Wer den Mainzer Altstadtkommissar noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen: Das Meenzer Urgestein, das zwischen Tatorten zumeist im Schatten des Doms und heimeligen Weinstuben hin und her pendelt.
Peter Jackob hat besondere Ereignisse dieses (fiktiven) Lebens aufgeschrieben, die hier in drei Kurzkrimis und etlichen Erzählungen zu lesen sind.
Das Wichtigste am Anfang: So ein Tag. Oder: Wie alles begann. Die Karriere von Schack begann, wie sie nur in Mainz anfangen kann, an einem Rosenmontag. An diesem hohen Mainzer Feiertag wollen zwei Jungs als Sherlock Holmes und Dr. Watson verkleidet im Trubel des Tages Verbrechen beobachten. Und das gelingt ihnen! Großes Lob ist danach in der Zeitung über eine gelungene Observierung von Sherlock-Schack und dessen Freund Werner Watson als Hobbydetektive zu lesen. Von da an haben die beiden Jungs den Traum, später als echte Detektive Kriminalfälle zu lösen.
Dass dieser Traum für Schack in Erfüllung geht, soll hier knapp gespoilert werden. Und auch, dass ihm Werner als Polizeifotograf stets zur Seite stehen wird.
Es folgen drei Kurzkrimis, chronologisch den drei Höhepunkten des Mainzer Kalenders folgend: Silvester/Neujahr, Fasnacht, Weihnachten.
Gutes Neues, Schack! Hier erfahren wir, wie am Silvesterabend aus einer gemütlichen Runde in einer Hütte des Kleingartenvereins „Friedliebende Nachbarn“, in der Kommissar als Sherlock Holmes verkleidet mit seinen Kollegen Blinzelmörder und Der inszenierte Mord spielt, eine echte Mordermittlung wird. Ein fürchterlicher Schrei aus dem Nachbargarten sprengt die feuchtfröhliche Feier und Gestalten im Look von Schimanski, Miss Marple, Poirot, Sam Spade und Columbo eilen zum Ort des Geschehens, finden dort in dessen Laubenpieperhütte den toten Vorsitzenden der „Friedliebenden Nachbarn“ an der Seite seiner – lebenden – Ex, die den Schrei ausstieß. So fallen die als berühmte Ermittler der Weltliteratur Kostümierten wieder zurück ins wahre Leben als Kommissare, Polizeifotograf und Rechtsmediziner und klären auf, was aufgeklärt werden muss.
Peter Jackob erzählt dieses ungewöhnliche Erlebnis Bekkers mit feinem Humor, einer wohldosierten Portion Ironie und kurzweiligem Abtauchen in die römische und auch griechische Literatur. So sehen wir neben den Großen der Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts auch Vergil und Homer, über deren Dramen und Verse sich der Kommissar seine Gedanken macht.
Helau, Schack! Es ist die Nacht zum Rosenmontag – frühmorgens um Vier – und Schack schwankt am Rheinufer Richtung Zuhause. Er hat sich etwas übernommen (sprich: mächtig einen getankt), trifft einen alten Kumpel und macht zusammen mit diesem ein kleines Späßchen, indem sich beide rittlings auf den Schreitenden Tiger setzen, der in Mainz hauptsächlich als Panther bezeichnet wird. Die Fasnachtsstimmung endet jedoch für Schack abrupt, als er am Ufer seine Kollegen sieht, die eine frisch aus dem Fluss geborgene Leiche untersuchen. Zu allem Verdruss erkennt Schack, dass es sich um die seines ungeliebten Ex-Schwiegervater handelt. So hat der Kommissar den Fall am Hals, denn der angesehene Anwalt und Vorsitzende der Narrenbruderschaft gehörte nicht nur zur Crème de la Crème der Mainzer Gesellschaft, sondern starb auch eines unnatürlichen Todes. Der Ex-Schwiegersohn hat so seine Zweifel, ob der Tote wirklich der ist, für den er von der feinen Gesellschaft angesehen wurde, oder ob er nicht auch eine dunkle Seite hatte. Schack denkt an den Panther, der nicht ist, was er ist, sondern ein Tiger. Mit solchen Gedanken beschäftigt sich unser Held – und der Schädel brummt.
Und das Ergebnis? Gar nicht so wichtig, denn es ist Rosenmontag! In dieser Fasnachtserzählung steht die Befindlichkeit Schacks zu und an diesen Tagen im Mittelpunkt. Er ist ein Mann der Straßenfasnacht, dem Genießen der Zeit der Verkleidung in Weinhäusern mit Freunden beim Gläschen von Mutters Besten oder anderen Tropfen aus der Umgebung oder einem oder mehr Schäumchen in einer gemütlichen Kneipe, möglichst mit Familienanschluss wie in der Kleinen Stadthalle. Prunksitzungen und das große Trara sind ihm zuwider.
So lieben wir Schack, der auf der Seite des „kleinen Mannes“ bodenständig lebt und seinem Beruf als „Bekker-Mord“ gewissenhaft nachkommt. Egal, welche Knüppel ihm unliebsame Zeitgenossen – besonders wenn sie aus Wiesbaden kommen – zwischen die Beine werfen. Schack weiß sich zu wehren.
Frohes Fest, Schack! Es muss nicht immer Mord sein, was in einem Krimi passiert und von Kommissaren oder Schlapphüten aufgeklärt wird. Aber auch in diesem mordlosen Fall stockt dem Leser zeitweise der Atem.
