimmt es raus und gibt es mir. Danach greift sie in die Schale und streicht sich über die, ein bisschen blutende, Stelle. Das Piercing ist handgeschmiedet und sieht aus wie ein Tropfen. Es verliert und fängt das Licht des Feuers.