Müssen die Bewohner des kleinen Kaffs Grönland in Schleswig-Holstein jetzt Angst vor Donald Trump haben? Wahrscheinlich weiß er nicht, wo dieses Grönland liegt. Er verwechselt ja ständig Orte und Länder. Letztens redete er von Island, meinte aber wohl Grönland. Viele Amerikaner haben Schwierigkeiten mit dem Lesen von →Landkarten. Vor Jahrzehnten haben die Amerikaner bei einem militärischen Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.
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Sonntag, 25. Januar 2026
Grönland
Freitag, 23. Januar 2026
encore une fois: Stendhal
Ich kenne das, ich habe es oft erlebt, ich hatte keinen Namen dafür. Manche Augenblicke im Leben, der spiritus loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Mit einer erhöhten Intensität speichert mein Gedächtnis diese Momente auf einer Festplatte namens Memoria ab, offenbar litt ich, ohne es zu wissen, unter dem Stendhal Syndrom.
Und dann habe ich noch bewegte Bilder, den Film ✺Le rouge et le noir von 1954 mit Gérard Philipe und ✺De l'amour von 1964 mit Anna Karina, Elsa Martinelli und Michel Piccoli.
Sonntag, 18. Januar 2026
Hartmut K. Selke ✝
Mein Freund Hombre rief mich vor Weihnachten an, um mir zu sagen, dass er jetzt in einem Kurzzeitheim sei. Was machst Du da? fragte ich ihn. Ich warte auf den Tod, sagte er. Diese Krankheit, die die Buchstaben ALS hat, lähmt alles im Menschen. Weihnachten war er wieder zu Hause, Silvester rief er mich an, er wollte noch ein letztes Mal mit mir sprechen. Wenige Tage später ist er gestorben. Nul ne meurt avant son heure, sagt Montaigne. Vielleicht war es gut, dass das Leiden, das er klaglos ertrug, ein Ende hatte. Seinen Humor hatte er bis zuletzt behalten. Er musste mir Silvester unbedingt sagen, dass ich unbedingt so weitermachen sollte. Vielen Menschen würde mein Blog viel bedeuten. Er schickte mir immer das zu, was seine amerikanischen Freunde über meinen Blog sagten. Er war Gastprofessor in New York gewesen, und später hatte der Klett Verlag ihn als Cheflektor für Englisch und Französisch immer wieder in die USA geschickt, damit er den Markt sondierte, neue Autoren gewann. In den Trump Jahren schickten ihm seine amerikanischen Freunde die besten politischen Cartoons, die er an mich weitergab.
Er hieß nicht wirklich Hombre, aber als wir mit unserer Clique, alles Doktoranden und wissenschaftliche Hilfskräfte, das Studio Filmtheater am Dreiecksplatz nach dem Western Man nannte ihn Hombre verließen, sagte Paul plötzlich zu ihm: Du heißt jetzt Hombre. Der Name blieb, wir waren noch jung. So wie hier beim Cricket bei Georg in Winsen. Hombre steht ganz rechts. Wie der Schotte links im Bild hieß, weiß ich nicht mehr, aber den Mann neben Hombre, den kenne ich. Den kannte wenige Jahre später ganz Deutschland, da war er mit seiner IT Firma Deutschlands jüngster Millionär.
Hombre hatte von uns allen die beste Doktorarbeit geschrieben, er musste die Fakultät ersuchen, sie auf Englisch schreiben zu dürfen. In lateinischer Sprache hätte man damals eine Dissertation einreichen können, aber nicht auf Englisch. Er bekam nur die Note rite, weil unser Professor zu feige war, seinen eigenen Kandidaten gegen den Zweitprüfer zu verteidigen, der Hombre für einen Linken hielt. Diesen rechtsradikalen Rotweinsäufer, der routinemäßig seinen Führerschein verlor, habe ich schon in dem Post Leo Spitzer erwähnt. Er hieß Karl August Ott. Hat in den 68er Jahren in einer Vorlesung proklamiert: →Demokratisierung ist doch albern! Er war einer der bestgehassten Professoren der Universität, der vor jeder Vorlesung die Studenten von seinen Assistenten photographieren ließ. Die Photoapparate hatte die Uni bezahlt. Wozu sind Steuergelder da? Irgendwann war es den Studenten zu viel, sie verzierten einen Hörsaal mit Ott Graffiti (wie man hier auf dem Photo sehen kann) und schäumten das ganze Romanische Seminar mit allen Feuerlöschern aus, die sie im Haus hatten finden können.
