Ich bin 56 Jahre alt, was ich nur erwähne, um zu unterstreichen, dass mein Interesse am eigenen Alter schlicht nicht vorhanden ist. Mein Sohn gratuliert mir weiterhin jedes Jahr zum 22. Geburtstag – eine einfühlsame Geste, auch wenn er dabei von Jahr zu Jahr ein wenig mehr schmunzelt. Das lasse ich ihm gelassen durchgehen. Mein Zeitsystem fällt aus dem Rahmen. Ich rechne nicht in Jahren. Ich selbst rechne seit Jahrzehnten nur noch in bravourös vollendeten Achterbahnfahrten. Ich male Punkte auf meine Landkarte, um nicht zu vergessen, wie oft ich als Phönix der Asche immer wieder entflattert bin. Das stärkt mich für alles, was da noch auf mich wartet. Gegen all das laufen meine Glücksmomente tapfer an. Sie sind der Gegenpol, der mich immer wieder auf den richtigen Lebenspfad umleitet. Um mich herum rast an manchen Tagen die Zeit und ich sitze, wie auch jetzt gerade, einfach da und drücke schreibend auf meine persönliche Stopptaste.
So sehr meine Tagträume mich auch anflehen, doch endlich mal nicht alle Last auf meine starken Schultern zu werfen – irgendwer hat sich dabei sicher etwas gedacht, mich mit genau diesen Schultern auszustatten. Mit jeder vollendeten Extrameile denke ich, wie gut, dass ich genau diese Knochen geerbt habe. Leicht habe ich all die Jahre getragen, in denen ich für mich und mein Kind den Phönix nicht nur gespielt, sondern gelebt habe. Wie wundervoll ist es, dass er heute in der Rückschau stolz auf mich und die Zeit ist, in der wir uns allein durchs Leben gewühlt haben. Doch wie dankbar bin ich erst, dass es ihn für mich in meinem Leben gibt. So oft hat es gereicht, ihn als Kind schlafend in seinem Bettchen eine Weile zu betrachten, um für uns immer wieder die Energie zu finden, den nächsten Tag mit einem Lächeln zu begrüßen und zu bestehen. Vieles haben wir gemeinsam erlebt und das Wunder dabei: Immer hatte ich helfende Hände, die wie aus dem Nichts auftauchten und uns auch schon mal ein kleines Stückchen geschoben oder gezogen haben. Diese Hände haben mich auch schon mal mit Wohlwollen in die Welt zurückgeworfen, wenn ich doch mal einen schwachen Moment hatte. All diesen Händen bin ich dankbar. Einiges in meinem Leben hätte es nicht gebraucht, aber auch das haben wir überstanden und es ist schon so lange her.
Wie gesagt, mit Zeit habe ich es nicht so, aber es könnten wohl 15 Jahre ins Land gegangen sein. So lange ist der Katzenmann, der so vieles in einer Person ist, wie aus dem Nichts mitsamt seinen Katzen in das Leben von meinem Sohn und mir geplumpst. Nun leben wir zwar immer noch von Achterbahnfahrt zu Achterbahnfahrt, aber wir schieben uns gelassen und vor allem gemeinsam weiter durchs Leben. Wir haben unsere Stärken und Schwächen zusammengeworfen und einen guten Weg für uns gefunden. Und scheinbar ist dieser Weg für uns bestimmt, denn davon abzukommen scheint das Leben nicht vorgesehen zu haben. So stehen wir wieder mal an der Kreuzung „Alles Neu und Anders“, machen unsere Aufwärmübungen und nehmen Anlauf. Atem tief ein und wieder aus. Der Phönix steigt, wenn es gelingt, erneut auf. Am Boden ein starker Steinbock, dessen wundervolle Hörner schon die Startbahn freiräumen, damit dieses Kunststück noch ein hoffentlich letztes Mal gelingt.
