Dem Schleusenmeister ins Logbuch geschaut

Dem Schleusenmeister ins Logbuch geschaut

„Das Logbuch des Schleusenmeisters“ heißt Jules van der Leys neues Buch. Das Buch ist bebildert, ohne gleich ein Bilderbuch zu werden. Die Schwarzweißfotografien von Malte Schiefer wurden offensichtlich nicht so gewählt, dass sie in Konkurrenz zu den Texten stehen. Sie sind aber auch nicht rätselhaft. Vielleicht handelt es sich um stille Zeichen aus einer Realität, die bei Jules van der Ley manchmal brüchig und löchrig wird. Da versprechen gerade Linien, ob vertikal oder horizontal, doch gleich etwas Halt und Orientierung.

Damit sind wir fast schon einen Schritt zu weit. Schauen wir uns die Neuerwerbung genauer an, bevor wir ihr den Puls fühlen. Das Cover gefällt mir. Es schreit mich nicht an, sondern lädt mich ein, macht mich neugierig auf diesen Schleusenmeister und sein Logbuch. Der Titel hat etwas Geheimnisvolles. Er verspricht mir etwas, das ich nicht so recht greifen kann. Das fängt schon mal gut an. Nun zur Rückseite: „Miniaturen voller Witz, Scharfsinn – und gelegentlich auch Verzweiflung“ werden uns da versprochen.

Kurze Texte sind es, da hat der Autor nicht zu viel versprochen. Den Scharfsinn bestätigen wir gern an dieser Stelle gleich mit. Es ist ein kluges Buch geworden, mit einer ganz eigenen Stimmung und mit einem Ton, den ich sehr mag.

„Schon, während der ICE in den hannoverschen Hauptbahnhof rollte, war mir durch den Kopf gegangen, ich hätte den ägyptischen Sonnengott beleidigt und müsse jetzt seine Rache fürchten“, heißt es in „Gina Regina“. Stimmung und Ton sind gesetzt. Eigentlich ist nun alles möglich.

Jules van der Ley hat zu seiner eigenen literarischen Sprache gefunden, die einen hohen Wiedererkennungswert hat, das weiß man aus seinen anderen Büchern und liest es oft und gern in seinem Blog. Wer den Blog kennt, kennt auch Jeremias Coster oder die galaktische Registratur und freut sich, ihnen im neuen Buch wieder zu begegnen.

Wenn der Autor von Witz spricht, meint er gewiss nicht den Schenkelklopfer. Das Logbuch ist kein Witzbuch. Manches ist ernst, nachdenklich oder gar düster, kafkaesk vielleicht. Aber da sind eben auch Köstlichkeiten wie „Das Verschlingen der Dinge“ oder „Vor dem Großreinemachen“.

Ja, diese Traumreste, die morgens noch die Synapsen verkleben, die kenne ich nur zu gut! Und erst die Vorstellung, dass die Realität jeden Morgen mühsam wieder aufgebaut werden muss, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir morgens in derselben Welt aufwachen, in der wir zu Bett gegangen sind! Das liefert genug Stoff für den eigenen Kopf, um sich ganze Bücher zusammenzudenken. Auch wenn Jules van der Ley dafür nur eine Miniatur brauchte. „Das Logbuch des Schleusenmeisters“ ist ein Buch für Menschen, die mit dem Denken nicht fertig sind, wenn sie das letzte Satzzeichen eines Textes absolviert haben.

Das Beitragsbild wurde mit Hilfe einer KI erzeugt.

Eine heiße Geschichte

Eine heiße Geschichte

Meine Töchter, unsere Töchter, sind inzwischen erwachsen, aber einiges vergisst man nicht, besonders dann nicht, wenn man es aufgeschrieben hat. Man muss es nur noch wiederfinden. Damals entstand auch der folgende Text.

Amena, wie sie sich selbst nennt, ist nun schon eineinhalb Jahre alt und will die Aufnahme der täglichen Mittagsmahlzeit in die eigenen Hände nehmen. Manchmal ist das wörtlich zu verstehen, sie greift sich dann einfach etwas vom Teller, meist aber im übertragenen Sinne: Sie bedient sich eines kleinen Löffels oder einer Kuchengabel.

Die Vorbereitungen für eine solche Mahlzeit sind die gleichen wie zu der Zeit, als sie sich noch von uns füttern ließ. Gehen wir es einmal am Beispiel eines frisch zubereiteten Gerichts durch.

Während ich noch koche, steht Amena ständig neben mir und fordert mich zum Spielen auf. Erkläre ich ihr, dass ich gerade das Mittagessen zubereite, macht sie Druck: „Amena Hunger, Amena essen.“ Wenn ich beide Hände voll zu tun habe, kommt auch ganz sicher von ihr: „Amena Arm nehmen.“

Wenn trotz solcher kleinerer Hindernisse das Essen schließlich gar ist, beginnen die alltäglichen Vorbereitungen: Amenas Hochstuhl an den Tisch rücken, ihr Lätzchen holen und umbinden, Ein Platzdeckchen auf den Tisch legen und – am allerwichtigsten – das Essen zerkleinern und auf die richtige Temperatur bringen.

Das Zerdrücken und Zerschneiden ist schnell erledigt, doch aus der kochend heißen Masse ein kindgerechtes Mittagsmahl zu produzieren, ist ein Kunststück für sich.

Erst fülle ich einen Teller für Amena, dann rühre und quirle ich auf dem Teller herum, bis es einigermaßen widerlich aussieht. Damit stimmt die Konsistenz der Mahlzeit zumindest, aber noch immer kann ich mir spielend leicht den Mund daran verbrennen.

Also fülle ich vom ersten in den zweiten Teller um. Die gesamte Portion wird sorgfältig über den ganzen Teller verteilt, unterdessen natürlich fortwährend gepustet, bis ich bunte Bälle vor schwarzem Hintergrund tanzen sehe. Noch einmal kosten … nein, wir füllen doch lieber noch einmal um, wieder auf den ersten Teller zurück und … ja, nun stimmt die Temperatur, Amena kann essen.

Wende ich mich nun meiner Portion zu, stellt sich regelmäßig die Frage, wozu der ganze Aufwand überhaupt gut war, denn mein Essen ist ganz von allein kalt geworden.

Eigenes Bild, mit KI erzeugt.

Christmas 12 Points, Weihnachten 0 Punkte

Christmas 12 Points, Weihnachten 0 Punkte

Die Wunschzettel sind abgearbeitet, der Weihnachtsbaum hat seinen Platz gefunden. Die Lichterkette: LED, warmweiß, nicht blinkend. Der Kühlschrank quillt über. Die Playlist steht. Ist auch besser so. Seit wir die CDs aufgeräumt haben, finden wir unsere Weihnachtsmusik nicht wieder.

Jetzt noch die Filme abarbeiten: Der kleine Lord, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Schöne Bescherung, Kevin allein zu Haus. Dickens nicht zu vergessen. Kein Fest ohne Ebenezer Scrooge. Wir sind etwas spät dran, dieses Jahr, aber wenn wir durchziehen, schaffen wir bis morgen Abend das Basispaket. Allerdings nur, wenn niemand auf die Idee kommt, auch noch in die Kirche zu gehen.

Bescherung. Altpapier entsorgen und ein wenig Zeit einplanen, um die Geschenke darauf zu prüfen, ob sie mangelfrei sind und wo und innerhalb welcher Frist sie umgetauscht werden können.

Für das Festessen sind die Kalorien- und Mengenbeschränkungen ausgesetzt (Frohes Fett!), es handelt sich ja mehr um Opfer. Wie Weihrauch, Myrrhe, Gold und sowas. Gold natürlich nur in kleinen Mengen. Ansonsten mehr sowas.

Mit dem Rauch haben wir schon vor Jahren aufgehört, statt Weihrauch steht Knoblauch bereit. Myrrhe? Klingt irgendwie norwegisch, soll aber adstringierend und desinfizierend wirken. Salbeibonbons und Zinklutschtabletten können das auch und die erkenne ich, wenn ich sie sehe, Myrrhe nicht. Gegen Völlegefühle hilft Iberogast. Der Lieblingsgast bei üppigen Mahlzeiten. Gleich denkt man an einen freundlichen Spanier, „Feliz Navidad!“ Was Süßes auf die Ohren, während wir darauf warten, uns wieder bewegen zu können.

Noch ein bisschen Wein, ein Weihnachtslikörchen, vielleicht nen Cognac. Vollrauschengel.