Mein Freund Hombre hatte keinen Anteil daran, er war kein Revoluzzer, er war nur das Opfer von Ott. Ein Opfer des durchgeknallten Ärchäologieprofessors Schauenburg wurde er nicht. Der hatte ihm bei einer kleinen akademischen Party angedroht, dass er ihn aus dem öffentlichen Dienst entfernen lassen würde. Nur weil Hombre bei der Party ein paar linke Sprüche losgelassen hat. Ich habe den Mann, als er gehen wollte, beiseite genommen und habe ihm gesagt, dass sein Vorgänger Wilhelm Kraiker (bei dem ich studiert hatte) solchen Unsinn niemals gesagt hätte. Und dann habe ich in dem ganz kalten Ton, zu dem ehemalige Stabsoffiziere immer noch fähig sind, gesagt, dieser Nachmittag könne für ihn auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde nach sich ziehen. Von einer Entfernung aus dem öffentlichen Dienst war nie wieder die Rede.
Hombre war der sanfteste Mensch, den ich kenne. Und er war der ehrlichste Mensch, den ich kenne. So ist er seinen Weg durchs Leben gegangen, sanft und ehrlich. Er hat für den Klett Verlag viel getan. In der Deutschen Nationalbibliothek hat die Liste der Bücher, die er geschrieben, herausgegeben und mit Annotationen versehen hat, dreiundzwanzig Titel. Aber ich glaube, die haben nicht alles erfasst, er hat ja manches auch unter einem Pseudonym geschrieben. Er hat diese Schulausgabe von →Slaughterhouse Five herausgegeben. Aus dem Roman, der hier schon erwähnt wurde, habe ich ein Zitat nie vergessen: The two little girls and I crossed the Delaware River where George Washington had crossed it, the next morning. We went to the New York World's Fair, saw what the past had been like, according to the Ford Motor Car Company and Walt Disney, saw what the future would be like, according to General Motors. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep.
Seine Dissertation über Ralph Ellison, die statt des rite den Fakultätspreis verdient gehabt hätte, ist von der amerikanischen Ellison Forschung immer wieder zitiert und gelobt worden. Es war gut, dass er sie auf Englisch geschrieben hatte. Ralph Ellison kannte in Deutschland damals kaum jemand. Hombre hatte seine Dissertation mit einer Widmung an Ralph Ellison geschickt, aus dessen Bibliothek ist das Buch nach Ellisons Tod in die Library of Congress gekommen. Da hat er nun eine Karteikarte. Happiness is having your own library card, hieß es einmal bei den Peanuts.
Ich habe ihn schon ein dutzend Mal in meinem Blog erwähnt, das hatte immer etwas mit Dank zu tun, den ich ihm schuldete. Ich habe das ganze Leben Geschenke von ihm bekommen. Er schickte mir auch alles, was er schrieb. Von dem Whisky, den er mir zum achtzigsten Geburtstag schenkte, ist noch etwas übrig. Eins seiner Geschenke sehe ich jeden Tag, es ist eine kolorierte Zeichnung von Ernest Shepard aus Winnie-the-Pooh, die hängt bei mir in Augenhöhe in einem kleinen Goldrahmen neben einem Bücherregal. So ist mein Freund Hombre täglich bei mir.
Donnerstag, 15. Januar 2026
Menschenhandel
Dir Deutschland gute Nacht!
Ihr Hessen, präsentiert’s Gewehr,
Der Landgraf kommt zur Wacht.
Ade, Herr Landgraf Friederich,
Du zahlst uns Schnaps und Bier!
Schießt Arme man und Bein‘ uns ab
So zahlt sie England Dir.
Ihr lausigen Rebellen ihr,
Gebt vor uns Hessen Acht!
Juchheisa nach Amerika,
Dir Deutschland gute Nacht!
Dienstag, 13. Januar 2026
das sechzehnte Jahr
Das fünfzehnte Bloggerjahr endete damit, dass ich die Zahl von 50.000 Lesern im Monat Dezember knapp verfehlte. Ein französischer Professor, den ich nicht kenne, wünschte mir alles Gute für das neue Bloggerjahr: Félicitations pour vos 16 an(s) d’ancienneté chez Blogger!, das war sehr nett. Ich antwortete ihm mit einem Merci. Eine Firma namens Cloud-Support-Team teilte mir mit, dass sie alle meine Photos aus der Cloud löschen würde, weil ich meine Rechnungen nicht bezahlt hätte. Ich kenne die Firma nicht, die diese Phishing Mails verschickt, und ich habe keine Photos in der Cloud. Ich hätte am 4. Januar etwas zum zehnten Todestag von Maja Maranow schreiben können, die ich gerade auf der DVD von ✺Der König von St Pauli wiedersah, aber das war mir zu traurig.
Ich kämpfte die ersten Tage des Jahres mit dem Computer, da ich, als mir mein Mac ein Upload anbot, auf die falsche Taste gedrückt hatte. Ich habe jetzt Tahoe statt Sequoia auf dem Computer, neu, schrill und grellbunt. Manches ist besser, manches geht überhaupt nicht mehr. Ich konnte keine Bilder mehr in meinen Blog laden. Und was ist mein Blog ohne Bilder? Dies hier von mir am Computer wollten Sie doch unbedingt sehen. Weil da neben mir auf dem Schreibtisch einige Seiko Luxusuhren liegen. Der Techniker von der Firma, von der ich den Computer habe, musste mit dem TeamViewer eine Viertelstunde im System herumstochern, bis er herausfand, wie das System zu überlisten war.
