Wechselstimmung: Platzt den Ungarn die Hutschnur? Teil 2

Vom Fidesz-Günstling zum Hoffnungsträger: Wer ist Péter Magyar?

Wer ist jener Péter Magyar, dessen Partei TISZA seit den Europawahlen 2024 die ungarische Politik aufmischt und in kürzester Zeit mehr Stimmen auf sich vereinigen konnte als alle anderen Oppositionsparteien zusammen?

carview.php?tsp=Der am 16. März 1981 Budapest geborene Péter Magyar ist Jurist. Er studierte an der Pázmány Universität in Budapest und an der Humboldt-Universität Berlin, die Referendarzeit absolvierte er am Hauptstadtgericht Budapest. 2006 fiel er als junger Jurist dadurch auf, dass er Opfer von Polizeigewalt kostenlos vertrat. Zu dieser Zeit organisierte er gemeinsam mit dem heutigen Staatsminister Gergely Gulyás gemeinsam Demonstrationen gegen die Gyurcsány-Regierung. 2009 zog er gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau, der späteren ungarischen Justizministerin Judit Varga, nach Brüssel. Varga war zur Beraterin des Fidesz-EU-Abgeordneten János Áder, der später Staatspräsident wurde, berufen worden.

Im Zuge der Ratspräsidentschaft Ungarns im Jahr 2011 wurde Magyar Diplomat in der Brüseler Vertretung Ungarns. Nach einer Führungsposition im Brüsseler Diplomatenkorps übernahm er 2018 die Leitung der Rechtsabteilung der Ungarischen Entwicklungsbank (Magyar Fejlesztési Bank), ab 2019 stand er als Generaldirektor dem Zentrum für Studentenkredite (diakhitel központ) vor. Bis 2024 füllte er weitere Positionen in staatsnahen Betrieben, unter anderem Volánbus, aus. Die Fahrt im Windschatten seiner politisch erfolgreichen Ehefrau ist denn auch die Achillesferse Magyars, weil ihm Fidesz fehlende Glaubwürdigkeit vorwirft.

2024 folgte der Bruch: Als die damalige ungarische Staatspräsidentin Katalin Novák einen wegen Kindesmissbrauches verurteilten Straftäter begnadigte (auch die Justizministerin hatte das Begnadigungsgesuch unterstützt), kam es zu deutlicher Kritik und Empörung in der Gesellschaft, auch innerhalb der Fidesz-Anhängerschaft. Novák und Varga traten von ihren Ämtern zurück. Péter Magyar ging an die Öffentlichkeit, übte heftige Kritik an der Regierung und betonte, die wahren Verantwortlichen für die Begnadigung seien nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Er vermutete diese in hohen Fidesz-Kreisen, unbestätigte Gerüchte, der Begnadigte habe familiäre Verbindungen zur Familie des Ministerpräsidenten Orbán gepflegt, halten sich seitdem. 

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Im Zuge der öffentlichen Kritik an der Regierung veröffentliche Magyar sodann eine Tonbandaufzeichnung von einem Gespräch mit seiner damaligen Ehefrau und Justizministerin Judit Varga: Varga betonte darin, dass der für die Geheimdienste verantwortliche Minister Antall Rogán Zugriff auf Ermittlungsakten des Schadl-Völner-Korruptionsskandals genommen und Hinweise auf seine Beteiligung verwischt habe. Der Oberste Staatsanwalt, Péter Polt (ein enger Vertrauter Viktor Orbáns), habe die Kontrolle über das Verfahren verloren („Polt nem ura a helyzetnek„), weshalb er abgelöst werden solle (Anmerkung: Polt wurde zwischenzeitlich zum Präsidenten des Verfassungsgerichts gewählt). 

Mit der Veröffentlichung des Tonbandmitschnitts begann die politische Karriere von Péter Magyar. Nur wenige Wochen später erzielte TISZA ein beachtliches Ergebnis von knapp 30% bei der Europawahl und steigt seitdem stetig in der Wählergunst. 

