Vom Fidesz-Günstling zum Hoffnungsträger: Wer ist Péter Magyar?
Wer ist jener Péter Magyar, dessen Partei TISZA seit den Europawahlen 2024 die ungarische Politik aufmischt und in kürzester Zeit mehr Stimmen auf sich vereinigen konnte als alle anderen Oppositionsparteien zusammen?
Der am 16. März 1981 Budapest geborene Péter Magyar ist Jurist. Er studierte an der Pázmány Universität in Budapest und an der Humboldt-Universität Berlin, die Referendarzeit absolvierte er am Hauptstadtgericht Budapest. 2006 fiel er als junger Jurist dadurch auf, dass er Opfer von Polizeigewalt kostenlos vertrat. Zu dieser Zeit organisierte er gemeinsam mit dem heutigen Staatsminister Gergely Gulyás gemeinsam Demonstrationen gegen die Gyurcsány-Regierung. 2009 zog er gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau, der späteren ungarischen Justizministerin Judit Varga, nach Brüssel. Varga war zur Beraterin des Fidesz-EU-Abgeordneten János Áder, der später Staatspräsident wurde, berufen worden.
Im Zuge der Ratspräsidentschaft Ungarns im Jahr 2011 wurde Magyar Diplomat in der Brüseler Vertretung Ungarns. Nach einer Führungsposition im Brüsseler Diplomatenkorps übernahm er 2018 die Leitung der Rechtsabteilung der Ungarischen Entwicklungsbank (Magyar Fejlesztési Bank), ab 2019 stand er als Generaldirektor dem Zentrum für Studentenkredite (diakhitel központ) vor. Bis 2024 füllte er weitere Positionen in staatsnahen Betrieben, unter anderem Volánbus, aus. Die Fahrt im Windschatten seiner politisch erfolgreichen Ehefrau ist denn auch die Achillesferse Magyars, weil ihm Fidesz fehlende Glaubwürdigkeit vorwirft.
2024 folgte der Bruch: Als die damalige ungarische Staatspräsidentin Katalin Novák einen wegen Kindesmissbrauches verurteilten Straftäter begnadigte (auch die Justizministerin hatte das Begnadigungsgesuch unterstützt), kam es zu deutlicher Kritik und Empörung in der Gesellschaft, auch innerhalb der Fidesz-Anhängerschaft. Novák und Varga traten von ihren Ämtern zurück. Péter Magyar ging an die Öffentlichkeit, übte heftige Kritik an der Regierung und betonte, die wahren Verantwortlichen für die Begnadigung seien nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Er vermutete diese in hohen Fidesz-Kreisen, unbestätigte Gerüchte, der Begnadigte habe familiäre Verbindungen zur Familie des Ministerpräsidenten Orbán gepflegt, halten sich seitdem.

Im Zuge der öffentlichen Kritik an der Regierung veröffentliche Magyar sodann eine Tonbandaufzeichnung von einem Gespräch mit seiner damaligen Ehefrau und Justizministerin Judit Varga: Varga betonte darin, dass der für die Geheimdienste verantwortliche Minister Antall Rogán Zugriff auf Ermittlungsakten des Schadl-Völner-Korruptionsskandals genommen und Hinweise auf seine Beteiligung verwischt habe. Der Oberste Staatsanwalt, Péter Polt (ein enger Vertrauter Viktor Orbáns), habe die Kontrolle über das Verfahren verloren („Polt nem ura a helyzetnek„), weshalb er abgelöst werden solle (Anmerkung: Polt wurde zwischenzeitlich zum Präsidenten des Verfassungsgerichts gewählt).
Mit der Veröffentlichung des Tonbandmitschnitts begann die politische Karriere von Péter Magyar. Nur wenige Wochen später erzielte TISZA ein beachtliches Ergebnis von knapp 30% bei der Europawahl und steigt seitdem stetig in der Wählergunst.
Das Programm?
TISZA verfolgt, anders als die bisherigen Oppositionsparteien MSZP (Sozialisten), Demokratische Koalition, LMP oder Momentum, keine linke, liberale oder „grüne“ Agenda. Magyar gibt sich bewsst gemäßigt konservativ und betont zum Beispiel, dass er hinter einer strengen Begrenzung der Migration stehe. Anders als MSZP-Politiker besucht er auch die in Rumänien lebende ungarische Minderheit. Hauptangriffspunkt ist für ihn die Korruption, die – so Magyar – für überteuerte Ausschreibungen und einem Vermögensgewinn fidesznaher Oligarchen – des sog. „NER“ („System der nationalen Zusammenarbeit“) führe, das Magyar ironisch als „System der ungarischen Mittäterschaft“ (nemzeti együttbünözés rendszere) bezeichnet. TISZA möchte im Falle eines Wahlsiegs den Vermögensgewinn fidesznaher Oligarchen untersuchen und nicht ausgezahlte EU-Mittel ins Land holen. Ungarn werde das marode Gesundheitssystem reformieren und Mitglied der EU-Staatsanwaltschaft werden.
