Ein Weilchen – Nr. 24

Gleißendes Glitzern

Ich gehe in den windstillen Wald. Von den Bäumen hängen einzelne, lange Spinnweben, die mit Eiskristallen überfroren sind. Sie sehen aus wie vergessene Angelschnüre der hiesigen Wichte.

Das knittrig restbunte Laub knirscht bei jedem Schritt unter meinen Sohlen. Auf Augenhöhe kommen mir Swarovskiäste entgegen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und lässt die Kristalle in allen Regenbogenfarben glitzern.

Den bekannten Weg hinauf zum Kanal. Vorbei an vergessenen Kürbissen, die zum Verkauf ausgelegt waren. Der Frost hatte Dali zum Vorbild. Ein zerfallendes Kürbisrund fließt über den Holztisch, hängt über die Kante.

Am Wasser angelangt. Kalte, trockene Luft fräst sich durch meine Nebenhöhlen bis hinter zum Trommelfell. Ruhe. Frieden. Ausatmen.

46 Enten ohne Heimat schwimmen auf dem dampfenden Kanal. Wie ein eingespieltes Wasserballett wissen sie genau, wer wann wohin paddeln darf.

Frohe Weihnachten!

Ein Weilchen – Nr. 22

Mittag. Hetze. Essen.

Im Dicounter meines Vertrauens angle ich nach den letzten 3 Fertigsalaten. Normalerweise meide ich so viel Plastik, aber heute muss es sein. Ich schnappe mir Nr. 1, dann Nr. 2 und der dritte Salat rutscht durch die fehlende Stütze der anderen nach hinten ins Regal. Ich strecke mich, fahre meine unbekrallten Fingernägel zur Gänze aus, wippe auf den Zehenspitzen weiter hoch, dehne mich noch ein Stückchen – meine Finger fummeln blind im Regal herum – und in dem Augenblick, wo ich die Ecke der Salatbox zu fassen bekomme, schießt es mir wie ein heißer Blitz in den unteren Rücken. Verreck! Stöhnend staple ich Salat Nr. 3 auf die anderen und hinke zur Kasse. Welch Ironie: Auf der Verpackung steht „Fitness-Salat“. Hinter mir grinst ein Herr mit überdimensioniertem Redbull-Adventskalender unterm Arm.

Ein Weilchen – Nr. 21

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Nette Kirche, ländliche Umgebung, Abendidyll.

Wie kann man sich nur so täuschen. Dieses Gotteshaus wird zum Albtraum. Du hast 60 Kinder, die schlafen sollen. Und dann ist es fast Mitternacht und du rollst dich ein in deinem Lehrerbett, fix und foxi, Augen zu, Licht aus… chrrrrrr…Ge-döng-ge-döng-ge-döng-ge-döng… Das Gebimmel wird dich die Nacht über begleiten. Laut. Jede gottverdammte Viertelstunde glockt es. Einmal um Viertel nach, zweimal um halb, dreimal um … HASSHASSHASS. Ich krame nach meinen Ohropax. Hach, Himmel hilf! Hab ich natürlich nicht mitgenommen, damit ich die Kinderchen auch mitten in der Nacht hören und beruhigen kann. Ich verfluche die katholische Kirche. Zumindest die nebenan. WARUM in Herrgottsnamen muss diese Glocke denn die ganze Nacht durchläuten? WEM hilft das? „Hörst du nicht die Glo-cken, hörst du nicht die Glo-cken. Ding dang dong.“ Ich bin kein Mönch. Ich muss nicht ans Gebet erinnert werden. Nicht um Viertel nach drei, ihr Spacken! Ich – will – schlafen!

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Ein Weilchen – Nr. 20

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Die Natur als Vorbild. Tarnen ist alles. Seid eins mit der Wand. Oder geht in der Masse unter. Macht euch unsichtbar. Keiner soll euch finden. Haltet still. Beobachtet.

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Das gilt für Bäume.

Als Mensch kann man das natürlich auch tun. Aber wer sich nur still hält und nicht auffallen will, der kann nichts bewegen. Der bleibt Statist im Stummfilm. Manchmal muss man heraustreten aus seiner bequemen Mimikryposition und sich bemerkbar machen. Und wenn nötig auch laut werden. Und auf den Putz hauen. Und giftig funkeln. Manchmal.

Ein Weilchen – Nr. 18

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Heute eine Momentaufnahme, ein Weilchen aus einer anderen Zeit. Hier kommt eine alte Zeichnung von mir aus dem Jahr 1990. Man sieht genau, was ich vom Freibad – schon immer – gehalten habe. Nix.

Viele Leute bruzzeln in der Sonne, wenn du was isst, surren Wespen um dich herum, kleine Kinder wuseln durcheinander, pubertierende Jungs nerven, irgendwas dudelt immer laut und penetrant.

Und trotzdem stimmt mich das Bild nostalgisch. Ich rieche die gelbe Delial-Sonnenmilch, erkenne vorne rechts solch einen – damals pinken – Plastikkorb, wie wir ihn für alle Gelegenheiten hatten, trägerlose Crinkle-Bikinis mit Puffärmeln, den Walkman am Ohr, noch mit Cassette drin, das coole Kofferradio mit zwei Lautsprechern und dann die herrlichen Eissorten dieser Zeit: Ed-von-Schleck, Dolomiti, Brauner Bär und natürlich Flutschfinger. Ach. Jetzt hat mich der Vibe.

Ich sitze abseits des Trubels (je näher ich am Becken sitze, um so öfter werde ich ungefragt reingeschmissen) unter dem schattigen Baum (hellhäutige Schnellsonnenbrändler sollten da immer sitzen) und schnabuliere ein cremiges Mini Milk Vanille (genau die richtige Größe, damit man man in Ruhe schlecken kann, ohne dass einem der Baaatz auf den Crinkle-Bikini tropft) und höre im Hintergrund Alannah Myles, die ein samtiges „Black Velvet“ raunt… War doch geil, diese Zeit.

Ein Weilchen – Nr. 17

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Gut, ist falsch geschrieben. Stand aber so auf einer firmeninternen Infoseite. Mein Gehirn liest dann auch was anderes. Und ich muss zweimal hinschauen, damit ich den Sinn erfasse.

PoPups. Das höre ich mehr, als dass ich es lese.

Ein Weilchen – Nr. 15

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Da werden sich die Kinder aber mal später freuen, dass ihre Eltern die Datenschutzbestimmungen mehrfach gelesen und dreifach die Freigabe von Fotos in irgendeiner Form verneint haben. Sowas stärkt so wunderbar das „Wir“-Gefühl. Und wenn man dann für das 30-jährige Klassentreffen in die – nicht vorhandenen – Gesichter schaut! Hach, watt war et schön damals!

Finde es wirklich schade, dass man noch nicht einmal klassenintern Fotos von Ausflügen oder Aktionen machen und vor allen Dingen den Kindern geben darf. Dieses sch… überdigitalisiert Zeitalter! Und selbst sind die Lütten maximal naiv und zeigefreudig bei ganz anderen Dingen. Einfach verrückt!