Das Programm?

TISZA verfolgt, anders als die bisherigen Oppositionsparteien MSZP (Sozialisten), Demokratische Koalition, LMP oder Momentum, keine linke, liberale oder „grüne“ Agenda. Magyar gibt sich bewsst gemäßigt konservativ und betont zum Beispiel, dass er hinter einer strengen Begrenzung der Migration stehe. Anders als MSZP-Politiker besucht er auch die in Rumänien lebende ungarische Minderheit. Hauptangriffspunkt ist für ihn die Korruption, die – so Magyar – für überteuerte Ausschreibungen und einem Vermögensgewinn fidesznaher Oligarchen – des sog. „NER“ („System der nationalen Zusammenarbeit“) führe, das Magyar ironisch als „System der ungarischen Mittäterschaft“ (nemzeti együttbünözés rendszere) bezeichnet. TISZA möchte im Falle eines Wahlsiegs den Vermögensgewinn fidesznaher Oligarchen untersuchen und nicht ausgezahlte EU-Mittel ins Land holen. Ungarn werde das marode Gesundheitssystem reformieren und Mitglied der EU-Staatsanwaltschaft werden. 

Fidesz verfällt in Panik

Die stetig wachsende Zustimmung in der Bevölkerung hat zu einer in den vergangenen 15 Jahren nie dagewesenen Verunsicherung in der Regierungspartei geführt. Man übt sich zwar in demonstrativer Selbstsicherheit und lässt die üblichen Kommentatoren wie den seit je her durch Unflätigkeiten und Entgleisungen bekannten Fidesz-Kolumnisten Zsolt Bayer auf Magyar los. Fidesz-nahe Kreise berichten jedoch von regelrechter Panik innerhalb der Partei. Die üblichen Mittel der Diffamierung politischer Gegner (links, liberal, EU-Statthalter) haben bislang nämlich ebenso wenig gegriffen wie Versuche, Magyar wegen der heimlich von seiner Ehefrau gefertigten Tonbandaufnahme und seiner angeblichen Arroganz (er soll Mitarbeiter und Lebensgefährtinnen regelmäßig verbal attackieren) in ein negatives Licht zu rücken. Jedweder Angriff – etwa durch das aggressiv auftretende fidesznahe Nachrichtenkollektiv „Megafon“, den Sender HírTV und den staatlichen Rundfunk – scheint nach hinten loszugehen. Hier dürfte es sich zugunsten von TISZA auswirken, dass Magyar als ehemaliger Fidesz-Insider die Funktionsweise der Partei und deren Kommunikationsmethoden kennt und sich daher auf persönliche Angriffe vorbereiten oder diese entsprechend parieren kann. 

Der bisherige „Höhepunkt“ des Abwehrkampfes durch Fidesz war die Gründung des digitalen „Fight Club“ (Harcosok Klubja), der der vermeintlichen Übermacht linker Kommentatoren in den sozialen Medien Paroli bieten soll. Die Einführungsveranstaltung war jedoch eher mit einer abgedroschenen Motivationsshow für Versicherungsvertreter vergleichbar, zu einzelnen Politikfeldern (Inflation, Rente, Gesundheitswesen) fiel kein einziges Wort. Man versuchte allein, den Freiheitskampf gegen die vermeintliche EU-Vorherrschaft zu beschwören. Allerdings scheint der Erfolg (erstmals) auszubleiben, die Jung- und Erstwähler wenden sich in Scharen ab. Dies bestätigen sogar Fidesz-nahe Institute. 