Immer noch kein Feuerwerk, gehen wir heute eben etwas eher schlafen.

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Klar ist der alt, na und?

Klar ist der alt, na und?

„Ich lieb dich noch“, sang Herman van Veen.

„Ich dich auch!“ rief jemand aus dem Publikum.

Herman van Veen war in Bielefeld. Singer-Songwriter, Jahrgang 1945. „Ich hab ein zärtliches Gefühl“, das war das Lied, mit dem Herman in Deutschland in den 70er Jahren bekannt wurde. Damals nannten wir Leute wie ihn Liedermacher.

Obwohl: Leute wie ihn gibt es eigentlich nicht, es ist schon ein eigenes Genre, das er geschaffen hat, eine Mischung aus Gesang, Musik, Anekdoten, Pantomime, Schauspiel und Albernheit. Man muss das nicht mögen, aber warum sollte man es nicht mögen?

Weiterlesen: Klar ist der alt, na und?

Deutsch, Niederländisch, Französisch und Englisch, ach ja, auch ein bisschen Albtraum-Japanisch: Herman ist international unterwegs und das prägt auch den Auftritt, macht ihn noch ein bisschen bunter.

Es ist oft leise, eher nachdenklich, manchmal sind die Gesten zu groß, aber bei einer großen Bühne und einem großen Publikum kämen kleinere Gesten wohl auch nicht an. Es gibt keine Videoleinwände. Vielleicht mag Herman sein Gesicht nicht so vergrößert, er ist schließlich 80, vielleicht setzt er aber einfach nur darauf, dass man ihn hört, ihn und seine Musikerinnen und Sängerinnen, und dass es dafür nicht die Mimik braucht, nur die großen Gesten und die leisen Momente. Und eine klare Haltung, aber die braucht er kaum zu formulieren, die ist quasi die Bedingung für all das, was er auf die Beine stellt und auf die Bühne bringt.

Herman ist offenbar fit und es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören und zuzuschauen. Da gibt es keinen Moment der Peinlichkeit, weil ein alter Mann den jungen Mann zelebriert. Herman spielt mit dem Alter, scherzt darüber, aber er setzt sich auch damit auseinander, was dem Auftritt noch eine zusätzliche Poesie verleiht. Er weiß, wir wissen, wie alt er ist, und es ist das Leben, das er da auf der Bühne feiert. Und auch in Zukunft feiern will, auch wenn er die Vorstellungen mit dem Schlusslied beginnt, weil man ja, wie er sagt, nicht wissen kann, ob er den Schluss der Veranstaltung noch schaffen wird. Die Grenze ist in Sicht, lasst sie uns verschieben.

Eigenes Bild, mit KI erzeugt

Knüppel aus dem Sack

Knüppel aus dem Sack

In den Niederlanden hat der Nikolaus einen höheren Stellenwert als der Weihnachtsmann, nein, falsch, es gibt eigentlich nur den Nikolaus, Sinterklaas, und der wird vom Zwarte Piet begleitet. Oder von einigen schwarzen Pieten, die sich um die verschiedenen Aufgaben kümmern, die rund um einen ordentlichen Geschenkeabend zu erledigen sind.

Soweit klar? Um die kindliche Vorfreude zu schüren und aufrechtzuerhalten, läuft in der Vorsinterklaaszeit allabendlich das Sinterklaasmagazin im TV und dort hat vor einigen Tagen der Chef der zwarte Pieten gesagt, dass es schon mal vorkommen könne, dass die Eltern mal heimlich die Geschenke besorgen, falls das Sinterklaas und den zwarte Pieten nicht gelingen sollte.

Das ist Hochverrat. Das Geheimnis des Festes ist enthüllt, niederländische Kinder können jetzt nicht mehr voller Freude auf Sinterklaas warten und das kann nicht ohne Konsequenzen bleiben: Morddrohungen gegen den Zwarte Piet. Mehrere. So stelle ich mir die Vorbereitung auf ein richtiges Familienfest vor bzw. den Umgang mit Menschen, die nicht ganz genau so reden und denken, wie es in das eigene Weltbild passt.

Natürlich haben wir in Deutschland wenig Grund, über die Niederländer herzuziehen, auch bei uns gehört die Morddrohung zum Alltag. Vielleicht sollten Hersteller von Tastaturen dafür schon eine eigene Taste einplanen. Mich wundern die Morddrohungen eigentlich auch nicht, ich dachte nur gleich an das Social-Media-Verbot für Kinder, das in vielen Ländern diskutiert und in einigen schon eingeführt worden ist.

Wir sollten das noch mal überdenken und vielleicht auch oder erst bei den Erwachsenen anfangen, nicht gleich mit einem Verbot, sondern mit einer Probezeit. Und wer drei Monate geschafft hat, ohne eine Todesdrohung auszustoßen, kriegt eine kleine Plakette und eine Zulassung für ein Jahr. Spätere Nachprüfungen nicht ausgeschlossen.

Eigenes Bild, mit KI erzeugt.

Ich bin dabei! Also vielleicht, aber eher doch nicht

Ich bin dabei! Also vielleicht, aber eher doch nicht

Der Bus fuhr ohne mich ab. Bin ich deshalb verantwortlich für das Scheitern des Kampfes?

Ich könnte mir jetzt Vorwürfe machen, aber ich kenn mich, ich weiß, welchen Beitrag ich zum Gelingen welcher Demo auch immer geleistet habe: lustloses Schlendern und wenig engagiertes Klatschen. Mutmachende Gesänge gehörten nie zu meinen Stärken und Diskussionsbeiträge vor brennenden Barrikaden scheiterten schon an meinem Lampenfieber.

Ich war mehr der Typ, der bei Gruppentreffen seine Solidarität mit dem Kampf gegen die Atomkraft durch entschiedenes Sitzen zum Ausdruck brachte. Und der die Zeitung einer linken Hochschulgruppe kaufte, obwohl er wusste, dass er sie nicht lesen würde. Fast wäre ich auf diese Weise sogar im ASTA gelandet.

„Soll ich in der Mitte stehn? Soll ich keine Fragen stelln? Soll ich denn im Rahmen bleiben, jeden Streit vermeiden? Geh ich allem aus dem Weg, noch eh der Kampf beginnt, haben andre schon, was ich denken soll, bestimmt. Die Mittelmäßigkeit verhindert jeden Streit.“ sang Klaus Hofmann 1978.

Schönen Dank auch, ich erkannte mich wieder und wusste nicht mal, was ich wollte. Links war ich, irgendwie, ein Gefühlsozialist, wie ein Freund aus einer K-Gruppe sagte. Aber die Schulung zum Kapitalbegriff, zu Mehrwert und zur Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalisten habe ich ohne Abschlusszeugnis verlassen, vermutlich scheiterte sie ohnehin nach dem ersten Termin an der fehlenden Teilnahme der Arbeiterklasse.

Bei uns zuhause war Politik kein Thema gewesen, man wählte sozialdemokratisch, war gewerkschaftlich organisiert. So war das damals in einem Arbeiterhaushalt. Mich hatte die Revolte gepackt, als die Studenten sich mit der Polizei prügelten, als die Medien hetzten und als die Musik auf der Seite der Jugend war.

Street fighting man!

Ich hätte auch gern mal einen Stein geschmissen, es reichte aber nur dazu, eine amerikanische Flagge, einen dreieckigen Wimpel von vielleicht 15 × 10 cm, aus einer Art Wimpelkette mit verschiedenen Nationalflaggen zu rupfen, die an einem Obstgeschäft in der Innenstadt von Leer hing. Diese Wimpelketten, die als Deko bei jedem Geburtstag im Raum hängen. Natürlich nicht mit Nationalflaggen, sondern mit festlichen Sprüchen und so. Der Inhaber kam ziemlich sauer raus und wir verließen zügig den Tatort. Das war mein Moment gegen den US-Krieg in Vietnam oder gegen die Werbeaktivitäten für Äpfel und Birnen.

In Emden war ich dann schon weiter. Man nahm mich mit zur Anti-AKW-Gruppe mit vielen Studenten, die das gleiche Maß an Aktivität wie ich zeigten, darunter viele sehr attraktive Studentinnen. Meine Widerständigkeit fand ihren Ausdruck schließlich im Kauf eines Bauhelms und einer Gasmaske ohne Filter, die vermutlich schon bessere Zeiten gesehen hatte. Ob der Kaufpreis in den revolutionären Kampf oder in ein wenig Dope floss, wer weiß das schon.

