Beim Krimilesen aufgeschnappt (2): SNOWFLAKE BENTLEY, einer der ersten Menschen, denen es gelang, Schneeflocken unter dem Mikroskop zu fotografieren – ab 1885

Wenn ich in einem Krimi so etwas lese, regt sich immer mein Spürsinn und ich möchte mehr darüber erfahren:

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Zwar war Wilson Bentley nicht der „erste Mensch auf dieser Welt“, der eine Schneeflocke fotografierte, denn das war Johann Heinrich Flögel bereits 1879 gelungen, er war jedoch derjenige, der mich in Louise Pennys Kriminalroman „auf die unbekannte Spur“ gebracht hat. Die zur Schneeflocken- Fotografie führt und den Erkenntnissen von Wilson Bentley (1922):

No two snowflakes are alike.

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Die Arbeitsweise Bentleys wird in WIKIPEDIA so zusammenfasst: „Das Verfahren dazu hatte er selbst entwickelt. Für seine Schneekristallbilder sammelte Bentley einzelne Flocken und drapierte sie auf mit schwarzem Samt überzogenen Holzbrett. Für die Nahaufnahmen stellte er die Kristallformationen unter einem Mikroskop scharf, bevor er die Blende der Kamera maximal öffnete, um das Motiv zu belichten Insgesamt fotografierte er mehr als 5.000 Schneekristalle. Sein 1931 veröffentlichtes Buch Snow Crystals enthält mehr als 2.500 seiner Fotos und ist bis heute erhältlich.“[

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Neben der üblichen Quelle Wikipedia bin ich dabei auf den Artikel der Universität Regensburg gestoßen: HIER

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Und falls euer Weg nach Jericho (Vermont) führt, besucht The “Snowflake” Bentley Exhibit im Old Red Mill House, vielleicht trefft ihr dort auch Clara, die Malerin aus Three Pines, die ständig dabei ist in den Krimis der Armand-Gamache-Reihe von Louise Penny

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LOUISE PENNY: DER SCHWARZE WOLF. Der 20. Fall für Gamache

Dieser 20. Fall knüpft direkt an die Ereignisse an, die im 19. Fall „Der graue Wolf“ geschehen sind. Zum Einstieg und besseren Verständnis ist es ratsam, sich zunächst über den vorherigen Fall zu informieren oder das Buch zu lesen.

Rückblick. Im 19. Fall hatten kriminelle Elemente – besonders aus der Politik – versucht, das Trinkwasser Montreals zu vergiften und damit einen großen Teil der Bevölkerung zu töten. Chief Inspector Armand Gamache erfährt zu Beginn der Story von dem geplanten Anschlag. Der Informant vermutet, dass auch Leute der Sûreté an der Planung beteiligt sind. Nach dem Treffen wird der Informant von einem Auto überfahren, ein Attentat mit tödlichem Ausgang. Im letzten Augenblick gelingt es dem Chief Inspector mit seinem Team, den Anschlag zu verhindern, wobei er knapp dem Tode entgeht, allerdings eine erhebliche Schädigung des Gehörs erleidet. Der mutmaßliche Strippenzieher wird verurteilt, obwohl er bis zum Schluss die Tat leugnet.

Der schwarze Wolf/ Vorbemerkung von Louise Penny: „Ich habe dieses Buch in den ersten neun Monaten des Jahres 2024 geschrieben und das fertige Manuskript im September 2024 meinem Verleger geschickt. Bestimmt können Sie sich meine Überraschung vorstellen, als ich im Januar 2025 Schlagzeilen las, die direkt aus dem Buch stammen könnten …“

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„Wir haben ein Problem.“ Das ist der Satz, den der nahezu gehörlose Gamache einige Monate nach dem Zwischenfall in der Montrealer Trinkwasseraufbereitung wieder und wieder vor sich hin spricht. Er vermutet, dass der versuchte Anschlag nur der Anfang für ein noch größeres Verbrechen gewesen ist. Zweifel an der Vermutung haben fast alle Personen in seinem Umkreis. Zudem weiß er nicht, wer der schwarze Wolf sein könnte. (Der Ausdruck „Schwarzer Wolf“ stammt aus einem alten Erzählung der Cree, die sowohl im 19. als auch im 20. Band zu lesen ist). Der schwarze Wolf ist das absolut Böse und das könnte in der Politik, der Surete oder auch in der kanadische Mafia beheimatet sein.

„Wir haben ein Problem“ bezeichnet die Furcht Gamaches vor einem weiteren, noch viel größerem Verbrechen in Kanada und der Ohnmacht, nicht zu wissen, wo er zu erfolgreichen Recherchen ansetzen kann. Niemanden kann er trauen. Freund und Feind nicht zu erkennen und auf welcher Seite Informanten stehen, wird zunehmend undurchschaubarer. Das reinste Chaos in Gamaches Gehirn, aber auch für die Leserinnen und Leser dieses Falles wird es immer verzwickter, sich in dem Netz der Agierenden zurecht zu finden, das Louise Penny hier knüpft und mit falschen Fährten ziert.

Eins wird jedoch im Laufe der Story klar: Auch hier geht es um Wasser, allerdings in einer ganz anderen Dimension und aus anderen Gründen als der der versuchten Vergiftung in Montreal. Zudem erweist es sich, dass es mehrere Player gibt, die hier die Fäden ziehen. An dieser Stelle verweise ich auf die Vorbemerkung von Louise Penny zu diesem Buch und zudem auf die klimatischen Veränderungen, die zu erwarten sind und bewirken können, dass es auf der Erde zu dramatischen Änderungen in der Verfügbarkeit von Wasser kommen kann. Die Frage ist: „Was passiert, wenn das Wasser zur Neige geht.“

Mit Hilfe zweier Notizbücher und einer Landkarte, die der tote Informant aus dem 19. Band versteckt hat und von Gamache an einem ungewöhnlichen Ort gefunden wurden, wird das geplante Vorhaben Stück für Stück erkennbar. Ein schier unglaublicher Plan. Als Gamache auf der Suche nach den Verantwortlichen dafür Teile seiner Kenntnisse offenlegt, wird er als geistig verwirrt betrachtet, da auch lancierte Fakes in eine ganz andere Richtung führen und den Chief Inspector als völlig unglaubwürdig weil geisteskrank erscheinen lassen.