Orbán tritt wieder an

Fidesz nutzt die Wechselstimmung nicht für eine personelle Erneuerung. Abgesehen davon, dass es – neben Judit Varga und Verkehrsminister János Lázár – kaum Personen gibt, die charismatisch genug sind, um Fidesz weiterführen zu können, ist Orbáns Position zementiert. Vor wenigen Tagen verkündete er denn auch, 2026 wieder antreten zu wollen. Dies könnte sich am Ende jedoch als gravierender Fehler herausstellen: Die Stimmung im Land zeigt, dass TISZA nicht deshalb an Zustimmung gewinnt, weil deren Anhänger Péter Magyar besonders bewundern – es ist primär die „Fidesz muss weg“ Stimmung, die mit der letzten Amtszeit von Helmut Kohl vergleichbar ist. Auf Konzerten wird regelmäßig „mocskos Fidesz“ („Scheiß Fidesz“) skandiert, auch Prominente, wie der Rapper Majka, sind bereits durch kritische Songs und Performances in die öffentliche Debatte eingestiegen. Magyar, der sich aktuell auf einer 80-tägigen Tour durch Ungarn (und Siebenbürgen) befindet, beantwortet hierbei auch Fragen der Bevölkerung – hier ist festzustellen, dass die Angst, sich öffentlich gegen die Regierung zu positionieren, gewichen ist.

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Weiteres Zeichen  für die Schwäche von Fidesz war die offiziell verbotene Budapest Pride 2025: Sie vermeldete einen Teilnehmerrekord, die Vormachtstellung und Einschüchterungsversuche haben also offenbar ihre Wirkung verloren. Ob Fidesz es wagt, Magyar im letzten Moment mit partei- oder strafrechtlichen Mittels aus dem Verkehr zu ziehen, bleibt zwar abzuwarten: Die Gesellschaft scheint jedoch mit einem solchen Szenario zu rechnen und bereitet sich darauf vor. 

Hungarianvoice wird die Zeit bis zur Wahl 2026 wieder aktiver begleiten und versuchen, die Stimmung in Ungarn einzufangen. Spannend wird, wer neben Magyar die Partei in den Wahlkampf führt. Aktuell fehlt es noch an Personal, die Partei ist allein auf Magyar zugeschnitten.

 

Wechselstimmung: Platzt den Ungarn die Hutschnur? Teil 1

Im Vorfeld der im Frühjahr 2026 anstehenden Parlamentswahl in Ungarn muss das regierende Parteienbündnis zwischen FIDESZ und KDNP rund um Ministerpräsident Viktor Orbán erstmals seit 2010 um seine Macht fürchten. Das Land wird – heftiger denn je – von Vorwürfen der Vetternwirtschaft, einem Milliardenskandal um die Ungarische Nationalbank (MNB), katastrophalen Wirtschaftsdaten, galoppierender Inflation und dem eigenwilligen „Pro-Putin“-Kurs der ungarischen Regierung im Ukrainekrieg erschüttert. Erstmals steht mit TISZA zudem eine mitte-rechts-Partei zur Wahl, die – anders als die kraftlosen und unglaubwürdigen Reste der linksliberalen Eliten der Nachwendezeit (MSZP, SZDSZ, Demokratische Koalition) – eine echte Chance hat, dem Fidesz-KDNP-Block mit Erfolg die Stirn zu bieten. Aktuell steht TISZA in Umfragen bei rund 50 % der Wählerstimmen. FIDESZ ist – wie insbesondere hilflos wirkende Versuche der „Rückeroberung“ der sozialen Medien durch einen jüngst von der Partei (vermutlich auf Staatskosten) gegründeten „Fight Club“ („Harcosok Klubja“) aufzeigen – in massive Panik verfallen.

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Den Ungarn scheint die Hutschnur zu platzen