Als zur Großdemo in Grohnde aufgerufen wurde, als die Busse aus den Städten rollen sollten, meldete ich mich an, also wurde mit angemeldet, und genoss für ein paar Tage die Vorschusslorbeeren eines potenziellen künftigen Barrikadenkämpfers.

Ich war allerdings mehr der Typ für Wolf Biermanns „Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit.“ Und hart war ich definitiv nicht. Der Abend, die Nacht der Abreise, kam, die Aktivisten wollten am frühen Morgen in Grohnde sein. Vielleicht hatte ich sogar schon Stullen für den Kampftag geschmiert, aber kurzfristig hatte sich meine Exfreundin mit mir versöhnt und so ließ ich mich mit intensiv geheucheltem Bedauern – ich muss jetzt los – nein, geh nicht – doch, ich muss – bitte bleib – okay – dazu überreden, „Make Love Not War“ in die Tat umzusetzen.

Die Demo, an der ich nicht teilgenommen hatte, zeitigte dennoch unangenehme Folgen, mal abgesehen von einer strengen Befragung durch die Menschen, die ich durch mein Fernbleiben enttäuscht hatte, allerdings gewiss weniger, als ich sie durch mangelnden Mut vor dem Gegner enttäuscht hätte, wäre ich denn mitgefahren.

In aller Frühe, gegen fünf oder sechs Uhr, dröhnten Faustschläge gegen die Wohnungstür der WG im vierten oder fünften Stock einer Hochhaussiedlung in Emden. „Aufmachen. Polizei. Öffnen Sie die Tür“ und Ähnliches. Uniformierte mit einem Hausdurchsuchungsbefehl. Verdacht auf Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Helm und Gasmaske und, viel schwerwiegender, unser Brotmesser wurden beschlagnahmt, das schneidende Argument gegen den Atomstaat und das Krustenbrot – und reichten dann doch nicht für die Eröffnung eines Verfahrens. Näher war ich nie dran am bewaffneten Widerstand.

Später, an der Uni und als Dozent in der Erwachsenenbildung, in allen möglichen Rollen, habe ich dann gelernt, eine eigene Sicht auf die Welt zu entwickeln und argumentativ zu begründen. Die Mittelmäßigkeit, fürchte ich, die bin ich trotzdem nicht ganz losgeworden. Immerhin kann ich jetzt darüber reden. Wo steht die Widerrufsbelehrung?

Das Bild wurde mit Hilfe von KI erzeugt.

Gut ausgegangen – Update 2025

Gut ausgegangen – Update 2025

Nur die Anschläge der Tastatur oder das Blättern der Seiten: Was für ein beschränktes Medium die Sprache, zumal die geschriebene, doch ist, was alles nicht möglich ist. Jimi Hendrix‘ elektrische Gitarre, die gehört zum Soundtrack… Laut, sehr laut, nur dreißig Sekunden, dann langsam ausgeblendet, leiser, nur noch im Hintergrund …»Hey, hey Joe« … Können Sie mich jetzt hören?

Sehen Sie mich? Ein echtes Kunststück … nein, nicht ich, sondern Ihr Versuch, mich zu sehen, damals, Ende der sechziger Jahre, auf meiner Bettcouch in dem kleinen Zimmer, wie ich da sitze, bei offenem Fenster Hendrix oder Led Zeppelin zuhöre und vor allem den haltlosen Versprechungen, die das Leben macht, wenn man 17 oder 18 ist.

Ein Traktor, der über die unbefestigte Dorfstraße vor der Haustür rumpelt. Umgezogen, neu, fremd in einer anderen Stadt, einem anderen Teil des Landes. Wie aufdringlich die Realität dann plötzlich ist! Der Wind, die Landschaft, alles will wahrgenommen werden, bleibt nicht bescheiden im Hintergrund, als Kulisse für das eigene Leben. Auch schön! Die Wärme der Sonne und die Kälte des Windes gleichzeitig auf meinem Gesicht.

Nachher im Club? hatte Tamme gefragt, und so beiläufig wie möglich hatte ich genickt. So, als sei es ganz selbstverständlich für mich, abends auszugehen. Mit meinen fünf Mark Taschengeld. Im Monat. Meine Ersparnisse waren schon für Sgt. Pepper von den Beatles draufgegangen. Da gab es Verhandlungsbedarf.

Oh Gott, meine Haare. Lang genug sind sie ja schon. Dachte ich jedenfalls damals. Nur dass sie eigenmächtig Wellen schlagen. Und was zieh ich an? Jeans oder Jeans? Den Parka natürlich, der bleibt offen, sommers wie winters. Zu Fuß in die Stadt, heißt ja schließlich auch ausgehen. Es ist noch nicht mal dunkel draußen, vielleicht gerade mal acht. Die Stadt ist sehr still, Ladenschluss um 18:00 Uhr. Nur ein paar Möwen über dem Hafen.

In einer Seitenstraße der Club, ein flaches Klinkergebäude, die Tür nur angelehnt. Irgendeine Soulnummer, Marvin Gaye vielleicht. Meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, dann weiter vorn die Tanzfläche, der Diskjockey, ein paar Leute, die ich nicht kenne. Ganz schnell habe ich ein Bier in der Hand. Gut einteilen jetzt, sowieso besser. Dieses Bier ist tatsächlich mein erstes Bier.

Dann Tamme: Rauchst du?

Woher soll ich das wissen? Niemand hat mir gesagt, ob ich das tun würde, niemand, dass ich das selbst entscheiden muss. Irgendwie hatte ich gedacht, man sei Raucher oder Nichtraucher, so wie man halt evangelisch oder katholisch ist. Also ja. So werden offenbar Entscheidungen getroffen.

Viel reden geht nicht, zu laut. Aber später, draußen, vor der Tür, da stehen wir mit anderen zusammen, mit Shorty, die mindestens so groß ist wie ich, und mit Hergen, der ein eigenes Auto hat und von Konzerten in Oldenburg und Groningen erzählt. Wie groß die Welt doch ist.

Dann wieder im Club ist Anne plötzlich da, Anne, die auch in unserer Klasse ist. Nehme ich jedenfalls an, denn dort ist sie mir noch nicht groß aufgefallen. Jetzt, aus der Nähe betrachtet, verwirrt sie mich. Redet mit mir, lächelt. Kennt mich offenbar. Ach ja, aus der Schule.

Ob ich tanze?

Klar habe ich schon getanzt. Im Gemeindehaus, so eine Art Irish Dance für Arme, der mal sehr gebräuchlich war. Schön in der Reihe und dann linkes Bein vor, rechtes Bein vor, möglichst in irgendeiner Beziehung zur Musik. Aber mit einem Mädchen? Auf einer Tanzfläche? Zum Glück ein schneller Titel: Van Morrisons »Moondance«. Der Abend ist gerettet.

Dann »A Whiter Shade of Pale«… Musik mit Anfassen.

Plötzlich steht ein aufgeregter Typ neben mir und bietet mir Prügel an, seine Hände zerren schon an meinem Hemd. Seine Freundin und meine Finger.

Lass mal, sagt Tamme. Zu mir, zu Anne, aber auch zu dem Typen und Tamme kann sehr überzeugend sein. Auch wenn er dabei lacht. Vielleicht sogar, weil er dabei lacht.

Wir gehen raus, genug für einen Abend. Ein Freund, ein Feind, ein Mädchen. Und alles ist voller Mond.

Der Text ist älter, ich habe ihn überarbeitet und deshalb hier noch einmal veröffentlicht.

Ach, das wird schon

Ich glaub, ich krieg die Klimakrise. Was ist denn nun, ist der Klimawandel nur vertagt oder fällt er ganz aus? Oder haben wir uns darauf geeinigt, also eigentlich: Hat man uns darauf geeinigt, dass zwar alles kommt, wie es kommen muss, wir aber konsequent in die andere Richtung schauen? Also zum Beispiel statt auf die zu erwartende Steigerung der globalen Temperaturen auf die Wachstumsraten der Wirtschaft? Statt auf die Kosten, die der Klimawandel schon jetzt verursacht, auf die Gewinne, die sich mit dem Wiederaufbau erzielen lassen? Wenn ich das richtig verstehe – und da bin ich mir immer öfter nicht ganz so sicher –, dann wird das Thema Klimawandel in etwa so angegangen:

1. Deutschland ist nur für 1,8 % des CO₂-Ausstoßes verantwortlich. Wir müssen schon mal überhaupt nichts tun. Oder wenn, dann sollen die Ökos nicht ständig zu irgendwelchen Klimakonferenzen fliegen.