Es ist ein harter Kampf, den Gamache zusammen mit seinen engsten Vertrauten Lacoste und Beauvoir und selbstverständlich seiner Frau Reine-Marie bestehen muss. George Orwells „Farm der Tiere“ wird dabei einige Male zitiert. Wer den Inhalt kennt, erinnert sich vermutlich an die ersten beiden Gebote des Animalismus: „1. Alles, was auf zwei Beinen geht, ist ein Feind. 2. Alles, was auf vier Beinen geht oder Flügel hat, ist ein Freund.“ Und an das Ende: Bei einem Festessen sprechen sich Menschen und Schweine für eine gute Zusammenarbeit aus und lassen sich gegenseitig hochleben. Die anderen Tiere, die das durch ein Fenster beobachten, können nicht mehr unterscheiden, wer Mensch und wer Schwein ist.

Schließlich gelingt es, den Plan zu durchkreuzen und das als fiktives Ziel Beschriebene zu verhindern. Wenn wir die derzeitigen politischen Machtspiele anschauen, kann nur gesagt werden: Heute ist es noch Fiktion, was Louise Penny hier erzählt. Wie es morgen aussieht: ????

Ein höchst aktuelles Thema. Empfehlung: unbedingt lesen!

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Louise Penny: Der schwarze Wolf. Der 20. Fall für Gamache

Übersetzung;Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Erschienen im Kampa Verlag (2025), Originaltitel: The Black Wolf (USA 2025)

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PENNY, Louise – Armand-Gamache-Reihe

Band 1:  Das Dorf in den roten Wäldern

Band 2: Tief eingeschneit – noch nicht besprochen

Band 3: Das verlassene Haus – noch nicht besprochen

Band 4: Lange Schatten

Band 5: Wenn die Blätter sich rot färben

Band 6: Heimliche Fährten

Band 7:Bei Sonnenaufgang )

Band 8:Unter dem Ahorn

Band 9: Der vermisste Weihnachtsgast

Band 10: Wo die Spuren aufhören

Band 11: Totes Laub

Band 12: Auf keiner Landkarte

Band 13: Hinter den drei Kiefern

Band 14: Auf einem einsamen Weg

Band 15: Wildes Wasser

Band 16: Die Reise nach Paris

Band 17: Unruhe im Dorf

Band 18: Ein sicheres Zuhause

Band 19: Der graue Wolf

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Beim Krimilesen aufgeschnappt (1): TAXIDERMIE und die unglaublichen Arbeiten von Walter Potter

Nicht wenige Male habe ich es erwähnt: Krimilesen bildet – wenn man will.

Im soeben erschienenen Kriminalroman MINNESOTA von Jo Nesbø ist mir der Begriff TAXIDERMIE aufgefallen und dort ist zu lesen, wie der Taxidermist – oder schlicht in Deutsch der Tierpräparator – arbeitet, um für seine Kunden ein Werk zu schaffen, dass deren Erwartungen entspricht. Es ist aber auch zu lesen, wie sich die Arbeitsweise im Laufe der Zeit geändert hat, dass heute das Mannequin, so wird der Körper des Präparats genannt, inzwischen oftmals nicht mehr vom Präparator in mühevoller Handwerkskunst geschaffen wird, sondern in industrieller Fertigung aus Plastik hergestellt wird. Damit ist bei der Herstellung eines Präparats viel Zeit zu sparen, damit für den Auftraggeber auch kosten.

(Ich gebe zu, dass diese Information unter dem Begriff „Unnützes Wissens“ abgelegt werden kann. Für mich ist sie trotzdem interessant.)

Dann schnappe ich den Namen Walter Potter auf. Im Krimi erfahre ich, dass er ein Taxidermist im viktorianischen Zeitalter war, der seine präparierten Tiere wie Menschen kleidete und in Szenen darstellte wie eine „Schulklasse voller Kaninchen, die brav an ihren Pulten saßen“. Oder „eine Ratte in Menschenkleidern an einem Pokertisch, während eine andere in Polizeiuniform den Raum stürmte“. Andere Taxidentisten zeigten bizarre „Kunst“ wie zweiköpfige Lämmer oder vierbeinige Hühner.

Angeregt von solchen Beschreibungen ist es für mich nur ein kurzer Weg in die Welt des WWW und einem Foto aus dem Buch WalterPotter’s Curious World of Taxidermy(Blue Rider Press).

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Hier die oben erwähnte Schulklasse voller Kaninchen:

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Zum Schluss noch ein ganz „herziges Bild“:

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Im Netz befinden sich zahlreiche Artikel über Walter Potter und Kollegen, die auf ähnliche Weise Tiere in menschlichen oder fantastischen Szenen dargestellt haben oder als andere Kunstobjekte geschaffen haben. Die Frage, wie Potter an fast 50 Kaninchenjunge gekommen ist, die er zur Schulklassen-Szene gestaltet hat, wird in einigen Artikeln beantwortet. Und die Antwort wird nicht jedem gefallen.

Die bizarren Darstellungen haben mich einerseits sehr amüsiert, andererseits haben sie eine Abscheu erzeugt. Als hartgesottener Krimileser bin ich mit brutalen – fiktiven – Morden vertraut. Was aber mit den etwa 50 Hasenjunge geschah, die Walter Potter als Schulklasse gestaltet hat, lässt mich jedoch erschaudern.

Dank Jo Nesbø habe ich nun eine Wissenslücke geschlossen. Die Besprechung des Kriminalromans MINNESOTA ist HIER zu lesen.

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SIMON BECKETT – KNOCHENKÄLTE. Band 7 der David-Hunter-Reihe

Ein „echter David-Hunter-Thriller“, der schon mit den ersten Worten begeistert: „Knochen überlebt. Wie Ziegel und Mörtel eines alten Hauses überdauern die Knochen das Leben, das einst in ihnen war.“

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Der forensische Anthropologe Dr. David Hunter hat sich auf der Fahrt von London nach Carlisle während eines Unwetters fürchterlich verfahren und ist im Nirgendwo der Cumbrian Mountains gelandet. In einem Kaff namens Edendale, in dem die Straße endet. Die Straße zurück wird vom Unwetter zerstört, unpassierbar, das Stromkabel zerrissen, zudem kein Handyempfang. Edendale ist von der Außenwelt abgeschnitten.