Es sind Geschehnisse, die an jedem anderen Tag des Jahres passieren können, aber wie es nun einmal ist: Verbrechen richten sich nicht immer nach der Jahreszeit oder großen Festen – oder doch? Hier passiert es, als es dem Kommissar gar nicht in den Kram passt, er andere Gedanken hat. So beginnt diese kleine Geschichte mit einem nachdenklichen Schack, der sich an seinen Vater und alte Weggefährten erinnert, die nach dem Motto „Jeder muss irgendwann den Schirm zumachen“ nicht mehr unter den Lebenden sind. Doch dann zieht er frohgemut mit zwei Flaschen Calvados los. Gemäß dem jährlichen Ritual, den Vater eines Freundes und Kollegen im Altersheim zu besuchen und mit ihm gemeinsam ein Fläschchen Calvados zu genießen. Doch der alte Herr ist verschwunden. Bekker ahnt, dass etwas Unheilvolles passiert sein könnte und macht sich auf die Suche durch die Meenzer Altstadt, über den Weihnachtsmarkt, durch bekannte Gassen und über kleine Plätze. Stundenlang geht die Suche, endlich …… es ist ja Weihnachtszeit und alles wird gut.
Schmuckstückscher. Kann man so nennen. Ich bezeichne sie etwas sperriger als „Episoden aus dem Leben von Schack, in die der Mainzer Mordermittler unfreiwillig und zufällig hineingezogen wird. In der – wie auch immer, wann auch immer, wo auch immer – meist eine Leiche auftaucht“.
Da fällt bei einem Restaurantbesuch Schack Bekkers einem Gast der Kopf in die Suppe. Gast tot! Suppe vergiftet? Schack findet die Ursache, die nie aufgeklärt worden wäre, wäre er nicht vor Ort gewesen – und genießt danach ebenfalls einen Teller dieses Rahmsüppchens.
Beim seinem Besuch des Ingelheimer Tigergeheges mit seiner Enkeltochter macht das kleine Mädchen während der Fütterung der Raubkatzen eine merkwürdige Entdeckung, der Bekker zunächst keine Bedeutung beimisst. Aber dann erkennt der Kommissar, was Leser dieses Kurzkrimis bereits erahnen. Und so ist es dann auch: Der Metzger wider Willen, zugleich Besitzer der Tiger, kann wieder seiner Reiseleidenschaft nachgehen, die ihm zuvor verwehrt wurde.
Auch auf Bekkers Fahrt zum Winzer seines Vertrauens passiert etwas Seltsames. Mit Colombo-haftem Vorgehen und Hilfe des fetten, ungeliebten Dackels seines Freundes wird der Mord an einer alten Frau aufgedeckt. Bekker erweist sich dabei als lupenreiner Schnüffler und den Helden amerikanischer Krimiserien zumindest ebenbürtig.
„Pax“ ist die vierte und kürzeste Episode, bei der Schack in einem schwedischen Möbelhaus auf die Leiche eines Mannes in einem Schrank mit einem beziehungsreichen Namen stößt. Eine köstliche Anekdote aus dem Leben des Kommissars, der sich, wie wir inzwischen wissen, am liebsten im Schatten des Mainzer Doms aufhält.
Man könnte jetzt behaupten, dass Schack Bekker in seiner Freizeit immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Das ist er jedoch unfreiwillig, stets Widrigkeiten ausgesetzt, die nicht gerade dazu beitragen, seine Laune zu verbessern.
So hat Schack nicht nur während der normalen Arbeitszeit alle Hände voll zu tun, um Mörder zu jagen und zu fangen, sondern auch in seiner Freizeit das eine oder andere Verbrechen aufzuklären, in der er viel lieber mit seinen Freunden, oder der allerliebsten Kollegin Erna zu Hause bei einem Glas Wein auf dem Balkon genießen würde. Ein Schoppen in einer Weinstube der Mainzer Altstadt wäre ihm auch lieber.
Mit ebendiesem Herz, dem ihm eigenen Humor und Ironie erzählt der Peter Jackob aufregende und spannende Geschichten, in denen wir einen in Mainz fest verwurzelten Kommissar erleben, der sich häufig Gedanken macht über sein Leben, das seiner Freunde, von Tätern und Opfern. Empathie nennt man das. Ein feiner Charakterzug des Kommissars. Möge er noch lange in Mainz seiner Arbeit nachgehen und seine Freizeit genießen.
Peter Jackob schreibt so über den Mainzer Altstadtkommissar, dass man Schack einfach liebhat. Gehe ich in Mainz spazieren, wird geschaut, ob der Held Jackob’scher Krimis nicht irgendwo um die Ecke kommt oder ich ihn in dem einen oder anderen Weinhaus treffe, so echt und existent erlebe ich ihn beim Lesen.
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Peter Jackob: Mit Ecken und Kanten, Herz und Humor. Als Taschenbuch bei TZ-Verlag & Print GmbH erschienen (2025)
Die darin enthaltenen Kurzkrimis und Erzählungen sind in den letzten Jahren einzeln oder in Anthologien schon einmal veröffentlicht worden. Im vorliegenden Band wurden sie auf passende Weise vereint und ergeben so einen Überblick über das Schaffen von Schack Bekker, das zudem in sechs Kriminalromanen beschrieben ist.
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