2. Die EU ist für 6,2 % verantwortlich. Na also, da sieht man es doch. Wir sind nicht schuld. Da können wir uns wirtschaftlich ruinieren und es hilft keinem. Uns jedenfalls nicht.

3. Die Industriestaaten verantworten 82 Prozent.

Okay, das ist schon was, aber kann man den Zahlen trauen? Da sitzen nur rotgrünversiffte Ökofaschisten in den Statistikbüros der EU! Also ganz offensichtlich ist es ja wohl der nichtindustrialiserte Teil der Welt – man sehe sich doch mal an, was die alles wegschmeißen. Einerseits heißt es immer, die haben nichts, und dann liegt da überall der Müll, sogar an den Küsten – der uns den Klimawandel, also den sogenannten Klimawandel, ist ja noch umstritten, hab vorhin noch auf YouTube ein Video gesehen, wonach das alles völlig okay ist, passiert immer wieder, praktisch im Normbereich, und wenn nicht, wer sind wir, uns Gottes Plänen in den Weg zu stellen oder Mutter Natur ins Handwerk pfuschen zu wollen? Mit dem Eimerchen in der Hand werden wir das Ansteigen des Meeresspiegels jedenfalls nicht aufhalten können und wenn ich meinen Kühlschrank nicht mehr abtaue, wird das Abschmelzen der Polkappen nicht wettgemacht. Wo war ich? Ach ja, die armen Hanseln in den nicht ordnungsgemäß industrialisierten Ländern sind das Problem beim Klimawandel, falls es ihn gibt.

Die müssen was tun, dringend, oder eben nichts tun, denn wenn die jetzt auch noch so leben wollen, wie es uns zusteht, dann wird das, was meiner Meinung nach ja überhaupt nicht passiert, noch schlimmer. Weil: Die Erderwärmung, deren Existenz ich entweder bestreite oder die ohnehin kommt, weil es mal wärmer und mal kälter wird, trifft offenbar ausgerechnet Europa besonders. Das ist unfair, weil wir so gut wie überhaupt nichts dafür können und was wir dazu beigetragen haben, das ist längst verjährt und vergessen. Ja, auch wenn immer behauptet wird, dass die Atmosphäre nicht vergisst und nicht verzeiht, das soll erstmal einer beweisen, dass unser Dreck da noch für dicke Luft sorgt. Und falls das einer versuchen sollte, dann müssten wir das auch noch glauben, und hierzulande herrscht ja immerhin noch Glaubensfreiheit.

Also fordern wir strenge Maßnahmen. Aber mit einer angemessenen Frist. Mit einer Frist, die so lang ist, dass die Maßnahmen überhaupt nicht mehr streng wirken. Bis die Frist abzulaufen droht, dann müssen wir die Maßnahmen entschärfen oder aber die Frist verlängern. Wenn die Frist lang genug ist, wissen wir bis zu ihrem Ablauf auch schon, ob es noch Sinn hat, irgendetwas zu tun. Und bis dahin wird schon irgendwer was erfinden.

Aber worüber reden wir? Ende des Jahrhunderts? Ich glaube, es ist mir gelungen, mich zu überzeugen. Nein, ich krieg die Klimakrise nicht. Ich spüre da überhaupt keinen Druck. Sorry, das ist kein Boomerding. Wir haben diesen ganzen Laden doch erst zum Laufen gebracht, die Handys und das Internet erfunden. Das ist so wie bei uns zuhause in der Küche. Wenn ich gekocht habe, muss auch irgendwer aufräumen.

Eigenes Bild, mit KI erstellt

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Nochmal was auf die Ohren

Manchmal habe ich ja hier schon Texte vorgestellt, die ich schon vor einiger Zeit veröffentlicht habe. Heute bringe ich meinen Text „Auf die Ohren, über die Ohren“ einfach direkt noch einmal. Nicht, weil irgendwer den vielleicht noch nicht gelesen hat, sondern weil ich ihn grundsaniert habe. Ich hoffe, man merkt das.

Auf die Ohren, über die Ohren

Musik war schon mal wichtiger für mich. In den Achtzigern nahm ihre Bedeutung für mich ab, ohne dass ich es bemerkt hätte, und als ich es bemerkte, war die Musik längst in eine andere Richtung unterwegs. Ich kannte die wichtigen Künstler und Trends nicht mehr, war nicht dort, wo gespielt wurde, was nicht im Radio lief. Der Moment kam, in dem man für sich akzeptierte, dass man nicht mehr jung ist, und dann waren da die eigenen Kinder, die andere Klänge für sich entdeckten. Tik Tac To. Eminem. Hiphop. Alles fächerte sich auf, wurde unübersichtlich, war ja auch nicht für mich gemacht. Dann hörte ich eben Jazz. Nicht nur deshalb und nicht nur Jazz. Aber ich war nicht mehr vorne mit dabei, wusste nicht, wer was spielte und welches Konzert man sehen musste, welche Platte ich kaufen sollte.

Etwas war vorbei.

Wie das so ist, wenn etwas mehr oder weniger abgeschlossen ist: Dann kann man sich an einem Rückblick versuchen. Meiner fängt in den fünfziger Jahren an.

Wie klänge er, der Soundtrack meiner Kindheit? Nicht alles wäre Musik, da wären die Sprengungen im Steinbruch, der Überschallknall der Starfighter, die gackernden Hühner und das Kreischen der Straßenbahn, die fauchende Katze und das Dröhnen der Presslufthämmer.

Aber da war auch Musik.

Die kleine Wohnung unter dem Dach in Hohenlimburg. Mein Vater hatte ein Tefifon, ein Zwischending zwischen Plattenspieler, Tonbandgerät und Kassettenrecorder. Ich erinnere mich nur aus Erzählungen an den Namen. Ich dirigierte mit kurzen Armen und viel Begeisterung, was mein Vater hörte und wohl auch liebte. Volkstümliche Blasmusik. Von vielen Kindern gibt es Bilder in ähnlichen Posen. Ernst Mosch und seine Egerländer Musikanten. Die Oberkrainer. Zünftige Blasmusik war wohl die Musik meiner ersten Lebensjahre. Laut, so laut, wie das in einer kleinen Wohnung möglich war. Wie es wohl bei den Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft klang. 3

Mein Vater, der hörte in einer fremden Stadt den Ruf der Heimat und der Berge. Laut. Denke ich an Hohenlimburg, dann gibt es keinen Ton zu den wenigen Bildern, die mir geblieben sind. Doch, aber auch der ist nur von meiner Mutter überliefert. Aus dem Kindergarten, an den ich mich null erinnere, brachte ich, wie jedes Kind, neue Wörter mit, meines war: Woll! Und damit beendete ich dann jeden Satz. Das ist, wie ich erst später kapierte, die Parole, an der die Sauerländer sich erkennen. Fast hätte ich mir also ein bisschen Heimat erquatscht, aber bevor sich etwas verfestigen konnte, zogen wir weg.

Woll!

Ob meine Eltern mir etwas vorgesungen haben? Gesungen hat meine Oma. Drei Jahre alt war ich und machte Urlaub bei ihr in Ostfriesland. So weit Dreijährige Urlaub machen. Mit meinem ersten und einzigen Sportwagen, einem Kinderwagen ohne Verdeck. Damit schob mich die hagere, ewig dunkel gekleidete Frau ins Dorf. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ Das sang sie und andere evangelische Weisen: vor dem Heimweh und vor dem Einschlafen. Daran erinnere ich mich.

War das religiöse Erziehung, war das Musik?

Danach: Hagen, die Werkswohnung. Die Bilder werden klarer, der Ton deutlicher. Eine Schwester, eine Katze. Neubau. Die Musik meines Vaters: Viel Radio, manchmal eine Schallplatte. Die westfälischen Nachtigallen, ein Kinderchor aus Ahlen. Und meine Mutter? Ich weiß es nicht. Eltern gehören so selbstverständlich dazu, dass man sie glatt übersehen kann und wenn man sie etwas fragen will, sind sie nicht mehr da. Sie in ihren Dreißigern. Hatte sie musikalische Vorlieben? War ihr auf der Flucht aus Ostpreußen neben der Reiselust auch der Sinn für den Schlager abhandengekommen? Als der Rock’n Roll ihre Brüder erreichte, war sie längst weg, hatte den Weg von Ostpreußen über Ostfriesland ins Ruhrgebiet gefunden. Nicht Little Richard brüllte sein AwopBopaLooBop AlopBamBoom in die Welt. Ich schrie später meine Schwester.