Auf der Suche nach einem Ort, wo ein Empfang möglich ist, durchstreift Hunter die Gegend um Edendale und stößt auf eine entwurzelte Fichte, in deren Wurzelwerk er ein menschliches Skelett entdeckt, das vor vielen Jahren im Pflanzloch des inzwischen etwa 25 Jahre alten Baums entsorgt wurde.

Ein alter Fall, der Hunters Interesse weckt, doch die Dorfgesellschaft hält sich bedeckt, er erfährt nur, dass zu jener Zeit ein junger Dorfbewohner nach einem Streit starb, der mutmaßliche Mörder verschwunden ist.

Hunter versucht, seine Entdeckung zu dokumentieren bis irgendwann die Verbindung zur Außenwelt wieder hergestellt sein wird und er die Ergebnisse der Polizei übermitteln kann. Doch irgendjemand im Dorf möchte das verhindern und zerstört das Skelett mit einer Kreissäge, macht sozusagen Kleinholz daraus. Andere, die sich für das Skelett interessieren, begeben sich in Lebensgefahr und auch Hunter gerät auf seinen Streifzügen in Gefahr, macht dabei aber noch weitere grausige Entdeckungen.

Das alles führt zu einer komplexen Angelegenheit und einer Situation, die trotz der wenigen beteiligten Dorfbewohner zunächst unüberschaubar für den ungebetenen Gast wird. Stückchenweise erfährt er, was in der Vergangenheit passierte und fügt seine eigenen Erkenntnisse zu einem Bild zusammen, dass die Ereignisse von damals aufzeigt. Irgendwann sind dann Hubschraubergeräusche zu hören. Die Wahrheit kann aktenkundig gemacht werden.

Simon Beckett hat mit Knochenkälte einen Wald voller Knochen geschaffen – Originaltitel „The Bone Garden“ -, in dem sich Hunter zurecht finden muss, in dem der Zugereiste gegen die Interessen aller involvierten Dorfbewohner vorgehen muss, nur unterstützt von seinen umfangreichen Kenntnissen der forensischen Anthropologie. Beckett schreibt im Nachwort: „Ein David-Hunter-Kriminalroman erfordert viel mehr Recherche, als dem gedruckten Ergebnis anzusehen ist, …“ und dankt den Fachleuten, die ihn bei der Recherche unterstützt haben. Und dieser Part, des Hunter’schen Erkenntnisgewinns ist es auch, der fasziniert, durch den die Spannung aufgebaut wird und nach etlichen Überraschungen zu der Lösung eines alten Falls und nachfolgend einigen Ereignissen wie bei einem Dominoeffekt führen.

Dass manchmal die Dominosteine etwas langsam fallen – einige Male habe ich mir beim Lesen etwas mehr Dynamik gewünscht, die schneller zum Ziel geführt hätte – sollte Simon Beckett verziehen werden.

Mit diesem 7. Band der David-Hunter-Reihe erreicht Beckett wieder das Niveau, dass „Die Chemie des Todes“ ausgezeichnet hat.

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Simon Beckett: Knochenkälte. Übersetzt von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn. Erschienen bei Rowohlt Wunderlich (2025), Originaltitel „The Bone Garden“ (UK,2026)

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Rezensionen von Bänden der David-Hunter-Reihe:

Band1: Die Chemie des Todes (UK 2006, dt. 2006)

Band 2: Kalte Asche (UK 2007, dt. 2007)

Band 3: Leichenblässe (UK 2009, dt. 2009)

Band 4: Verwesung (UK 2010, dt.2011)

Band 6: Die ewigen Toten (UK 2019, dt.2019)

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HOCH GESTAPELT, TIEF GEFALLEN. 35 kriminelle Geschichten von DOSTOJEWSKIS ERBEN

Kein Geringerer als Felix Krull stand Pate bei dem jüngsten Projekt von Dostojewskis Erben. 28 Mitglieder der Wiesbadener Gruppe von Autorinnen und Autoren pickten sich nach dem Zufallsprinzip einen Satz aus Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ heraus und setzten ihn an den Anfang ihres Kurzkrimis.

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Erstaunliches ist dabei herausgekommen und in dieser Anthologie verewigt. Vielfältige Ereignisse krimineller Art sind den Schöpferinnen und Schöpfer eingefallen, von kleinen Nickeligkeiten unter Kleinkriminellen bis hin zu großen Taten mit tödlichem Ausgang. Ob zu DM Zeiten oder im Zeitalter der Bitcoins, es werden krumme Bankgeschäfte gemacht und HeiratsschwindlerINNEN treten auf. Betrüger versuchen ihr Glück.

Dabei erleben wir seltsame Szenarien, so aus der Welt der Steampunk-Liverollenspieler, die sich mit ihren kuriosen dampfenden und zahnradgetriebenen Gerätschaften bekriegen wollen.

Es sind aber auch Geschichten, wie die Verwerfungen in einer Beziehung durch die hingebungsvolle, zeitraubende Pflege eines Titanwurzes, jener exotischen Pflanze, die nur alle paar Jahre für kurze Zeit blüht. Mann sollte sich überlegen, ob es wirklich die Sache wert ist, das schönste und größte blühende Exemplar haben zu wollen.

Das überraschende Moment, die Pointe ist es, die diese Kurzgeschichten lesenswert machen. So auch die Geschichte der unscheinbaren, reisefreudigen Person, deren „Verlangen nach nie erfahrener Menschlichkeit, die die Reisende zur Glücksbringerin macht.“

Dass auch ein Mörder eine zweite Chance bekommen möchte, nachdem er lange Zeit in der Psychiatrie untergebracht war, ist verständlich. Hier kommt es dann dazu, als Leser dem Mörder alles Gute zu wünschen. Na ja, siehe oben, Stichwort „Pointe“.

Herrlich auch das Verlangen nach einem Glas Weißwein im kleinen Ort im Rheingau – doch der Weinstand am Ufer des Rheins ist geschlossen. Letztlich ergibt sich jedoch die Situation, die zur Befriedigung des Verlangens führt.