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die politische Klasse Ungarns schon seit der Wende mehr oder weniger schamlos am Vermögen des ungarischen Volkes bereichert. Bereits kurz vor 1990 schafften es vor allem die „geschäftstüchtigen“ Teile der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP) und der späteren Freien Demokraten (SZDSZ), sich zur richtigen Zeit in der Nähe der Schalthebel der Macht zu bewegen und Staatsunternehmen in ihren Einflussbereich zu bringen. Diese „Spontanprivatisierungen“ boten eine hervorragende Möglichkeit, vom (scheinbar) systemtreuen realsozialistischen Verwalter des Volksvermögens zum Vorstandsvorsitzenden oder – als Vermittler für ausländische Käufer – zum Millionär zu mutieren. Der ehemalige Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány soll einen wesentlichen Teil seines Vermögens der Tatsache verdanken, dass er in ranghoher Funktion der kommunistischen Jugendorganisation tätig und an Privatisierungen beteiligt war. Da es in Ungarn – anders als zum Beispiel in Rumänien –  keinen gewaltsamen Systemwechsel gab, konnten viele Akteure des Kadár-Ungarns die Wendezeit mit erheblichen Kapitalzuwächsen beginnen. Die Einbindung der Sozialisten in die Privatisierungen ist der Grund dafür, dass die ungarische Sozialdemokratie bis heute nicht mit den anderen Mitgliedern ihrer Parteienfamilie in Westeuropa vergleichbar ist. Die MSZP war eher mit neoliberalen Parteien vergleichbar, der sozialistische Anstrich diente allein dazu, Gegner in die rechte Ecke zu drängen. Wer diese Besonderheit des ungarischen Parteiensystems nicht kennt, wird sich schwer tun, das ungarische politische System und seine Abnormalitäten zu verstehen.

Wie aktiv die politischen Akteure am finanziellen Aderlass des Staates beteiligt waren, zeigen die Geschehnisse rund um den jahrelangen, in unterschiedlichen Varianten praktizierten milliardenschweren Steuerbetrug im Zusammenhang mit dem Import und dem Handel von Heizöl und Dieselkraftstoff ab Mitte der 1990er Jahre. Hier wurde das steuerbegünstigte Heizöl in großen Mengen eingeführt, falsch deklariert und als Diesel verkauft, um erhebliche Gewinne mit dem Preisaufschlag zu erzielen. Ohne die Mitwirkung von Zollbehörden, Polizei und Politikern aller Parteien wäre dieser Steuerbetrug, der in die D-Mark-Milliarden ging, nicht möglich gewesen.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass die ungarische Gesellschaft daran gewöhnt ist, von ihren politischen Vertretern und Behörden bestohlen zu werden. Auch der Quaestor-Brokerskandal (Link) und die Probleme um kippende Devisenkredite taten ihr Übriges. In diesem System stopfte sich mal die Linke, mal die Rechte die Taschen voll. Das galt für die kommunale Ebene, die Komitate (Regierungsbezirke) oder die nationale Ebene in gleicher Weise. Jeder Wähler echauffierte sich hierbei am ehesten über die Schandtaten der anderen. Wer im Parlament des Diebstahls oder Betruges bezichtigt wurde, verteidigte sich daher auch nicht etwa damit, dass er die Vorwürfe von sich wies, sondern damit, der Gegenüber sei noch ein größerer Schlawiner. Die politische Spaltung der Gesellschaft konnte so ihren Teil zur Stabilisierung dieses „Systems“ beitragen: Mal regierte der eine, mal der andere.

Jedenfalls lief es bis 2010 so. Denn als FIDESZ in diesem Jahr 2/3 der Parlamentssitze erringen konnte (zu verdanken war dies einer desaströsen Regierungszeit des Sozialisten Ferenc Gyurcsány, dessen „Lügenrede“ von Balatonöszöd 2006 Unruhen hervorrief, bei denen es zu eklatanten Fällen der Polizeigewalt kam), eine verfassungsändernde Mehrheit errang und Viktor Orbán (nach 1998) zum zweiten Mal zum ungarischen Ministerpräsidenten gewählt wurde, setzte er sich nicht weniger als das Ziel, den ungarischen Staat grundlegend umzubauen. Die Erfahrung, die er 2002 machen musste, als er nach einer (rückblickend: recht gut gelungenen) Regierungsphase von vier Jahren abgewählt wurde, sollte sich nicht wiederholen. Im Ausland argwöhnisch betrachtete Maßnahmen wie das Mediengesetz – welches in Teilen postwendend für verfassungswidrig erklärt (Link) und im Anschluss mehrfach modifiziert wurde – sollten dazu beitragen, ein aus Sicht der Regierung bestehendes Ungleichgewicht in der Berichterstattung zu beseitigen.