Der Phönix kennt keine Zeit, aber er ist 56 Jahre alt und hofft, dass dieser Flug die Asche für immer verwirbelt. Er tagträumt vom schlafenden Kind das schon viele Jahre eigene Flügel hat, den beiden, die eine Etage tiefer noch immer Klaviertasten bespielen, dem alten Kater, der so liebevoll murren kann, und vom Steinbock, der so lange schon an seiner Seite steht und fliegt, als wäre er nie woanders gewesen. Die Energie daraus packt er sich unter die Flügel und legt den Kopf zu einem stärkenden Schlaf mit darunter. Und wenn er wieder erwacht, wartet ein neuer Tag und er wird wie immer dem Steinbock, einen Kaffee ans Bett bringen und sich daran erfreuen wie er sein müdes Haupt aus der Decke wickelt um mit ihm den Tag zu begrüßen. Und draußen singen die Vögel dem Sonnenaufgang entgegen.
Zwischen hier und jetzt sitzen sie verborgen im Schatten ihrer selbst. Fast unkenntlich als das was sie sein könnten.
Ich werfe die Angel aus. Sie getarnt inmitten von Fiktion gehüllt in Bedenken lassen sie ins Leere schwingen.
Ich tauche nach ihnen. Spüre sie greifbar nah bis mir die Luft ausgeht. Atemnot!
Ich greife nach Taucherbrille und Schnorchel. Tag um Tag gehe ich ihnen auf den Grund.
Schließlich verborgen in einer Tomaten-Anemone finde ich einen. Für mich ist er dort nicht zu erreichen. Doch er fasst sich ein Herz und zeigt mir seine Gestalt.
Klare Gedanken sind ein guter Grund für tägliche Expeditionen.
Ich habe den Song zum Bild heute in Dauerwiederholungsschleife beim Malen gehört. Er hat mich mitgezogen und jetzt, kurz vor dem Einstellen in meinen Blog, spüre ich, wie ich mich dabei wundersam entknotet habe. Mein Kopf spuckt das eben noch in meinen Gedankenschleifen verfangene Herz auf wundersame Weise gelassen vor meine Füße. Staunend sehen wir uns an und lächeln. Denn wir fühlen uns nicht allein. Mein Herz schlägt ruhig, und ich atme tief ein und auch wieder aus. Ruhig und gestärkt für alles, was da noch so kommen mag.
So lege ich den Song hier ab – vielleicht lächelt das ein oder andere Herz beim Zuhören gelassen mit. DOTA KEHR – „Überall so“
Der Einladung von Myriade möchte ich gerne folgen, so ist aus Bild eins (Schildkröte) und dem Mosaiksteinchen „Kälte“ der folgende kleine Text entstanden.
Wurzeln und Wege – Generationen, Schildkröte und Buddha
Im sanften Zwielicht meines Zimmers ruht die hölzerne Schildkröte ein Geschenk meines Kindes still und wachsam auf dem Tisch. Ihr Rücken trägt Geschichten in ihrem Holz atmen Erinnerungen.
Der Buddha aus dem Besitz meiner Großmutter lächelt leise in sich hinein, als wüsste er um die unsichtbaren Fäden, die Generationen verbinden zart, doch unzerreißbar.
Als mein Sohn mir die Schildkröte überreichte, spürte ich, wie Vergangenheit und Gegenwart sich in diesem Moment berührten. Von meiner Großmutter, über mich, zu ihm spinnen sich Geschichten und Gefühle, hinein in meine blaue Stunde.
Zwischen Schildkröte und Buddha fließt ein Strom von Erinnerungen. Vergangene Zeiten weben sich hinein in die Gegenwart berühren sanft das Jetzt. Aus alten Geschichten wachsen neue Wurzeln. So bleibt das Unsichtbare spürbar wie ein Gewebe aus Liebe bewahrt im Holz weitergegeben von Generation zu Generation. Kälte ist das Gegenteil von dem was ich empfinde wenn ich sie in meinen Händen halte.