Die 35 Kurzkrimis sind überwiegend im Rheingau und Wiesbaden angesiedelt, auch Frankfurt ist Ort der Handlung. Es ist die Gegend in der Felix Krull aufgewachsen ist und der Grundstein für sein Leben als Schelm und Hochstapler gelegt wurde. Die Geschichten von Dostojewskis Erben zeigen solche Charaktere, die dem von Felix Krull ähneln oder auch ganz und gar anders sind. Eins haben sie doch mit Thomas Manns Helden gemeinsam: Man kann über sie schmunzeln – über alle.

Und wer noch einen Tipp für seine Frühpensionierung sucht, kann ihn hier ebenfalls finden.

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DOSTOJEWSKIS ERBEN: HOCH GESTAPELT, TIEF GEFALLEN. Herausgegeben von Susanne Kronenberg und Belinda Vogt, BoD (2025)

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JO NESBØ: MINNESOTA

US-Bundesstaat Minnesota, 2016. Bob Oz ermittelt in einem ungewöhnlichen Fall. Ein Mörder ist unterwegs, tötet einen Waffenhändler, dann einen Drogenboss, scheint auch den Bürgermeister von Minneapolis erledigen zu wollen, wenn dieser wie geplant im größten Footballstadium der Stadt bei einer Veranstaltung der National Rifle Association of America die Eröffnungsrede halten will.

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Bob Oz hechelt dem Mörder zunächst hinterher, kommt stets zu spät zu den Orten des Geschehens, lässt sich dabei vom Mörder vorführen und austricksen.

Dabei hat der Ermittler mit norwegischen Wurzeln einen scheinbar genialen Plan, will dem Täter eine Falle stellen. Von einem Taxidermisten erfährt Oz viel aus dem Leben Mörders, einem einsamen Menschen, dessen Frau und Tochter zwischen die rivalisierende Drogenbanden gerieten und erschossen wurden. Der Taxidermist berichtet, was ihm der Mörder erzählt hat, als er eine tote Katze brachte, die ausgestopft werden soll. Der Mörder, durch den Verlust von Frau und Tochter geprägt, einsam, führt demnach eine Rachefeldzug gegen die Profiteure der Waffengesetze und den more guns – less crime – Fans. Einsam ist auch Bob Oz nach dem Unfalltod der kleinen Tochter und der Trennung von seiner Frau. So konzentriert er sich auf seine Arbeit, kämpft verbissen, den Mörder von weiteren Taten abzuhalten.

Nun wissen wir aus Kriminalromanen von Jo Nesbø, dass es darin immer deftige Überraschungen und Wendungen gibt. Wir kennen auch die Kreativität des Autors, wenn es um die Auswahl der Mordmethoden und -werkzeuge geht sowie um die Vorgehensweise des Täters.

Diese Elemente fehlen auch in diesem Krimi nicht. So wird beim Lesen irgendwann klar, dass in dem zum Schluss eskalierendem Spannungsbogen, Elemente enthalten sind, die in dieser Weise noch nie in einem Krimi geschrieben wurden. Es gibt im Verlauf der Geschichte einen kleinen Hinweis, der stutzig macht und nicht überlesen werden sollte. Ihn näher zu beschreiben, verkneife ich mir jedoch.

Was ich aus MINNESOTA mitnehme sind ausführliche Kenntnisse über die Methoden der Taxidermie, über die Nesbø offensichtlich sorgfältig recherchiert hat. Neben diesem Sidestep und dem Weg des Mörders gibt es noch einen weiteren Aspekt, den Nesbø beschreibt und der im Hintergrund des Krimis mitläuft, dann auch wieder zu einem zentralen Punkt herausbricht: Die Waffengesetze der USA, und die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen, die hinter diesen Gesetzen stehen. More guns – less crime, ein fataler Slogan, dessen Lügenpotenzial uns immer wieder gezeigt wird. Jo Nesbø tritt hier nicht als der Moralapostel auf, der zeigen will, zu welchen kriminellen Auswüchsen diese Einstellung führt. Doch was er dazu zu sagen hat, macht nachdenklich und zeigt, dass er nicht nur ein x-beliebiger Krimiautor ist.

Überraschende Wendungen, Kreativität bei der Beschreibung von Vorbereitung und Durchführung des Projekts „Rachefeldzug“ und ein überzeugender Spannungsbogen mit interessanten Charakteren zeichnet MINNESOTA aus.

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Jo Nesbø: MINNESOTA. Erschienen im Goldmann Verlag (2026). Übersetzt von Günther Frauenlob. Originaltitel: Minnesota (Norwegen, 2025)

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Bisher auf KrimiLese besprochene Bücher von Jo Nesbø

Harry-Hole-Reihe

Band 6:  Der Erlöser (Norwegen 2005, dt. 2008)

Band 7: Schneemann (Norwegen 2007, dt. 2009)

Band 8: Leopard (Norwegen 2009, dt.2009)

Band 9: Die Larve (Norwegen 2011, dt. 2011)

Band 10:  Koma (Norwegen 2013, dt. 2013)

Band 11: Durst (Norwegen 2017, dt.2017)

Band 12: Messer (Norwegen 2019, dt. 2019)

Band 13: Blutmond (Norwegen 2022, dt. 2022)

Blood on Snow-Reihe

Teil 1: Blood on Snow, Der Auftrag (Norwegen 2015, dt. 2015)

Teil 2: Blood on Snow, Das Versteck (Norwegen 2015, dt. 2016)

Os-Reihe

ihr königreich (Norwegen 2020, dt. 2020)

der König (Norwegen 2024, dt. 2024)

Stand -Alone

 Headhunter (Norwegen 2008, dt. 2010)

Der Sohn (Norwegen 2014, dt.2014)

Das Nachthaus (Norwegen 2023, dt.2023)

Eifersucht – Sieben Short Stories (Norwegen 2021, dt. 2021)

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Peter Jackob: Sherlock Holmes – Das Geheimnis von Compton Lodge

Mit diesem Krimi führt Peter Jackob die Tradition der Armchair-Detective-Geschichten um Sherlock Holmes und dessen Freund Dr. Watson in Stil und Diktion von Sir Arthur Conan Doyle fort und versetzt die Leser zurück in das viktorianische England Ende des vorletzten Jahrhunderts. In die Zeit der Kutschen, der Blendlaternen und besonders der Gabe von Sherlock Holmes, durch Beobachtung und Deduktion schwierige kriminalistische Sachverhalte aufzuklären.