Ab 2022: Wir raffen, was wir können!

Macht steigt zu Kopf. Nachdem Fidesz – nach 2010, 2014 und 2018 – im Jahr 2022 Dank eines die Regierungspartei begünstigenden Wahlrechts zum vierten Mal eine 2/3-Mehrheit der Parlamentssitze erringen konnte, scheint jede Zurückhaltung politischer Akteure und ihres Umfeldes gefallen zu sein. Zwar stach bereits zuvor der kometenhafte Aufstieg des Gas-Wasser-Installateurs Lörinc Mészáros (das Bild unten zeigt ihn mit MP Orbán), einem Klassenkameraden von Viktor Orbán, zum reichsten Ungarn ins Auge. Er und andere parteinahe Oligarchen erwarben im sog. „System der nationalen Zusammenarbeit“ (NER) Unternehmen, Medienkonzerne, bewarben sich mit Erfolg um Ausschreibungen und konnten so milliardenweise öffentliche Gelder, auch solche aus EU-Töpfen, vereinnahmen. Zu den „Glücklichen“ gehörte auch der Schwiegersohn Viktor Orbáns, István Tiborcz, der bereits 2018 durch fragwürdige Ausschreibungen in Hódmezövásárhely aufgefallen war (Link) und ebenfalls zu einem der reichsten Ungarn aufgestiegen ist. Die Fidesz-Oligarchen der ersten Generation, wie der frühere FIDESZ-Strippenzieher und Bauunternehmer Lajos Simicska, sind hingegen von der Bildfläche verschwunden – anders als in Russland, stürzen sie in Ungarn aber immerhin nicht aus dem Fenster.

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Auch Minister Antal Rogán, der sein gesamtes Berufsleben als Politiker verbracht hat, fällt regelmäßig durch Hubschrauberflüge, Luxusreisen nach London (inklusive Präsidentensuite, Link) und die teure Kleidung nebst Schmuck seiner Lebensgefährtin auf (Link). Er gilt in seiner Funktion als Kabinettschef des Ministerpräsidenten und Leiter der Geheimdienste als Wächter des Systems. Kurz vor dem Ende der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden setzte die US-Regierung ihn sogar auf eine Sanktionsliste, die ihm die Einreise in die USA und den Zugriff auf US-Vermögenswerte verweigerte. Donald Trump setzte diese Sanktionen allerdings wieder außer Kraft (Link). Rogáns Reichtum, der zu seinen Bezügen als Minister in keinem Verhältnis steht, soll, wie er in der Öffentlichkeit behauptet, aus Einnahmen im Zusammenhang mit Patenten stammen.

Lörinc Mészáros, der ehemalige Gas-Wasser-Installateur, befindet sich mit einem Vermögen von ca. 1.400 Mrd. Forint (entspricht ca. 3,6 Mrd. EUR) bis heute auf Platz 1 der Liste der reichsten Ungarn.

Auch Viktor Orbáns Vater (Steinbrüche), seine Brüder Gyözö und Áron sowie seine Ehefrau Anikó Lévai (Immobilien, Weinberge) konnten während der nunmehr 15-jährigen Regierungszeit erhebliche Vermögenswerte anhäufen. Pikant: Orbáns jüngerer Bruder Áron soll durch Geschäfte im Zusammenhang mit der Einreise von ausländischen Arbeitern aus Asien erhebliche Summen verdient haben (Link), während sein Bruder Viktor jede Chance nutzt, als ungarischer Ministerpräsident auf inländischer und ausländischer Bühne gegen Migranten zu wettern. Auch ein als „landwirtschaftliches Gut“ ausgegebenes Luxusanwesen im Ort Hatvanpuszta, das dem Vater Orbáns gehört, aber dem Ministerpräsidenten zugeschrieben wird, hat jüngst öffentliche Empörung ausgelöst. Oppositionelle Blogs wie „Dave´s Welt“ („Dave Világa“) oder der Humorist András Somogyi nehmen sich diese Sachverhalte daher genüsslich und meist sehr pointiert auf Youtube vor. In dieselbe Kerbe schlagen investigative Portale wie Partizán, 444.hu und Telex.hu, die meist jüngeres Publikum ansprechen.