Hausaufgaben am Küchentisch und Cassius Clay in der Westfälischen Rundschau, zwischen Bratkartoffeln mit Pilzen und kleinen Stromausfällen singt Fred Bertelmann „Der lachende Vagabund“. Der absolute Kracher und der deutsche Schlager seiner Zeit. „So lachte mir, und so lacht mir auch noch heute immer ein roter Mund. Und es gibt keine Stunde, die ich je bereute. Meine Welt ist bunt. Meine Welt ist bunt. Bin ein Vagabund.“ Was liebten die Deutschen an diesem Song so? Es gab doch so viele Stunden zu bereuen, ihre Welt war alles andere als bunt und Vagabunden waren höchst verdächtig! Waren es drei Minuten, in denen sie loslassen konnten, ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen?

Aber es gab auch schon englische Songs. Niemand sprach Englisch, aber es war schon da, für ein paar Minuten im Radio: „Tom Dooley“. Harry Belafontes „Banana Boat Song“ und „The Lion Sleeps Tonight“. Musik aus Ländern, von denen ich gerade mal gehört hatte, die unwirklich waren wie der Mond. Da klang etwas an, was wir nicht hatten oder was uns in den Jahren der NS-Herrschaft abhanden gekommen war. Und seien es auch nur Schokolade und Kaugummi, Seidenstrümpfe und Coca-Cola.

Weihnachten. Die volle Kirche. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Hunderte Stimmen. Inbrünstig. Sofort wäre ich abgereist in ferne Länder, um die Heiden zu missionieren. Zuhause Blockflöte und familiäres Brummen vor der Bescherung. Immer nur der erste Vers. Da beruhigte sich der innere Missionar gleich wieder.

1958 wurde ich eingeschult, mit Hajo, dessen große Schwester Elvisfan war. In ihrem Zimmer hing ein Elvis-Starschnitt. Nicht, dass ich ihn gesehen hätte. Mädchen! Seit Ende 1959 sammelte sie. Aber dass sie sowas hatte, das war wichtig. Das war klasse. Warum, das hätte ich nicht in Worte fassen können. Aber es war anders, irgendwie groß.

Elvis war aber Musik für alte Leute. Für große Schwestern. Nichts für mich. Ich hörte Radio und wurde mit dem Radio musikalisch sozialisiert. Vom NWDR. Das Röhrenradio mit dem magischen Auge, ein Möbelstück. Ich erinnere mich: Operettenmelodien und Tanzmusik. Das Orchester Kurt Edelhagen. Martin Lauer sang vom „Taxi nach Texas“. Transistorradios aus Bakelit. Das Fernsehen kam dazu. Chris Howland und Musik aus Studio B. Eine ganze Sendung zuschauen, in der Hoffnung, dass irgendetwas dabei sein könnte, irgendetwas zünden würde.

„Good morning little schoolgirl“, sang Chuck Berry. Nicht im Radio. Nicht in meiner Welt. Margot und Gaby, das waren unsere Schoolgirls, unerreichbar fern und zugleich so nah im Schulbus. Cornelia wollte mit mir gehen. Aber ich hatte keine Ahnung, wohin.

Meine ersten Schallplatten, nicht meine ersten von mir gekauften Schallplatten, sahen aus wie Singles, aber auf jeder Seite waren zwei Schlager in Billigversionen für Menschen, die gerade ihren ersten Plattenspieler gekauft hatten. Oder geschenkt bekommen hatten: ich. Ein Plattenspieler! Endlich konnte ich Musik hören, wann immer ich es wollte. Aber noch wusste ich nicht, was ich wollte.

YEAH, YEAH, YEAH – die Beatlemania brach aus. Nicht sofort auf meinem Schlafsofa in der Küche meiner Eltern. Ich betrachtete das alles noch aus kindlicher Perspektive. Old Shatterhand und John Lennon waren Fantasiegestalten, hatten nichts mit mir zu tun, aber die Bücher von Karl May standen in meinem Regal. Und die Musik der Karl-May-Filme habe ich immer noch im Ohr.

Der WDR, jetzt für NRW zuständig, an dessen streng amtlichen Ton ich mich zu erinnern meine, wird die Beatlemania nicht befeuert haben, indem man aufgeregte junge Frauen ihre Begeisterung in die Mikrofone schreien ließ. Trotzdem war da plötzlich ein YEAH, YEAH, YEAH, das die Menschen wahnsinnig aufregte.

„Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“, hatte Friedrich der Große gesagt, aber das konnte doch unmöglich heißen, dass man den Fassonschnitt verweigerte? Fassonschnitt, das war der ordentlich kurze Haarschnitt, den mein Vater immer bei dem Friseur gleich vorn in der Stadt, dem auf der rechten Seite, für mich in Auftrag gab.

Erst der Kinderaufsatz auf den Frisierstuhl, eine erste Demütigung, das Klebeband – Krepppapier? – um den Hals, dann dieses Bettlaken, der Friseurumhang. Aus dem Fenster schauen, bis es losging, dann nur in den großen Spiegel und schnipp-schnapp. Trinkgeld. Raus. Vielleicht irgendwo noch ein Eis auf die Hand. „Almost cut my hair“ von Crosby, Stills, Nash & Young war noch so weit weg. .

Geburtstage und Weihnachtsfeste später, immer noch in Hagen. Sonntags weißes Hemd, Nyltest. Wieso eigentlich Test? Testete die Welt meine Geduld, meinen aufkeimenden Widerspruchsgeist? Synthetisch, aber ordentlich? Aufgeklärt auf dem Spielplatz. Mit anderen Fragen, anderen Augen für die Welt, anderen Wünschen an den Weihnachtsmann. Bravo-Bildern an der Wand, mit Tesafilm und Reißbrettstiften befestigt. Und dazu die Stones mit einem unmoralischen Angebot: „Let’s spend the night together!“ Gern, aber mit wem? Wenn Cornelia jetzt nochmal gefragt hätte …

Ferien in Ostfriesland. Musik für junge Leute im NDR, immer um 14:30 Uhr. Für eine knappe halbe Stunde lag Liverpool direkt vor der Tür. Beat, hochdosiert. Reichte trotzdem nur knapp für einen Tag. Niemand da, mit dem ich all das teilen konnte.

Dann waren da plötzlich die Gammler. Lange Haare und Parka. Jeans und Miniröcke. Auf den Stufen vor einem Hotel. Beatnachmittag. Ich war so neidisch und zugleich so verunsichert. Die sahen so anders aus, schienen so locker drauf zu sein. Dagegen sahen die Beatles geradezu adrett aus, einheitlich gekleidet, im Anzug. Aber diese Haare und diese Musik! Plötzlich zerfiel die Welt in zwei Seiten und ich wusste, zu welcher ich gehören wollte: YEAH, YEAH, YEAH!

Mitte der Sechziger bekam ich dann meine erste Beatles-Platte, eine LP in der Bücherbund-Ausgabe. Die Revolution aus dem Katalog, in der kuratierten Version. Aber ich saß da und hörte zum ersten Mal Rock’n-Roll-Music. Das betraf mich, das meinte mich. Und es war nicht nur die Musik der Beatles und der Stones. Es war meine Musik! Und mein Lebensgefühl. Und daran erinnere ich mich! YEAH, YEAH, YEAH!

Ich wünschte mir ein knallrotes Hemd, eine hautenge, karierte Hose mit einem breiten Gürtel. Dringend. Ich war kein Kind mehr. Ich ließ meine Haare wachsen.

Etwas begann.

1 Okay, der Moment kam später, vermutlich erst, als ich das schrieb, und da steht auch so ein verräterisches „man“ – aber der Moment kam.

2 Ich suche immer noch nach Ausflüchten, will mir nicht wirklich eingestehen, dass meine Zeit als begeisterter Hörer von Pop- und Rockmusik vorbei ist.

3 Hab ich schon erzählt, dass ich offiziell einen sogenannten Migrationshintergrund habe? Das Statistische Bundesamt schreibt: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.“ Mein Vater wurde 1914 im Sudetenland geboren, das gehörte nicht zum deutschen Staatsgebiet. So einfach ist das. Ich hab nicht mal einen Vertriebenenausweis.