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Das Geheimnis: Im Fieberdelirium scheint Watson zu fantasieren. Sherlock Holmes schnappt Traumfetzen auf, bei denen es um ein verschwundenes Zimmer, um Farnkraut und einige andere, zunächst nicht erklärbare Dinge geht. Offenbar sind es traumatische Erinnerungen, die Watson quälen. Sherlock Holmes wäre nun nicht der berühmte Detektiv, wenn er nicht zu klären versuchen würde, was dem Freund 25 Jahre zuvor im Landhaus seines Großvaters widerfahren ist. Während Watson keine Erinnerungen an diesen Aufenthalt hat, kombiniert der Meisterdetektiv – aber nicht nur engstirnig das Schicksal des Freundes betreffend, sondern auch in die Richtung eines anderen über zwanzig Jahre zurückliegenden unaufgeklärten Falles, bei dem ein Geistlicher mit gespaltenem Schädel in der gleichen Gegend aufgefunden wurde.

Sherlock Holmes gelingt es, die Verbindung zwischen den Ereignissen zu finden und das damalige Verbrechen nahe an das Erlebnis Watsons von Compton Lodge heranzubringen, das entscheidenden Einfluss auf dessen Lebensweg hatte.

Holmes Vorgehensweise ist zeitweise geprägt von Überheblichkeit gegenüber seinem Freund. Dennoch müssen nicht nur Watson sondern selbstverständlich auch die Leser dieses Buches die Genialität des Detektivs anerkennen, der Schnittmengen scheinbar auseinanderliegender Ereignissen erkennt und daraus, so ist er halt, die richtigen Schlüsse zieht.

Respekt vor dieser Leistung des Detektivs aber auch vor Peter Jackob. Ihm ist es gelungen, sich in die Holmes’sche Denkweise hinein zu versetzen und das Geheimnis von Compton Lodge so darzustellen, dass der Blaue Karfunkel, mit dem der Autor vor einigen Jahren von der Deutschen Sherlock Holmes Gesellschaft für diesen Roman ausgezeichnet wurde, ein gerechter Lohn für diese Arbeit ist.

Warum gerade Sherlock Holmes? Was verbindet Peter Jacob mit dieser Figur? Die Antwort auf diese Frage gibt er in einem Interview (Florian Hilleberg, Literra, 29.11.2012):

Mit Sherlock Holmes und Dr. Watson verbindet mich eine schon seit gut dreißig Jahren währende Freundschaft. Das Ganze hat mit „Das Rätsel von Boscombe Valley“ begonnen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich auf meinem Bett liegend das erste Mal den Erzählband aufgeschlagen habe. Ich schätze die besondere Freundschaft zwischen den beiden, die Kabbeleien, ihre Unterschiedlichkeit, aber auch das gegenseitige Vertrauen und die etwas überspannte Beziehung. Wenn man die beiden Charaktere zusammendenken würde, käme eine unangepasste, schlaue, loyale und durchaus witzige Figur heraus. Wird einem manchmal Holmes‘ Arroganz oder Watsons etwas zu normales Wesen zu viel, fängt der eine Charakter den anderen auf. Das schafft eine einmalige Verbindung zwischen den beiden, ein wunderbares, unvergleichliches Gefüge.

Zum Schluss noch eine Passage aus der Begründung zur Verleihung des Blauen Karfunkels duch die DSHG: “Peter Jackob versteht es, den Leser in die gute alte Zeit zurückzuführen. Beim Lesen (…) hat man das Gefühl, ein wirklich neues Abenteuer unseres Meisterdetektivs zu erleben (…) das anspruchsvolle Abenteuer bleibt dabei bis zum Höhepunkt sehr geheimnisvoll (…) Jackob erweist sich als wahrer Kenner der Sherlockianischen Materie.”

Gut, dass Peter Jackob vor nun mehr als 40 Jahren damit begonnen hat, die Erzählungen und Romane um Sherlock Holmes und Dr. Watson zu lesen, und seitdem diese beiden Helden schätzt. Gut auch, dass er uns von weiteren Fällen der beiden berichtet.

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Peter Jackob: Sherlock Holmes – Das Geheimnis von Compton Lodge. Erschienen im TZ-Verlag (2025) als vollständiger Nachdruck der Originalausgabe, die 2012 im Gollenstein Verlag erschien.

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Weitere Sherlock-Holmes-Pastiches von Peter Jackob:

Sherlock Holmes – Die Jagdgesellschaft von Billinghurst. Erschienen im TZ-Verlag (2025) als vollständiger Nachdruck der Originalausgabe mit gleichem Titel (Gollenstein Verlag, 2013)

Der Fall der Fälle. Sherlock Holmes – The Late Cases (TZ-Verlag, 2024)

Neben den Sherlock-Holmes-Pastiches veröffentliche Peter Jacob sechs Kriminalromane, etliche Kurzkrimis und kriminelle Erzählungen mit dem Mainzer Altstadtdetektiv Schack Bekker. Die Kurzkrimis sind teilweise in Anthologien, in Einzelbänden oder kürzlich in einem Sammelband mit drei Kurzkrimis und einigen Erzählungen mit dem Titel Mit Ecken und Kanten, Herz und Humor – Kommissar Schack Bekker ermittelt in und um Mainz erschienen.

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Elly Griffiths: Manche Schuld vergeht nie

Alison Dawson gehört im London der Gegenwart einer nahezu geheimen Abteilung der Kriminalpolizei an, die durch Zeitreisen Cold Cases in der näheren Vergangenheit aufklärt. Der neueste Fall geschah jedoch vor langer Zeit im viktorianischen London, genau gesagt im Jahre 1850. Ein hochrangiger britischer Minister mit Aussichten auf das Amt des Premierministers möchte heute seinen Stammbaum reinwaschen, in dem vermerkt ist, dass einer seiner Vorfahren für den Mord an einer jungen Frau im Jahr 1850 verantwortlich gewesen sein soll.