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Der guten Ordnung halber sei angemerkt, dass Viktor Orbán ausweislich seiner Vermögenserklärung, die jeder Politiker jährlich abzugeben hat, offiziell der einzige Orbán ist, der am sagenhaften Wohlstandszuwachs der Familie nicht teilnehmen konnte. Er besitzt seit Jahren Immobilien in bescheidenem Umfang und Bankguthaben von unter 6 Mio. Forint (entspricht 15.000 EUR). Er verfügt über keine eigenen Fahrzeuge, auch der fast schon legendäre und in früheren Jahren stets aufgeführte Kfz-Anhänger (utánfutó) scheint sein Leben ausgehaucht zu haben, er taucht in der Erklärung nicht mehr auf. Nota bene: An diese Zahlen glaubt in Ungarn – vermutlich außer eingefleischten Fidesz-Wählern – niemand.

Europawahl 2024 – das Phänomen TISZA

Die Unzufriedenheit der Ungarn mit der politischen Situation zeigte sich 2024. Die nur wenige Wochen zuvor zur Wahl registrierte Partei TIZSA (Tisztelet és Szabadság Párt) errang bei der Wahl zum Europaparlament auf Anhieb knapp 29,6 % der Stimmen (Fidesz: 44,82 %).

TISZA ist das, was man im Gesellschaftsrecht als sog. „Mantelgründung“ bezeichnet. Die mitte-rechts zu verortende Partei existierte schon länger, wurde jedoch vor der EU-Parlamentswahl 2024 von einer neuen Führung übernommen. Protagonist ist Péter Magyar, der Ex-Gatte der ehemaligen ungarischen Justizministerin Judit Varga, die um die Jahreswende 2023/24 über einen Missbrauchsskandal stolperte. Sie hatte die Begnadigung eines wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Straftäters plädiert, die ungarische Staatspräsidentin hatte die Begnadigung ausgesprochen. Es kam zu erheblicher Unruhe in Ungarn, inklusive des FIDESZ-Lagers, Varga und die Staatspräsidentin traten zurück.

Péter Magyar, der bis zum Rücktritt Vargas ein „Ziegel“, d.h. im System Orbán „eingebaut“ war (er hatte mehrere hochdotierte Positionen bei staatlichen Unternehmen inne), kam nach dem Rücktritt Vargas mit einer Tonbandaufnahme an die Öffentlichkeit, die ein privates Gespräch zwischen ihm und seiner Frau wiedergab. In diesem Gespräch bekennt Varga, dass der Kabinettschef Antal Rogán (s.o.) Zugriff auf Ermittlungsakten in einem großvolumigen Korruptionsskandal (Fall Schadl-Völner) genommen und seine eigenen Spuren verwischt haben soll. Magyar ging mit der Aufnahme an die Öffentlichkeit, die Ungarn sahen den Vorgang als neues Zeichen für die Verkommenheit des ungarischen politischen Systems. TISZA konnte so die Rolle eines Katalysators einnehmen und einen Achtungserfolg bei den Europawahlen erringen. Seitdem wächst die Partei, die gut daran tut, bislang allen Versuchen der Vereinnahmung durch das linksliberale Lager erfolgreich widerstanden hat, stetig weiter. Zuletzt konnte Parteichef Magyar sogar bei der ungarischen Minderheit in Rumänien positive Reaktionen hervorrufen.