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Auf die Ohren, über die Ohren

Wie klänge er wohl, der Soundtrack meiner Kindheit? Nicht alles wäre Musik, da wären die Sprengungen im Steinbruch, der Überschallknall der Starfighter, die gackernden Hühner und das Kreischen der Straßenbahn, die fauchende Katze und das Dröhnen der Presslufthämmer. Aber da wäre auch Musik. Ob meine Eltern mir etwas vorgesungen haben? Ich erinnere mich nicht. Gesungen hat meine Oma, ich war drei Jahre alt und machte Urlaub. So weit Dreijährige Urlaub machen können. Mit meinem ersten und einzigen Sportwagen, einem Kinderwagen ohne Verdeck und damit schob mich die hagere, ewig dunkel gekleidete Oma ins Dorf. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ Das sang sie und andere evangelische Weisen: vor dem Heimweh und vor dem Einschlafen. Daran erinnere ich mich. War das religiöse Erziehung, war das Musik?

Zuhause in der kleinen Dachwohnung. Mein Vater besaß ein Tefifon, ein Zwischending zwischen Plattenspieler, Tonbandgerät und Kassettenrecorder. Ich erinnere nur den Namen. Ich überlege, welche Musik mein Vater später mochte und auch kaufte. Volkstümliche Blasmusik: Ernst Mosch, die Oberkrainer. Das wird auch die Musik meiner ersten Lebensjahre gewesen sein,. Laut, so laut, wie das in einer kleinen Wohnung möglich war. Der Ruf der Heimat und der Berge.

Meine Mutter war in ihren Dreißigern. Ich erinnere mich nicht daran, dass sie klare musikalische Vorlieben hatte. Hat sie für Gerhard Wendland geschwärmt, für Peter Alexander? War ihr auf der Flucht aus Ostpreußen neben der Reiselust auch der Sinn für den Schlager abhandengekommen?

Bei Hausaufgaben am Küchentisch und Cassius Clay in der Westfälischen Rundschau, zwischen Bratkartoffeln mit Pilzen und kleinen Stromausfällen. „Der lachende Vagabund“ ist mir im Ohr geblieben. Der „Babysitter-Boogie“ von Ralf Bendix. Freddy. Aber auch englische Songs. Niemand sprach Englisch, aber es war schon da, für drei Minuten im Radio: „Tom Dooley“. Harry Belafontes „Bananaboat-Song“ und „The Lion Sleeps Tonight“. Musik aus Ländern, von denen ich gerade mal gehört hatte, die unwirklich waren wie der Mond.

Weihnachten. Die volle Kirche und „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“ Inbrünstig, sofort wäre ich abgereist in ferne Länder, um die Heiden zu missionieren. Zuhause Blockflöte und familiäres Brummen vor der Bescherung. Immer nur der erste Vers. Da beruhigte sich der innere Missionar gleich wieder.

1958 wurde ich eingeschult, mit Hajo, dessen große Schwester Elvisfan war. In ihrem Zimmer hing ein Elvis-Starschnitt. Nicht, dass ich ihn gesehen hätte. Mädchen! Seit Ende 1959 sammelte sie. Aber das sie sowas hatte, das war wichtig. Das war klasse.

„Good morning little schoolgirl“, sang Chuck Berry. Nicht im Radio. Nicht in meiner Welt. Margot und Gaby, das waren unsere Schoolgirls, unerreichbar fern und zugleich so nah im Schulbus. Cornelia wollte mir mir gehen. Aber ich hatte keine Ahnung wohin.

Elvis war Musik für alte Leute. Nichts für mich. Ich hörte Radio, wurde mit dem Radio musikalisch sozialisiert. Vom NWDR. Das Röhrenradio mit dem magischem Auge, ein Möbelstück. Ich erinnere mich: Operettenmelodien und Tanzmusik. Das Orchester Kurt Edelhagen. Martin Lauer sang vom „Taxi nach Texas“. Transistorradios aus Bakelit. Das Fernsehen kam dazu. Chris Howland und Musik aus Studio B.

Meine ersten Schallplatten, nicht meine ersten von mir gekauften Schallplatten, sahen aus wie Singles, waren es aber nicht. Auf jeder Seite waren zwei Schlager in gecoverten Fassungen. Billigversionen für Menschen, die gerade ihren ersten Plattenspieler gekauft hatten. Oder geschenkt bekommen hatten: ich. Ein Plattenspieler! Endlich konnte ich Musik hören, wann immer ich es wollte. Aber noch wußte ich nicht, was ich wollte.

YEAH, YEAH, YEAH – die Beatlemania brach aus. Nicht sofort auf meinem Schlafsofa in der Küche meiner Eltern. Ich betrachtete das alles noch aus kindlicher Perspektive. Old Shatterhand und John Lennon waren Fantasiegestalten, hatten nichts mit mir zu tun, aber die Bücher von Karl May standen in meinem Regal. Und die Musik der Karl-May-Filme habe ich immer noch im Ohr.

Der WDR, an dessen streng amtlichen Ton ich mich zu erinnern meine, wird die Beatlemania nicht befeuert haben, indem man aufgeregte junge Frauen ihre Begeisterung in die Mikrofone schreien ließ. Trotzdem war da plötzlich ein YEAH, YEAH, YEAH, das die Menschen wahnsinnig aufregte.

„Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“, das hatte Friederich der Große gesagt, aber das konnte doch nicht heißen, dass man den Fassonschnitt verweigerte? Fassonschnitt, das war der ordentlich kurze Schnitt, den mein Vater immer bei dem Friseur gleich vorn in der Stadt, dem auf der rechten Seite, für mich in Auftrag gab.

Erst der Kinderaufsatz auf den Frisierstuhl, eine erste Demütigung, das Klebeband – Krepppapier? – um den Hals, dann dieses Bettlaken, der Friseurumhang oder war das andersherum? Aus dem Fenster schauen, bis es losging, dann nur in den großen Spiegel und schnippschnapp. Trinkgeld. An „Almost cut my hair“ von Crosby, Stills, Nash & Young war noch nicht zu denken.

Geburtstage und Weihnachtsfeste später, immer noch in Hagen. Aufgeklärt auf dem Spielplatz. Mit anderen Fragen, anderen Augen für die Welt, anderen Wünschen an den Weihnachtsmann. Bravo-Bildern an der Wand, mit Tesafilm und Reißbrettstiften befestigt. Sonntags weißes Hemd, Nyltest. Wieso eigentlich Test? Testete die Welt meine Geduld, meinen aufkeimenden Widerspruchsgeist? Synthetisch aber ordentlich? Und dazu die Stones mit einem unmoralischen Angebot: „Let’s spend the night together!“ Gern, aber mit wem?

Dann waren da plötzlich die Gammler. Lange Haare und Parka. Jeans und Miniröcke. Auf den Stufen vor einem Hotel. Beatnachmittag. Dagegen sahen die Beatles geradezu adrett aus, einheitlich gekleidet, im Anzug. Aber diese Haare und diese Musik! Plötzlich zerfiel die Welt in zwei Seiten und ich wusste, zu welcher ich gehören wollte: YEAH, YEAH, YEAH!

Mitte des Sechziger bekam ich dann meine erste Beatles-Platte, eine LP in der Bücherbund-Ausgabe. Die Revolution aus dem Katalog, in der kuratierten Version. Aber ich saß da und hörte zum ersten Mal Rock’n-Roll-Music. Das betraf mich, das meinte mich. Und es war nicht nur die Musik der Beatles und der Stones. Es war meine Musik! Und daran erinnere ich mich! YEAH, YEAH, YEAH!

Ich wünschte mir ein knallrotes Hemd, eine hautenge, karierte Hose mit einem breiten Gürtel. Ich war keine Kind mehr. Ich ließ meine Haare wachsen. Etwas begann.

Eigenes Bild, mit KI erstellt.

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Erkaltete Spuren

Manchmal ist es nicht sehr weit bis zu einem fernen Ort. Wie fremd etwas werden kann, was doch jahrelang vertraut war! Ich bin in Elsey geboren worden, damals ein Stadtteil von Hohenlimburg. Heute ist Hohenlimburg ein Stadtteil von Hagen. Ich weiß nicht so recht, wie man das dann korrekt angibt: Hagen-Hohenlimburg-Elsey? Ist aber auch unwichtig. Wir waren nicht in Elsey. Es gibt dort nichts mehr von dem, woran ich mich erinnere. Da gab es mal eine Behelfsbrücke über die Lenne, da war mal ein Besucherraum im Krankenhaus.

Nein, so weit reicht meine Erinnerung nicht zurück. Es war meine Schwester, die wir dort besuchten und die wir nur durch eine Glasscheibe sehen durften. Wie manche Tiere im Zoo. Sie war nicht gefährlich, sie war klein und eingeschüchtert und ich auf der anderen Seite der Scheibe war mindestens genauso eingeschüchtert, klein auch, aber viel größer als meine Schwester. Vier Jahre größer, was eine Menge war.