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Keine leichte Aufgabe für das Team um Alison, genannt Ali. Bisher hat der „Gang durch die Pforte“ und zurück, so nennen sie die Zeitreise, stets funktioniert. Doch bisher gingen sie nur ein paar Jahre oder wenige Jahrzehnte durch die Pforte in die Vergangenheit. Nun ist es eine große Herausforderung, die physikalischen Bedingungen für dieses Unternehmen neu auszurichten. Die Physikerin, die dafür die Verantwortung trägt, ist optimistisch, dass alles gut geht. So kleidet sich Alison der damaligen Mode entsprechend ein, lernt die alten Umgangsformen, packt ein paar Münzen aus der Zeit ein und das Handy aus. Dann ist es soweit, sie geht durch die Pforte und erlebt , wie es damals war, lernt die Menschen kennen, die im Umfeld der Leiche leben und insbesondere den Vorfahren des heutigen Ministers. Das ist ein seltsamer Mann, ein Sammler seltener und obskurer Exponate, Mitglied eines Geheimbundes mit vermutetem tödlichem Ritual. In diesem Szenario die Wahrheit zu finden, ist Alis Ziel. Normalerweise reicht eine kurze Zeit dazu aus, dann muss sie sich wieder auf die Minute genau auf dem Punkt ihrer Ankunft stellen, um wieder zurück in die heutige Zeit zu gelangen.

Das funktioniert nicht. Alison hängt im Jahr 1850 und muss sich mit den Verhältnissen der Zeit arrangieren. Im Heute hat sie zudem ihren Sohn Finn zurückgelassen, der zufällig ein Berater des Nachkommens des mutmaßlichen Mörders ist. Als der Minister ermordet wird, ist es Finn, der für den Mord verantwortlich gemacht wird. Ein Motiv wird ihm auch ein Motiv unterstellt.

Zwischen Gegenwart und der viktorianischen Zeit springt die Geschichte nun hin und her, spannend in den zwei Strängen von Elly Griffiths erzählt, wobei der Schwerpunkt auf Alisons Erlebnissen und Recherchen in der Vergangenheit liegt. Dabei erfahren wir aus dem Blickwinkel einer modernen Kriminalbeamtin auf das viktorianische Zeitalter und den damaligen Lebensbedingungen wie unterschiedlich und auch beschwerlich das Leben vor rund 170 Jahren war. Eine Perspektive, die in „echten“ historischen Kriminalromanen nicht gezeigt wird, da Leben und Umstände der vergangenen Zeit darin als normal empfunden werden. Mit dabei sind insbesondere gut gezeichnete Charaktere aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die sich nicht immer geradlinig durch den Roman bewegen, in dem etliche Red Herrings ausgelegt sind. Zu den Highlights gehört aber Alison, die sich in der ungewohnten Welt zurechtfinden muss, in der es in der Umgebung des Urahns des Ministers und insbesondere dessen Verhalten für die Beamtin zu Wirrungen und Irrungen kommt, fast immer mit dem Wunsch verknüpft, wieder zurück durch die Pforte gehen zu können.

Wie es ausgeht: Einerseits überraschend, jedoch nicht unlogisch, folgt man der Handlung an allen Orten und zu den verschiedenen Zeiten. Andererseits kurz und knapp, so als würde Elly Griffiths das Papier ausgegangen sein, auf dem sie die Geschichte schrieb. Dieser Eindruck vermischt sich allerdings mit der Hoffnung, dass die Autorin zur Zeit auf der erfolgreichen Suche nach neuem Papier ist, auf dem sie die Geschichte von Alison weiter schreiben kann.

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Elly Griffiths: Manche Schuld vergeht nie. Übersetzung: Stefanie Kremer. Erschienen bei Tropen (2025), Originalausgabe: The Frozen People (Großbritannien, 2025)

Elly Griffiths ist bekannt für die Kriminalromane mir der forensischen Archäologin Ruth Galloway, die ist der erste mit der Beamtin Alison Dawson, die zum Lösen ihrer Fälle „durch die Pforte“ geht.

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Ian Rankin: Die dunkelste Stunde der Nacht (25. Krimi der Inspector-Rebus-Reihe)

John Rebus sitzt nach der Sache mit Big Ger im HMP Edinburgh ein. Kein leichtes Leben für einen ehemaligen Detective Inspector. Wer dort mit ihm seine Zeit verbringt, kennt Rebus. Das ist für den Inspector nicht ungefährlich. Zu seinem scheinbaren Glück ist ihm der Platzhirsch unter den Knastbrüdern dankbar, dass Big Ger nicht mehr lebt. So hat Rebus einen Schutzpatron – und dessen Wort gilt.

Ansonsten geht es recht chaotisch zu im HMP. Zu den Intrigen unter den Knastis kommt korruptes Verhalten von Wärtern, es wird gedealt und Geschäfte draußen von drinnen organisiert, während draußen Leute wirken, die Einfluss nehmen auf das Leben innerhalb der Mauern. Ein ganz normaler Knast demnach, in dem die Verhältnisse ausbalanciert zu sein scheinen.

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Das System gerät aus den Fugen, als in unmittelbarer Nachbarschaft von John Rebus und dessen Patron ein Mord passiert. Mitternacht war es, die Zellentür verschlossen, die Überwachungskamera davor defekt. Als der Ermordeten am Morgen gefunden wird, liegt der Zellengenosse zugedröhnt im Koma. Keine Zeugen, vom Täter keine Spur. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Unter den Verdächtigen selbstverständlich auch die Wärter, zudem die Suche nach möglichen Auftraggebern und dem Motiv. Vorstellbar ist Vieles. Mittendrin agiert Rebus, der auf unterschiedliche Art in Kontakt tritt mit ehemaligen Kollegen, dabei versucht, den Täter anhand der Verhältnisse zwischen den verschiedenen Playern im Knast zu finden. Dass er dabei argwöhnisch von seiner Umgebung beobachtet wird, ist nicht verwunderlich. Ganz ohne Blessuren geht es für den ehemaligen Inspector dabei auch nicht ab, anderen ergeht es schlimmer. Doch in dem ganzen Gewirr und den Verflechtungen von innen und außen, zeigt sich mit der Zeit der eine Faden, der vom Opfer zum Täter führt – oder eigentlich mehr vom Täter zum Opfer.