Fidesz verfällt in Panik
Die stetig wachsende Zustimmung in der Bevölkerung hat zu einer in den vergangenen 15 Jahren nie dagewesenen Verunsicherung in der Regierungspartei geführt. Man übt sich zwar in demonstrativer Selbstsicherheit und lässt die üblichen Kommentatoren wie den seit je her durch Unflätigkeiten und Entgleisungen bekannten Fidesz-Kolumnisten Zsolt Bayer auf Magyar los. Fidesz-nahe Kreise berichten jedoch von regelrechter Panik innerhalb der Partei. Die üblichen Mittel der Diffamierung politischer Gegner (links, liberal, EU-Statthalter) haben bislang nämlich ebenso wenig gegriffen wie Versuche, Magyar wegen der heimlich von seiner Ehefrau gefertigten Tonbandaufnahme und seiner angeblichen Arroganz (er soll Mitarbeiter und Lebensgefährtinnen regelmäßig verbal attackieren) in ein negatives Licht zu rücken. Jedweder Angriff – etwa durch das aggressiv auftretende fidesznahe Nachrichtenkollektiv „Megafon“, den Sender HírTV und den staatlichen Rundfunk – scheint nach hinten loszugehen. Hier dürfte es sich zugunsten von TISZA auswirken, dass Magyar als ehemaliger Fidesz-Insider die Funktionsweise der Partei und deren Kommunikationsmethoden kennt und sich daher auf persönliche Angriffe vorbereiten oder diese entsprechend parieren kann.
Der bisherige „Höhepunkt“ des Abwehrkampfes durch Fidesz war die Gründung des digitalen „Fight Club“ (Harcosok Klubja), der der vermeintlichen Übermacht linker Kommentatoren in den sozialen Medien Paroli bieten soll. Die Einführungsveranstaltung war jedoch eher mit einer abgedroschenen Motivationsshow für Versicherungsvertreter vergleichbar, zu einzelnen Politikfeldern (Inflation, Rente, Gesundheitswesen) fiel kein einziges Wort. Man versuchte allein, den Freiheitskampf gegen die vermeintliche EU-Vorherrschaft zu beschwören. Allerdings scheint der Erfolg (erstmals) auszubleiben, die Jung- und Erstwähler wenden sich in Scharen ab. Dies bestätigen sogar Fidesz-nahe Institute.
Orbán tritt wieder an
Fidesz nutzt die Wechselstimmung nicht für eine personelle Erneuerung. Abgesehen davon, dass es – neben Judit Varga und Verkehrsminister János Lázár – kaum Personen gibt, die charismatisch genug sind, um Fidesz weiterführen zu können, ist Orbáns Position zementiert. Vor wenigen Tagen verkündete er denn auch, 2026 wieder antreten zu wollen. Dies könnte sich am Ende jedoch als gravierender Fehler herausstellen: Die Stimmung im Land zeigt, dass TISZA nicht deshalb an Zustimmung gewinnt, weil deren Anhänger Péter Magyar besonders bewundern – es ist primär die „Fidesz muss weg“ Stimmung, die mit der letzten Amtszeit von Helmut Kohl vergleichbar ist. Auf Konzerten wird regelmäßig „mocskos Fidesz“ („Scheiß Fidesz“) skandiert, auch Prominente, wie der Rapper Majka, sind bereits durch kritische Songs und Performances in die öffentliche Debatte eingestiegen. Magyar, der sich aktuell auf einer 80-tägigen Tour durch Ungarn (und Siebenbürgen) befindet, beantwortet hierbei auch Fragen der Bevölkerung – hier ist festzustellen, dass die Angst, sich öffentlich gegen die Regierung zu positionieren, gewichen ist.

Weiteres Zeichen für die Schwäche von Fidesz war die offiziell verbotene Budapest Pride 2025: Sie vermeldete einen Teilnehmerrekord, die Vormachtstellung und Einschüchterungsversuche haben also offenbar ihre Wirkung verloren. Ob Fidesz es wagt, Magyar im letzten Moment mit partei- oder strafrechtlichen Mittels aus dem Verkehr zu ziehen, bleibt zwar abzuwarten: Die Gesellschaft scheint jedoch mit einem solchen Szenario zu rechnen und bereitet sich darauf vor.
Hungarianvoice wird die Zeit bis zur Wahl 2026 wieder aktiver begleiten und versuchen, die Stimmung in Ungarn einzufangen. Spannend wird, wer neben Magyar die Partei in den Wahlkampf führt. Aktuell fehlt es noch an Personal, die Partei ist allein auf Magyar zugeschnitten.