Eine Erinnerung, die sich unbequem anfühlt, nicht, weil sie nicht stimmt, sondern weil sie nicht stimmen dürfte. Was waren das für Zeiten, diese 50er Jahre, mit einer kuscheligen Decke aus Heimatfilmseligkeit und Herzschmerzschlagern von Rudi Schuricke und Gerhard Wendland, unter der die versteinerten Herzen noch im Takt der Militärstiefel schlugen?

In Hohenlimburg steht noch das Haus, in dem meine Eltern gewohnt haben, mit mir gewohnt haben, bevor wir nach Hagen zogen. Obwohl ich dort gelebt habe, fühle ich nichts, wenn ich vor diesem Haus stehe. Ich weiß nicht mal, ob ich da so etwas wie Heimat spüren müsste, wie den Schmerz an einem wunden Punkt, den der Arzt ertastet hat. Nutzlos vielleicht wie der Blinddarm.

Nach Hause kommen. Da oben unter dem Dach, da, wo die Fenster so schmal sind, dass es im Raum dunkel wurde, wenn jemand hinausschaute, da waren meine Eltern nach dem Krieg zwangseinquartiert worden. Gegen den Willen der Eigentümer oder zumindest ohne die Eigentümer zu fragen. Das muss eigenartig gewesen sein, in einer fremden Stadt in einer fremden Wohnung.

Haben Kinder kein Gefühl dafür?. Habe ich etwas gespürt von der Fremdheit? Gab es einen Widerwillen gegen die Flüchtlingsfrau und den aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen Mann, dem die Heimat abhandengekommen war? Ich habe mal einen Text dazu geschrieben, „Der Name der Dose“.

Jetzt sind Hagen und Hohenlimburg Städte, in die ich nicht fahren würde, gehörten sie nicht zur Landkarte meines Lebens,. Booking.com hat sie mir nie angeboten und in den Schaufenstern der Reisebüros habe ich noch kein Plakat gesehen, mit dem touristische Freuden in von der Deindustrialisierung schlecht behandelten Orten angepriesen wurden. Die Orte meiner Kindheit, das Haus in Hohenlimburg, das Haus in Hagen-Eppenhausen, die Schule in Hagen-Halden, die Kirche in Hagen-Eppenhausen, in der wir Weihnachten feierten und in der ich konfirmiert wurde, die gibt es noch, aber sie liegen da wie Inseln in fremden Gefilden. Warum fahre ich dann doch hin, zum zweiten oder dritten Mal seit 1967? Weil ich nicht weg wollte, damals. Weil ich zurückwollte. Bis ich nicht mehr zurückwollte.

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Eigenes Bild, mit KI erzeugt.

Frisch verreimt und abgedichtet

Frisch verreimt und abgedichtet

Frisch verreimt und abgedichtet

Wie dankbar sind wir Heutigen jenen mittelalterlichen Mönchen, die tagein, tagaus Schriften kopierten und wie undankbar dem kaum weniger engagierten Menschen, der zugunsten des heimischen Hundeasyls Falladas „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ und die „Hundejahre“ von Günter Grass sauber und fast fehlerfrei abtippte, um dann feststellen zu müssen, dass man dem Ersten, der die Worte zu Papier brachte, Ruhm und Ehre zuteilen werden ließ, während dem Zweiten nur Hohn und Spott blieben.

Werner Winz hatte sich die Mühe gemacht und die Weimarer Ausgabe Goethes abgeschrieben, alle 143 Bände. Also jetzt nicht direkt abgeschrieben, er hatte die Onlineausgabe der Library of Toronto verwendet und die Texte auf seinen PC kopiert. Weil das Ergebnis leider völlig unlesbar war, hatte er die Sonderzeichen, die, wie er annahm, den Zugang zum wahren Goethe verstellten, mit wenigen Klicks gelöscht, denn schließlich hatte Goethe die ganz sicher noch nicht auf seiner Schreibmaschine gehabt. Winz hatte dann auch die Zeileneinteilung wiederhergestellt und zufrieden die ersten zwei Strophen des Gedichts „Zueignung“ zur Begutachtung an mehrere Verlage geschickt, aber zu seiner großen Enttäuschung nicht einmal Ablehnungen erhalten. Dabei war er von dem eigentümlichen Reiz der Sprache Goethes in der konsequenten Übertragung aus dem Original selbst sehr angetan, auch wenn er nicht alles verstand. Aber bitte, wer war Werner Winz, dass er hoffen konnte, das letzte Universalgenie der Deutschen zu verstehen?

Zueignung

Set Jbrgen fam; e fcfeucften feine Sritte

Sen leifen laf, ber mi getinb umfing,

Sa id, ertoact, au meiner ftiücn C’i’itte

en erg linauf mit frifcer Seele ging;

ä freute mi bei einem jeben Schritte

Ser neuen lumc bie öoll Kröpfen ‚ing;

Ser junge ag erfob fic mit Sntäüden,

Hub alleö wax erquidt mi u erquirfen.

Unb toie icf ftieg, jog bon bcm ytn ber Söiefcn

n ceel fid; in Streifen fadjt ‚eröor.

r toid unb tnet felte micf u umfliegen,

Unb tüuc geflügelt mir inn’ö aupt empor:

Se frfönen lif fo Et‘ iä nict mcr genießen,

Sie egcnb bedte mir ein trüber ytor;

ülh af ii mic öon Söolfen mie nmgoffen,

Unb mit mir felbft in Sämmrung eingefdloffen.

Eine Mail empfing er schließlich doch noch. O.W. Lürik, Lektor bei Worollt schickte ihm die folgenden Zeilen mit dem Hinweis, das Gedicht müsse wie folgt lauten:

Zueignung.

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte

Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,

Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte

Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;

Ich freute mich bei einem jeden Schritte

Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;

Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,

Und alles war erquickt, mich zu erquicken.

Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen

Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.

Er wich und wechselte mich zu umfließen,

Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:

Des schönen Blicks sollt‘ ich nicht mehr genießen,

Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;

Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen

Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.

Aber Werner Winz wusste, was Lektoren Texten antaten, die man ihnen überließ. Was sie nicht verstanden – und wer bitte verstand, was Mitte des 19. Jahrhunderts in Sachsen-Weimar-Eisenach gesprochen und geschrieben wurde? Die Sachsen verstand man selbst heute nicht, auch wenn man von ihrem Wahlverhalten mal absah – schickten sie an den Autor zurück, mit der Bitte, es noch mal zu überarbeiten. Und wenn der Autor schon neben Schiller ruhte? Dann griffen sie eben rücksichtslos in das Original ein. „Sen leifen laf, ber mi getinb umfing“, das raunte dunkel über die Jahrhunderte hinweg in die Gegenwart, das war tief und geheimnisvoll, doch was konnte er schon tun, wenn die Welt ihm den Rücken wies? Noch einen Versuch unternahm er, diesmal eine freie Nachdichtung, basierend auf kryptischem Material, wie aus der Krypta des Großmeisters der deutschen Lyrik.

Aufstieg

Setz Jürgen fest den Fuß ins feuchte Gras,

der Morgen tastet leise nach den Schritten.

Ich ging, erwacht, aus meiner stillen Mitte

den Hang hinauf mit offenerem Maß.

Die Luft war neu, die Kräfte sangen mit,

der junge Tag erhob sich mit Entzücken.

Was wuchs, das wuchs auch mir entgegen –

und alles sprach: Du darfst dich wieder schicken.

Doch wie ich stieg, verlor sich Ziel im Streifen,

der Wald, der Nebel schienen mich zu suchen.

Geflügelte Gedanken stiegen auf,

und Töne tasteten mein Haupt mit Schleifen.

Die Schönheit ließ sich nicht mehr ganz genießen,

ein trüber Tor stand mir im Weg, verschlossen.

Ich sah mich selbst von Wolken wie umgossen –

und war mit mir in Sammlung eingeschlossen.