Eine spannende Geschichte, in der John Rebus einmal mehr seine Genialität zeigen kann. Belohnt – und da gäbe es für ihn nur eine Belohnung – wird er zunächst nicht dafür.

Wenn zuvor von Gewirr und Verflechtungen geschrieben wurde, liegt das an der großen Zahl von Häftlingen, Gefängnispersonal, Ermittlern und sonstigen Angehörigen der Polizei. Außerdem noch an Johns Familie und eben den Leuten, die außerhalb der Mauern ihre Interessen vertreten, sich dabei gegen die, die drinnen sitzen oder dort ihre Arbeit tun, durchsetzen wollen.

Wer sich von meinen letzten Sätzen nicht abschrecken lässt, in das scheinbare Chaos dieser Handlung einzusteigen, wird zum Schluss ein großes Erfolgserlebnis haben, bei dem klar herauskommt, was wirklich um Rebus herum passierte, dass Verhältnisse manchmal doch einfacher sind, als zunächst vermutet. So steht am Schluss ein erleichtertes Ausatmen und nachfolgend ein Warten auf den 26. Band der Rebus-Reihe.

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Ian Rankin: Die dunkelste Stunde der Nacht. Übersetzt von Conny Lösch, Goldmann Verlag (2025), Originaltitel Midnight and Blue (2024)

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Peter Jackob: Mit Ecken und Kanten, Herz und Humor – Kommissar Schack Bekker ermittelt in und um Mainz

Wer den Mainzer Altstadtkommissar noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen: Das Meenzer Urgestein, das zwischen Tatorten zumeist im Schatten des Doms und heimeligen Weinstuben hin und her pendelt.

Peter Jackob hat besondere Ereignisse dieses (fiktiven) Lebens aufgeschrieben, die hier in drei Kurzkrimis und etlichen Erzählungen zu lesen sind.

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Das Wichtigste am Anfang: So ein Tag. Oder: Wie alles begann. Die Karriere von Schack begann, wie sie nur in Mainz anfangen kann, an einem Rosenmontag. An diesem hohen Mainzer Feiertag wollen zwei Jungs als Sherlock Holmes und Dr. Watson verkleidet im Trubel des Tages Verbrechen beobachten. Und das gelingt ihnen! Großes Lob ist danach in der Zeitung über eine gelungene Observierung von Sherlock-Schack und dessen Freund Werner Watson als Hobbydetektive zu lesen. Von da an haben die beiden Jungs den Traum, später als echte Detektive Kriminalfälle zu lösen.

Dass dieser Traum für Schack in Erfüllung geht, soll hier knapp gespoilert werden. Und auch, dass ihm Werner als Polizeifotograf stets zur Seite stehen wird.

Es folgen drei Kurzkrimis, chronologisch den drei Höhepunkten des Mainzer Kalenders folgend: Silvester/Neujahr, Fasnacht, Weihnachten.

Gutes Neues, Schack! Hier erfahren wir, wie am Silvesterabend aus einer gemütlichen Runde in einer Hütte des Kleingartenvereins „Friedliebende Nachbarn“, in der Kommissar als Sherlock Holmes verkleidet mit seinen Kollegen Blinzelmörder und Der inszenierte Mord spielt, eine echte Mordermittlung wird. Ein fürchterlicher Schrei aus dem Nachbargarten sprengt die feuchtfröhliche Feier und Gestalten im Look von Schimanski, Miss Marple, Poirot, Sam Spade und Columbo eilen zum Ort des Geschehens, finden dort in dessen Laubenpieperhütte den toten Vorsitzenden der „Friedliebenden Nachbarn“ an der Seite seiner – lebenden – Ex, die den Schrei ausstieß. So fallen die als berühmte Ermittler der Weltliteratur Kostümierten wieder zurück ins wahre Leben als Kommissare, Polizeifotograf und Rechtsmediziner und klären auf, was aufgeklärt werden muss.

Peter Jackob erzählt dieses ungewöhnliche Erlebnis Bekkers mit feinem Humor, einer wohldosierten Portion Ironie und kurzweiligem Abtauchen in die römische und auch griechische Literatur. So sehen wir neben den Großen der Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts auch Vergil und Homer, über deren Dramen und Verse sich der Kommissar seine Gedanken macht.

Helau, Schack! Es ist die Nacht zum Rosenmontag – frühmorgens um Vier – und Schack schwankt am Rheinufer Richtung Zuhause. Er hat sich etwas übernommen (sprich: mächtig einen getankt), trifft einen alten Kumpel und macht zusammen mit diesem ein kleines Späßchen, indem sich beide rittlings auf den Schreitenden Tiger setzen, der in Mainz hauptsächlich als Panther bezeichnet wird. Die Fasnachtsstimmung endet jedoch für Schack abrupt, als er am Ufer seine Kollegen sieht, die eine frisch aus dem Fluss geborgene Leiche untersuchen. Zu allem Verdruss erkennt Schack, dass es sich um die seines ungeliebten Ex-Schwiegervater handelt. So hat der Kommissar den Fall am Hals, denn der angesehene Anwalt und Vorsitzende der Narrenbruderschaft gehörte nicht nur zur Crème de la Crème der Mainzer Gesellschaft, sondern starb auch eines unnatürlichen Todes. Der Ex-Schwiegersohn hat so seine Zweifel, ob der Tote wirklich der ist, für den er von der feinen Gesellschaft angesehen wurde, oder ob er nicht auch eine dunkle Seite hatte. Schack denkt an den Panther, der nicht ist, was er ist, sondern ein Tiger. Mit solchen Gedanken beschäftigt sich unser Held – und der Schädel brummt.

Und das Ergebnis? Gar nicht so wichtig, denn es ist Rosenmontag! In dieser Fasnachtserzählung steht die Befindlichkeit Schacks zu und an diesen Tagen im Mittelpunkt. Er ist ein Mann der Straßenfasnacht, dem Genießen der Zeit der Verkleidung in Weinhäusern mit Freunden beim Gläschen von Mutters Besten oder anderen Tropfen aus der Umgebung oder einem oder mehr Schäumchen in einer gemütlichen Kneipe, möglichst mit Familienanschluss wie in der Kleinen Stadthalle. Prunksitzungen und das große Trara sind ihm zuwider.