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Zwar versucht FIDESZ, unter Einschaltung seines Medienimperiums (Hír TV, Magyar Nemzet, Mandiner, Origo uvam.) sowie aus öffentlichen Geldern finanzierter Bloggergruppen („Megafon“), Magyar bei jeder sich gebenden Gelegenheit zu beschädigen und als „links“, „internationalistisch“, „Brüssel-Péter“, d.h. einen Statthalter der EU, darzustellen. Keiner dieser Versuche war jedoch bislang von Erfolg gekrönt, TISZA liegt nach jüngsten Umfragen deutlich vor Fidesz.

Fortsetzung folgt…

Fidesz gewinnt, 2/3-Regierungsmehrheit möglich

Das Bündnis zwischen Fidesz und Christdemokraten konnte die ungarische Parlamentswahl voraussichtlich deutlich für sich entscheiden. Die Ergebnisse aus den Direktwahlkreisen lassen ein solides Ergebnis der Regierungsparteien auf dem Land erwarten, wobei sich in einzelnen Stimmbezirken wegen des zwischen 80 und 90% liegenden Auszählungsstandes noch Änderungen ergeben können. Spannend ist derzeit noch der Direktwahlkreis Budakeszi (Komitat Pest): Dort liegt der Fidesz-Kandidat derzeit um 0,53 Prozentpunkte vor der LMP-Frontfrau Bernadett Szél. Zudem errang die MSZP nach aktuellem Auszählungsstand einen Wahlkreis in Szeged und Jobbik den Bezirk Dunaújváros.

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In Budapest ein anderes Bild: Hier konnten die Herausforderer wohl die Mehrheit der Stadtbezirke für sich entscheiden.

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Nach aktuellem Stand erlangt Fidesz-KDNP damit erneut eine 2/3-Mehrheit. Dies ist aber keineswegs ausgemachte Sache.

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Die Oppositionsparteien haben bereits die Analyse des Wahlergebnisses angekündigt. Zudem meldete sich Jobbik-Chef Gábor Vona zu Wort und kündigte reinen Rücktritt an.

Erste Hochrechnungen bis ca. 22:00 Uhr erwartet

Das Nationale Wahlbüro und Index.hu erwarten, in Anbetracht einer noch immer langen Schlange an der Bocskai Schule im XI. Budapester Bezirk sowie der noch laufenden Abstimmung im VI. Bezirk (Eötvös Utca), mit einem Abschluss der Stimmabgabe zwischen 21:30 und 22:00 Uhr. Die ersten Hochrechnungen dürften kurz danach veröffentlicht werden.

Da die bereits geschlossenen Wahllokale bereits ausgezählt werden, dürften die ersten präzisen Ergebnisse – insbesondere aus den Regionen – relativ schnell verfügbar sein.

18:30 Uhr: Wahlbeteiligung bei 68,13%

Der letzte Zwischenbericht des Nationalen Wahlbüros (NVI) von 18:30 Uhr weist eine Wahlbeteiligung von 68,13% aus. Der Vorsprung gegenüber 2014 hat sich, im Tagesvergleich, somit etwas verlangsamt.

Immer noch blden sich vor einzelnen Wahllokalen lange Schlangen. Die Wahl wird an diesen Wahllokalen somit längere Zeit in Anspruch nehmen. Nehmen wir als Beispiel die Bocskai Schule im XI. Budapester Stadtbezirk: Berichten zufolge ist die Mehrheit der Wartenden jung, betroffen ist ein Wahlkreise, in denen es vor der Wahl zu zahlreichen Ummeldungen kam. Dies deutet – in den überfüllten Wahllokalen – somit auf einen Vorteil für die Opposition hin. Die Wartezeit betrug 3 Stunden…wer spricht da noch von Politikverdrosseneit der jüngeren Wähler?

 

Rekord: Wahlbeteiligung bis 17:00 liegt höher als Gesamtbeteiligung im Jahr 2014

Die Ungarn-Wahl bricht alle Teilnehmerrekorde. Bereits um 17:00 Uhr wurde eine Beteiligung von 63,21% erreicht. Damit übetrifft die Wahlbeteiligung bis 17:00 Uhr die Gesamtbeteiligung des Wahltages 2014, welche bei 61,8% (19:00 Uhr) lag. 