Wird das sechzehnte Bloggerjahr gut? Ich weiß es nicht, ich werde mich bemühen. Wahrscheinlich wird es nicht ganz so gut, wie das sechzehnte Jahr in meinem Berufsleben, long, long ago. Da hätte ich mit Frank Sinatra singen können it was a very good year. Ich hatte ich gerade ein neues Buch auf dem Markt, und ein Buch aus den siebziger Jahren, von dessen Honorar ich mir damals einen neuen Golf hatte kaufen können, erschien in der dritten Auflage. Dann kamen noch ein halbes Dutzend Buchbesprechungen und vier Aufsätze. Zu sehr unterschiedlichen Themen: Fitzgeralds Great Gatsby, William Cullen Bryants Sonett auf Thomas Cole, die Romane von John le Carré und die Anders Zorn Ausstellung in der Kieler Kunsthalle. Da hatten mich drei Skandinavistik Studentinnen überredet, für die Zeitschrift norröna zu schreiben. Alles mit der Maschine (Olympia International) getippt. Von Suhrkamp hatte ich mein Manuskript zurückgeschickt bekommen, weil es in der Form nicht der Suhrkamp Hausnorm entspracht. Ich hatte nach dem MLA Style Sheet geschrieben, das machen alle Anglisten der Welt. Ich sagte den Leute bei Suhrkamp, diese marginalen Änderungen könnte doch ein Lektor machen. Konnte nicht, sie hatten keine Lektoren mehr. Ich tippte es noch mal. Computer und Internet waren für mich noch weit weg.
Jetzt gehören Sie zu meinem Leben. Und Googles KI schreibt über mich: Der Blog gilt als einer der niveauvollsten deutschsprachigen Kultur-Blogs. Kann ich da schon mit Montaigne J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy sagen? Oder soll ich das Zitat umwandeln in Jay faict ce que Jay voulu ? Aber an dem tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy ist schon etwas dran. Ich warte noch ein wenig ab, man weiß nie, was kommt. Ich halte mich an Candides Satz Il faut cultiver son jardin.
Freitag, 9. Januar 2026
Eckart Cordes ✝
Du sollst in Kiel keinen Rotwein trinken.
Du sollst in Kiel keiner Kellnerin winken
und von ihr die Rotweinkarte verlangen.
Damit kann sie nämlich sehr wenig anfangen.
Denn die Getränkekarte kennt nur einen Wein
und was ist das für einer? Was wird der wohl sein?
Es ist, ich sage das mal so roh:
Ein Bordeaux.
Du sollst in Kiel ein Bier bestellen.
Da tut sich die Miene der Kellnerin aufhellen:
Ein Bier, das kennt sie, ein Bier will hier jeder.
Ob Fahrensmann, ob Mann der Feder –
hier trinkt kein Mensch Rotwein, also vergiß es,
bestelle ein Bier, und schon weißt du: Das isses!
Es ist – ja, was ist es? Ich sag nur so viel:
Typisch Kiel.
Mittwoch, 7. Januar 2026
Wabi-Sabi

Dieses Wabi-Sabi ist ein japanisches ästhetisches Konzept, das die Schönheit in unvollkommenen Dingen sucht, eine Ästhetik des Unperfekten. Wenn man zum Zen Buddhismus neigt, wird einem Wabi-Sabi vertraut sein. Vom Zen Buddhismus verstehe ich nicht so viel, obgleich ich Zen and the Art of Motorcycle Maintenance.(hier im Volltext) gelesen habe. Man kann Wabi-Sabi als einen Gegenentwurf zu der westlichen →Ästhetik des Schönen sehen, an der sich seit Plato die Philosophen abgearbeitet haben. Allerdings ist die japanische Lehre inzwischen schon ein wenig kommerzialisiert. Und damit meine ich nicht den Uhrenhändler, der ein versifftes Zifferblatt als edles Wabi-Sabi verkaufen will. Nein, die Vogue gebraucht den Begriff neuerdings häufig und hat schon eine Seite Make-up-Trend: Das japanische Wabi-Sabi zelebriert das Imperfekte.
Um auf die Zifferblätter zurückzukommen: ich lasse sie bei meinen Uhren eigentlich wie sie sind. Ich habe mir einmal von Bethge ein neues Zifferblatt für eine Certina aus den vierziger Jahren machen lassen, das ist sehr gut geworden. Ich kämpfe seit Jahren mit mir, ob ich meine Enicar Sherpa 300 zu Bethge schicken soll. Aber dann finde ich die Patina, die das Zifferblatt bei jedem Lichteinfall anders aussehen läßt, doch sehr interessant. Und die Indices mit den kleinen imitierten Brillis des Seapearl Modells leuchten so schön. Ich genieße das jetzt als Wabi-Sabi.














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