Birkenwacht

Lange hielt ich Wacht
in dunklen Tagen
ohne nachzufragen.
Trug Deine Bilder
fort
hab sie gehalten
gelesen
verborgen.

Lange hielt ich Wacht
Du träumst
an manchen Tagen
Hoffnungsschimmer
setzt sich still daneben.
Verwegen.

Am Fluss Deines Lebens
hast Du Dich
verkühlt.
Ein Eisvogel so farbenfroh
trägt nun
das Eis hinfort.

Und irgendwo scheint Sonne
und ich halte die Wacht.
Kein Bussard
wird mich sehen
und neue Birken
sind erwacht.

Gedanken aus der Achterbahn

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Ich bin 56 Jahre alt, was ich nur erwähne, um zu unterstreichen, dass mein Interesse am eigenen Alter schlicht nicht vorhanden ist. Mein Sohn gratuliert mir weiterhin jedes Jahr zum 22. Geburtstag – eine einfühlsame Geste, auch wenn er dabei von Jahr zu Jahr ein wenig mehr schmunzelt. Das lasse ich ihm gelassen durchgehen.
Mein Zeitsystem fällt aus dem Rahmen. Ich rechne nicht in Jahren. Ich selbst rechne seit Jahrzehnten nur noch in bravourös vollendeten Achterbahnfahrten. Ich male Punkte auf meine Landkarte, um nicht zu vergessen, wie oft ich als Phönix der Asche immer wieder entflattert bin. Das stärkt mich für alles, was da noch auf mich wartet.
Gegen all das laufen meine Glücksmomente tapfer an. Sie sind der Gegenpol, der mich immer wieder auf den richtigen Lebenspfad umleitet. Um mich herum rast an manchen Tagen die Zeit und ich sitze, wie auch jetzt gerade, einfach da und drücke schreibend auf meine persönliche Stopptaste.

So sehr meine Tagträume mich auch anflehen, doch endlich mal nicht alle Last auf meine starken Schultern zu werfen – irgendwer hat sich dabei sicher etwas gedacht, mich mit genau diesen Schultern auszustatten. Mit jeder vollendeten Extrameile denke ich, wie gut, dass ich genau diese Knochen geerbt habe.
Leicht habe ich all die Jahre getragen, in denen ich für mich und mein Kind den Phönix nicht nur gespielt, sondern gelebt habe. Wie wundervoll ist es, dass er heute in der Rückschau stolz auf mich und die Zeit ist, in der wir uns allein durchs Leben gewühlt haben. Doch wie dankbar bin ich erst, dass es ihn für mich in meinem Leben gibt. So oft hat es gereicht, ihn als Kind schlafend in seinem Bettchen eine Weile zu betrachten, um für uns immer wieder die Energie zu finden, den nächsten Tag mit einem Lächeln zu begrüßen und zu bestehen. Vieles haben wir gemeinsam erlebt und das Wunder dabei: Immer hatte ich helfende Hände, die wie aus dem Nichts auftauchten und uns auch schon mal ein kleines Stückchen geschoben oder gezogen haben. Diese Hände haben mich auch schon mal mit Wohlwollen in die Welt zurückgeworfen, wenn ich doch mal einen schwachen Moment hatte. All diesen Händen bin ich dankbar.
Einiges in meinem Leben hätte es nicht gebraucht, aber auch das haben wir überstanden und es ist schon so lange her.

Wie gesagt, mit Zeit habe ich es nicht so, aber es könnten wohl 15 Jahre ins Land gegangen sein. So lange ist der Katzenmann, der so vieles in einer Person ist, wie aus dem Nichts mitsamt seinen Katzen in das Leben von meinem Sohn und mir geplumpst. Nun leben wir zwar immer noch von Achterbahnfahrt zu Achterbahnfahrt, aber wir schieben uns gelassen und vor allem gemeinsam weiter durchs Leben. Wir haben unsere Stärken und Schwächen zusammengeworfen und einen guten Weg für uns gefunden. Und scheinbar ist dieser Weg für uns bestimmt, denn davon abzukommen scheint das Leben nicht vorgesehen zu haben.
So stehen wir wieder mal an der Kreuzung „Alles Neu und Anders“, machen unsere Aufwärmübungen und nehmen Anlauf. Atem tief ein und wieder aus. Der Phönix steigt, wenn es gelingt, erneut auf. Am Boden ein starker Steinbock, dessen wundervolle Hörner schon die Startbahn freiräumen, damit dieses Kunststück noch ein hoffentlich letztes Mal gelingt.