So lieben wir Schack, der auf der Seite des „kleinen Mannes“ bodenständig lebt und seinem Beruf als „Bekker-Mord“ gewissenhaft nachkommt. Egal, welche Knüppel ihm unliebsame Zeitgenossen – besonders wenn sie aus Wiesbaden kommen – zwischen die Beine werfen. Schack weiß sich zu wehren.

Frohes Fest, Schack! Es muss nicht immer Mord sein, was in einem Krimi passiert und von Kommissaren oder Schlapphüten aufgeklärt wird. Aber auch in diesem mordlosen Fall stockt dem Leser zeitweise der Atem.

Es sind Geschehnisse, die an jedem anderen Tag des Jahres passieren können, aber wie es nun einmal ist: Verbrechen richten sich nicht immer nach der Jahreszeit oder großen Festen – oder doch? Hier passiert es, als es dem Kommissar gar nicht in den Kram passt, er andere Gedanken hat. So beginnt diese kleine Geschichte mit einem nachdenklichen Schack, der sich an seinen Vater und alte Weggefährten erinnert, die nach dem Motto „Jeder muss irgendwann den Schirm zumachen“ nicht mehr unter den Lebenden sind. Doch dann zieht er frohgemut mit zwei Flaschen Calvados los. Gemäß dem jährlichen Ritual, den Vater eines Freundes und Kollegen im Altersheim zu besuchen und mit ihm gemeinsam ein Fläschchen Calvados zu genießen. Doch der alte Herr ist verschwunden. Bekker ahnt, dass etwas Unheilvolles passiert sein könnte und macht sich auf die Suche durch die Meenzer Altstadt, über den Weihnachtsmarkt, durch bekannte Gassen und über kleine Plätze. Stundenlang geht die Suche, endlich …… es ist ja Weihnachtszeit und alles wird gut.

Schmuckstückscher. Kann man so nennen. Ich bezeichne sie etwas sperriger als „Episoden aus dem Leben von Schack, in die der Mainzer Mordermittler unfreiwillig und zufällig hineingezogen wird. In der – wie auch immer, wann auch immer, wo auch immer – meist eine Leiche auftaucht“.

Da fällt bei einem Restaurantbesuch Schack Bekkers einem Gast der Kopf in die Suppe. Gast tot! Suppe vergiftet? Schack findet die Ursache, die nie aufgeklärt worden wäre, wäre er nicht vor Ort gewesen – und genießt danach ebenfalls einen Teller dieses Rahmsüppchens.

Beim seinem Besuch des Ingelheimer Tigergeheges mit seiner Enkeltochter macht das kleine Mädchen während der Fütterung der Raubkatzen eine merkwürdige Entdeckung, der Bekker zunächst keine Bedeutung beimisst. Aber dann erkennt der Kommissar, was Leser dieses Kurzkrimis bereits erahnen. Und so ist es dann auch: Der Metzger wider Willen, zugleich Besitzer der Tiger, kann wieder seiner Reiseleidenschaft nachgehen, die ihm zuvor verwehrt wurde.

Auch auf Bekkers Fahrt zum Winzer seines Vertrauens passiert etwas Seltsames. Mit Colombo-haftem Vorgehen und Hilfe des fetten, ungeliebten Dackels seines Freundes wird der Mord an einer alten Frau aufgedeckt. Bekker erweist sich dabei als lupenreiner Schnüffler und den Helden amerikanischer Krimiserien zumindest ebenbürtig.

„Pax“ ist die vierte und kürzeste Episode, bei der Schack in einem schwedischen Möbelhaus auf die Leiche eines Mannes in einem Schrank mit einem beziehungsreichen Namen stößt. Eine köstliche Anekdote aus dem Leben des Kommissars, der sich, wie wir inzwischen wissen, am liebsten im Schatten des Mainzer Doms aufhält.

Man könnte jetzt behaupten, dass Schack Bekker in seiner Freizeit immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Das ist er jedoch unfreiwillig, stets Widrigkeiten ausgesetzt, die nicht gerade dazu beitragen, seine Laune zu verbessern.

So hat Schack nicht nur während der normalen Arbeitszeit alle Hände voll zu tun, um Mörder zu jagen und zu fangen, sondern auch in seiner Freizeit das eine oder andere Verbrechen aufzuklären, in der er viel lieber mit seinen Freunden, oder der allerliebsten Kollegin Erna zu Hause bei einem Glas Wein auf dem Balkon genießen würde. Ein Schoppen in einer Weinstube der Mainzer Altstadt wäre ihm auch lieber.

Mit ebendiesem Herz, dem ihm eigenen Humor und Ironie erzählt der Peter Jackob aufregende und spannende Geschichten, in denen wir einen in Mainz fest verwurzelten Kommissar erleben, der sich häufig Gedanken macht über sein Leben, das seiner Freunde, von Tätern und Opfern. Empathie nennt man das. Ein feiner Charakterzug des Kommissars. Möge er noch lange in Mainz seiner Arbeit nachgehen und seine Freizeit genießen.

Peter Jackob schreibt so über den Mainzer Altstadtkommissar, dass man Schack einfach liebhat. Gehe ich in Mainz spazieren, wird geschaut, ob der Held Jackob’scher Krimis nicht irgendwo um die Ecke kommt oder ich ihn in dem einen oder anderen Weinhaus treffe, so echt und existent erlebe ich ihn beim Lesen.

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Peter Jackob: Mit Ecken und Kanten, Herz und Humor. ‎ Als Taschenbuch bei TZ-Verlag & Print GmbH erschienen (2025)

Die darin enthaltenen Kurzkrimis und Erzählungen sind in den letzten Jahren einzeln oder in Anthologien schon einmal veröffentlicht worden. Im vorliegenden Band wurden sie auf passende Weise vereint und ergeben so einen Überblick über das Schaffen von Schack Bekker, das zudem in sechs Kriminalromanen beschrieben ist.

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