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Die Wahlbeteiligung steuert auf einen Wert von deutlich über 70% zu. Um Mitternacht dürfte das vorläufige Endergebnis vorliegen und das Geheimnis, wer profitieren konnte, gelöst sein. Beim Blick auf die Direktwahlkreise fällt eine Prognose schwer: Sowohl klassische Fidesz-Wahlkreise als auch solche, die traditionell (d.h. vor 2010) eher dem MSZP-Lager zugehörig waren, weisen hohe Beteiligungen auf. Ob also die Furcht der Fidesz-Anhänger vor oder die Hoffnung vieler Nichtwähler auf einen Wechsel die Mobilisierung nach oben treibt, ist die spannende Frage des Tages. Ein Beispiel: Der klassische Fidesz-Direktwahlkreis Nr. 4 (Teile des II. und III. Stadtbezirks von Budapest), führt die Liste derzeit mit 71,94% Wahlbeteiligung landesweit an. 

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Selten war eine Wahl für so viele Überraschungen gut wie die heutige. 

IWahl 2018: Wahlbeteiligung bis 15:00 Uhr bei über 53%

Die Wahlbeteiligung bei der ungarischen Parlamentswahl liegt bis 15:00 Uhr bei 53,64%. Dies bedeutet abermals eine Zunahme um mehr als 8 Prozentpunkte. 

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Die Wahllokale haben noch bis 19:00 Uhr geöffnet. Zum Teil bilden sich unverändert lange Warteschlangen.

Interessant ist auch folgende, auf index.hu veröffentlichte Karte. Sie zeigt, wie sich die Wahlbeteiligung von 2018, 15:00 Uhr, zum Endstand von 2014, verhält. 

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Wahl 2018: Bis 13:00 Uhr über 42% Wahlbeteiligung

Auch der Zwischenstand von 13:00 weist auf einen Rekord bei der Wahlbeteiligung hin. Bis zur Mittagszählung gaben 42,32% der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Dies entspricht einer Steigerung von 8 Prozentpunkten gegenüber 2014.

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Sollte sich der Trend fortsetzen, dürfte sich eine Wahlbeteiligung von über 70% abzeichnen. Die Seite des Nationalen Wahlbüros ist nach wie vor nur in „abgespeckter“ Variante online.

Besonders hoch ist die Wahlbeteiligung in einigen Gemeinden im Komitat Pest (z.B. Dunakeszi, Budakeszi und Erd) mit rund 48%, Székesfehérvár mit 47,5% und der XVI. bzw. XVII. Bezirk von Budapest mit über 49%. 

11:00 Uhr: Wahlbeteiligung auf Rekordniveau

Bei der ungarischen Parlamentswahl zeichnet sich eine Rekord-Wahlbeteiligung ab. Bis 11:00 Uhr gaben landesweit 29,93% der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. 

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Dies ist ein neuerlicher Rekordwert. Sowohl 2010 (24,8%) als auch 2014 (23,2%) lag die Beteiligung deutlich unter diesem Wert. 

Das Internet-Nachrichtenportal index.hu berichtet über „nie dagewesene Schlangen“ vor einigen Wahllokalen. 

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Weitere Bilder sind hier abrufbar. 

Das große Interesse an der Wahl zeigt sich auch an der zwischenzeitlichen Unerreichbarkeit der Webseite des Nationalen Wahlbüros (NVI). 

Das Regierungslager rechnet sich bei Wahlbeteiligungen unter 70% klare Siegchancen aus. Oberhalb dieses Wertes wird der Einfluss des Regierungslagers, dessen Wähler sich durch eine hohe Mobilisierungsquote auszeichnen, verwässert. Entscheidend ist zudem, ob die Oppositionswähler taktisch wählen und in jenen Wahlkreisen, in denen sich die Herausforderer auf keinen gemeinsamen Kandidaten geeinigt haben, den aussichtsreichsten Bewerber der Opposition wählen. Eine Zersplitterung der Stimmen nutzt allein der Regierungspartei.