Der Phönix kennt keine Zeit, aber er ist 56 Jahre alt und hofft, dass dieser Flug die Asche für immer verwirbelt. Er tagträumt vom schlafenden Kind das schon viele Jahre eigene Flügel hat, den beiden, die eine Etage tiefer noch immer Klaviertasten bespielen, dem alten Kater, der so liebevoll murren kann, und vom Steinbock, der so lange schon an seiner Seite steht und fliegt, als wäre er nie woanders gewesen.
Die Energie daraus packt er sich unter die Flügel und legt den Kopf zu einem stärkenden Schlaf mit darunter.
Und wenn er wieder erwacht, wartet ein neuer Tag und er wird wie immer dem Steinbock, einen Kaffee ans Bett bringen und sich daran erfreuen wie er sein müdes Haupt aus der Decke wickelt um mit ihm den Tag zu begrüßen.
Und draußen singen die Vögel dem Sonnenaufgang entgegen.

San, Jan 2026

Herman van Veen- ohne Dich

Gedankensplitter 23 

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Klare Gedanken

Zwischen hier und jetzt
sitzen sie verborgen
im Schatten ihrer selbst.
Fast unkenntlich
als das
was sie sein könnten.

Ich werfe die Angel aus.
Sie getarnt inmitten von Fiktion
gehüllt in Bedenken
lassen sie ins Leere schwingen. 

Ich tauche nach ihnen.
Spüre sie 
greifbar nah
bis mir die Luft ausgeht.
Atemnot!

Ich greife nach Taucherbrille
und Schnorchel.
Tag um Tag
gehe ich ihnen 
auf den Grund. 

Schließlich
verborgen in einer 
Tomaten-Anemone
finde ich einen. 
Für mich ist er dort
nicht zu erreichen. 
Doch er fasst sich ein Herz
und zeigt mir seine Gestalt. 

Klare Gedanken 
sind ein guter Grund
für tägliche Expeditionen.

Alin Coen – Alles was ich hab

San, Jan 2026

Überall so

Ich habe den Song zum Bild heute in Dauerwiederholungsschleife beim Malen gehört.
Er hat mich mitgezogen und jetzt, kurz vor dem Einstellen in meinen Blog, spüre ich, wie ich mich dabei wundersam entknotet habe. Mein Kopf spuckt das eben noch in meinen Gedankenschleifen verfangene Herz auf wundersame Weise gelassen vor meine Füße. Staunend sehen wir uns an und lächeln. Denn wir fühlen uns nicht allein.
Mein Herz schlägt ruhig, und ich atme tief ein und auch wieder aus.
Ruhig und gestärkt für alles, was da noch so kommen mag.

So lege ich den Song hier ab – vielleicht lächelt das ein oder andere Herz beim Zuhören gelassen mit.
 DOTA KEHR – „Überall so“

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San, Jan 2026

Wurzeln und Wege – Generationen, Schildkröte und Buddha

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Der Einladung von Myriade möchte ich gerne folgen, so ist aus Bild eins (Schildkröte) und dem Mosaiksteinchen „Kälte“ der folgende kleine Text entstanden.

Wurzeln und Wege – Generationen, Schildkröte und Buddha

Im sanften Zwielicht meines Zimmers
ruht die hölzerne Schildkröte 
ein Geschenk meines Kindes
still und wachsam auf dem Tisch.
Ihr Rücken trägt Geschichten
in ihrem Holz atmen Erinnerungen.

Der Buddha aus dem Besitz meiner Großmutter
lächelt leise in sich hinein,
als wüsste er um die unsichtbaren Fäden,
die Generationen verbinden 
zart, doch unzerreißbar.

Als mein Sohn mir die Schildkröte überreichte,
spürte ich, wie Vergangenheit und Gegenwart
sich in diesem Moment berührten.
Von meiner Großmutter, über mich, zu ihm
spinnen sich Geschichten und Gefühle,
hinein in meine blaue Stunde.

Zwischen Schildkröte und Buddha
fließt ein Strom von Erinnerungen.
Vergangene Zeiten weben sich 
hinein in die Gegenwart
berühren sanft das Jetzt.
Aus alten Geschichten wachsen neue Wurzeln.
So bleibt das Unsichtbare spürbar 
wie ein Gewebe aus Liebe
bewahrt im Holz
weitergegeben von Generation zu Generation.
Kälte ist das Gegenteil von
dem was ich empfinde
wenn ich sie in meinen Händen halte.

 Nina Simone – Just in Time

San, Jan 2026