Willi las sein Werk, nicht, dass er es verstanden hätte, doch lag nicht eine stille Schönheit darin? „Und Töne tasteten mein Haupt mit Schleifen.“ Was hatte Goethe sich nur dabei gedacht? Aber eine andere Zeile war es, die ihn ermutigte: „Und alles sprach: Du darfst dich wieder schicken.“ Die Antwort des Lektors O. W. Lürik ließ nicht lange auf sich warten. Sie bestand aus nur einem Satz: „Die Schönheit ließ sich nicht mehr ganz genießen, ein trüber Tor stand mir im Weg, verschlossen.“

Mein schönstes Ferienerlebnis

Mein schönstes Ferienerlebnis

Im August war ich an einem Sonntag mit meiner Oma und meinem Onkel in Bad Zwischenan Zwischenahn. Wir fahren im Sommer immer nach Bad Zwischenhan Zwischenahn. Da fährt ein Schiff über den See nach Dreibergen. Das Schiff ist weiß und nicht so groß wie das nach Norderney. Auch die Möwen sind kleiner, aber ich darf sie füttern. Eigentlich ist das Fährbooten verboten.

Wie sollte ich erzählen, wenn die Schrift sich immer quer stellte und nur die Fehler wussten, wohin sie gehören? Was blieb von der Freude, wenn sie mit einem Löschpapier getrocknet und leicht verwischt in einem DIN-A-5-Heft festgehalten wurde wie ein aufgespießter Schmetterling?

Zuverlässig wurde nach dem Ende der Sommerferien, das seltsamerweise immer mit dem Wiederbeginn der Schule zusammenfiel – eine äußerst unglückliche Koinzidenz, wie ich damals fand – uns Schulkindern ein Aufsatz abverlangt: Mein schönstes Ferienerlebnis.

Obwohl mich diese Themenstellung während meiner gesamten Schulzeit begleitete, okay, lassen wir die Handelsschule und die Fachoberschule außen vor, überraschte sie mich immer wieder. Wie ein Komet aus einem anderen Sonnensystem, fremdartig und nicht vorhersehbar. Eigentlich eine Art Strafarbeit dafür, dass wir es gewagt hatten, Ferien zu beanspruchen. Sechs Wochen lang. Und nicht ein einziges Mal an die Schule zu denken.

Neue Schulbücher, die Anlass boten, vor dem ersten Schultag ein Sachbuch zur Hand zu nehmen, gab es nämlich nur zum Schuljahresbeginn. Zu meiner Zeit war das noch im Frühling. Ich war immer mächtig gespannt auf die neuen Bücher, die ich allerdings erst in die meist ungewaschenen Finger bekam, nachdem Mutter sie sorgfältig in die Schutzumschläge gesteckt oder in eine Folie eingeschlagen hatte.

Jedes Mal hohe Erwartungen – und jedes Mal wieder eine Enttäuschung. Für mich als begeisterten Leser war gerade mal das Lesebuch akzeptabel, aber selbst da fand sich nichts von Karl May. Erdkunde bot Statistiken zu Bodenschätzen und Karten, daneben Zeichnungen. Gut, es waren die sechziger Jahre, die Fotografie steckte noch in ihren Anfängen, aber wie wollte man denn so Kinder für die Welt begeistern?

Ach, wollte man überhaupt nicht? Ach so, ja dann.

So waren alle Bücher. Hochglanzpapier mit wenig Fotos und Texten, die kein Lehrer in seiner Freizeit akzeptiert hätte. Vermutlich war die Qualität auch völlig bedeutungslos, weil niemand annahm, dass jemand auf die Idee kommen könnte, eines dieser Bücher zu lesen.

Ein Aufsatz: Mein schönstes Ferienerlebnis. Wie gesagt, hätte ich geahnt, dass so was auf mich zukommt, hätte ich doch mitgeschrieben. Täglich ein paar Stichworte. Hühner gefüttert, Eier gesucht, Katze gestreichelt, Kratzwunden versorgen lassen, Stachelbeeren geerntet: Es war jeden Tag was los.

Nein, ich bin nicht auf dem Lande aufgewachsen, aber Sommerferien bedeuteten für viele Jahre, dass ich zu meiner Oma aufs Land fuhr. Ostfriesland.

Gleich hinter dem Garten ein Feld, dahinter noch mehr Felder. Am Horizont eine Bahnlinie. Dampfloks. Starfighter am Himmel. Der Überschallknall beim Durchbrechen der Schallmauer.

Kinder aus der Nachbarschaft. Regen. Sonne. Wind. Ein Plumpsklo. Hausierer an der Haustür, die Bürsten und Knöpfe verkauften. Der Milchmann, dessen Wagen noch von einem Pferd gezogen wurde. Der Bäcker und der Fischhändler, die ebenfalls mit ihren Wagen in der Siedlung unterwegs waren. Der Briefträger auf dem Fahrrad, der vormittags immer seinen Schnaps bekam.

Manchmal eine Fahrt auf die Insel. Norderney, das war schnell zu erreichen. Oder das Zwischenahner Meer.

Einkaufen am Samstagvormittag. Die Fleischerei, das Milchgeschäft und der Edeka, bei dem Oma anschreiben ließ.

Der Bücherschrank meines Onkels mit echten Romanen, Seite um Seite ohne Bilder. Sie tanzten nur einen Sommer oder Reich im Mond. Gleich zwei fremde, verlockende Welten. Die Autoren? Per Olof Ekström und Manfred Langrenus. Unwichtig. Gerade nachgeschaut. Aber eine Liebesgeschichte! Ich war 12 oder 13 Jahre alt. Das es so was auf Papier gab! Niemand hatte mich vorgewarnt. Und Science Fiction aus dem Jahr 1951.

Der Dachboden des Hauses meiner Oma mit diesem typisch sommertrockenen Geruch, mit alten Koffern, die noch die Flucht aus Ostpreußen mitgemacht hatten, mit Büchern aus der Nazizeit, die dort überdauert hatten.

Aber erzähl das mal. Mach daraus einen Aufsatz. Mein schönstes Ferienerlebnis! Wie sollte das gehen? Das war nichts und das war alles.

Dieser Text ist in einer früheren Form schon hier veröffentlich worden. Ich habe ihn überarbeitet und denke, jetzt ist er anders. Ob besser oder schlechter kann ich noch nicht beurteilen. Das Bild habe ich mit KI erstellt.

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Chefsache

Chefsache

Die Tür ist noch da, nehme ich jedenfalls an. Das Haus gibt es noch. Ganz sicher. Ich habe es meinen Töchtern gezeigt. Es ist jetzt ein Cafe, ich war noch nicht drin. Bisher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber ganz offensichtlich wollte ich die Räume nicht wieder betreten. Kann man einem Haus böse sein? Hat es Sinn, einer Immobilie feindliche Gefühle entgegenzubringen?

Die Tür war niedrig. Vielleicht war sie es nicht, mir kam sie jedenfalls so vor. Dabei war es nicht irgendeine Tür, der Dienstboteneingang oder so. Nein, es war der Haupteingang eines Industriebetriebes: der Heinrich van der Laan GmbH & Co KG in einer kleinen ostfriesischen Hafenstadt. In der Innenstadt, heute läge der Betrieb mitten in der Fußgängerzone, wäre er nicht längst ausgesiedelt worden. Ein paar hundert Beschäftigte und einer davon war ich.

Hab ich schon gesagt, dass über der Tür ein Schild hing: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Naja, es hing dort natürlich nicht, es hätte dort aber hängen sollen. Das Vieh, dass im späten Herbst von der Weide kommt und in den engen, dunklen Stall muss, mag sich ähnlich fühlen, wie ich mich jeden Morgen um kurz vor acht fühlte,

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Grau auf winterlichem Weiß

Zwei alte Männer, spät in der Nacht, in der eiskalten winterlichen Nacht, auf ihren Fahrrädern auf dem Heimweg.

Es ist still und so dunkel, wie es das in einer Kleinstadt sein kann. Dunkle Schaufenster, in denen keine Puppen mehr tanzen. Vom Leben nur eine Abwesenheitsnotiz.

Straßenlaternen im Sparmodus.

Das Kopfsteinpflaster glitzert, lockt.

Wenn’s den alten Eseln zu wohl wird, fahr’n sie auch auf Eis. Sturzbetrunken. Hals- und Beinbruch bei Oberschenkelhalsbruchwetter. Kein Sandmann weit und breit.

Heißgeredet, heiser geraucht, noch immer aufgekratzt, schwatzhaft, bierselig. Zu spät, um kühlen Kopf zu bewahren. Der Kater auf leisen Pfoten kennt den Heimweg längst.

Fußball im Kneipenhinterzimmer. Ein Sieg, eine Niederlage, wer weiß das noch.

Bücher, die große Politik, jawohl auch Gott und überhaupt. Sätze verlieren sich manchmal im Qualm.

Bechern. Kippen. Aschenbechern.

Zwei alte Männer, spät in der Winternacht, wacklig auf ihren Fahrrädern, müde. Froh

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