Der Judenhass von heute befriedigt ein tief emotionales und psychologisches Bedürfnis.
Elder of Ziyon, 18. Dezember 2025
Wir haben bereits diskutiert, dass Antisemitismus ein Ergebnis davon ist, dass Juden nicht in die simplen binären Kategorien vieler Weltanschauungen passen und dadurch als Bedrohung erscheinen, die beseitigt werden muss. Doch das erklärt noch nicht, warum ganz gewöhnliche Menschen – Menschen, die überhaupt nicht ideologisch denken – so stark vom Antisemitismus angezogen werden. Warum nehmen Hunderttausende begeistert an israelfeindlichen Demonstrationen teil, während sie für fast keine andere Sache vergleichbares Interesse zeigen? Welches emotionale Bedürfnis erfüllt der moderne Antisemitismus?
Moderne westliche Gesellschaften sind außergewöhnlich gut darin geworden zu erklären, wie die Welt funktioniert. Sie sind weit weniger fähig zu erklären, warum irgendetwas Bedeutung haben sollte. Genau das war die zentrale Aufgabe traditioneller Religionen: Sie bieten moralische Struktur, ein Gefühl von Sinn, gemeinsame Rituale, Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und einen Weg zu moralischer Erhöhung.
Mit dem Rückgang religiösen Glaubens verschwanden diese psychologischen und sozialen Funktionen jedoch nicht. Das menschliche Bedürfnis nach Sinn blieb bestehen.
Eine strikt säkulare, materialistische Weltsicht hat Schwierigkeiten Sinn zu vermitteln. Wenn die Wissenschaft vielen Menschen erklären kann, warum wir uns so verhalten, wie wir es tun, welchen Wert hat dann moralisches Handeln? Wenn wir deterministische Maschinen sind und das Leben keinen inhärenten Sinn hat, welchen Unterschied macht es dann, wie wir handeln? Man könnte genauso gut egoistisch sein und die Welt auf das eigene Vergnügen optimieren. Manche Philosophien versuchen, Sinn durch Vernunft zu ersetzen – „wenn jeder egoistisch handeln würde, würden alle leiden“ – aber reine Vernunft bietet selten den Sinn, den Spiritualität vermittelt.
In uns existiert ein tiefes Bedürfnis, sich moralisch im Universum zu orientieren, Teil von etwas Größerem zu sein und zu wissen, wo wir im Verhältnis zu Gut und Böse stehen. Wenn dieses Bedürfnis nicht erfüllt wird, verschwindet es nicht. Es sucht woanders danach.
Moderne ideologische Bewegungen konstruieren oft die Form von Religion um, ohne es zuzugeben. Sie bieten eine heilige Erzählung (Unterdrückung gegen Befreiung), einen kosmischen Kampf (Gut gegen Böse), einen moralischen Status und eine Teleologie (die Geschichte, die sich dem Guten entgegen neigt). Und Aktivisten erweitern dies zu einer Art Sakrament: Demonstrationen als Ritual, Parolen als Gebet, Sprechchöre als Gospelmusik. Gemeinsam mit Hunderten zu skandieren erzeugt das Gefühl moralischer Erhebung – selbst dann, wenn keinerlei moralische Handlung folgt.
Die modernen Säkularen füllen ein Bedürfnis, das Menschen nach einem Leben jenseits ihrer selbst haben. Aber sie verlangen nicht, was traditionelle Religionen verlangen: Verpflichtung. Keine Reue ist nötig, keine innere Veränderung wird gefordert. Man wird „gut“, indem man einfach erscheint, auf der „richtigen“ Seite steht, die richtigen Phrasen wiederholt, die richtigen Parolen ruft. Teil einer größeren Bewegung zu sein, gemeinsam mit Hunderten zu marschieren, fühlt sich bedeutungsvoll an, selbst wenn es keinen zugrunde liegenden Sinn gibt. Es fühlt sich wie moralische Erhöhung an, ohne moralisches Handeln einzufordern.
Dieses Gefühl, ohne Verpflichtung moralisch im Recht – oder sogar moralisch überlegen – zu sein, ist enorm attraktiv. Es ist Spiritualität ohne Selbstprüfung.
Damit solche Systeme im großen Maßstab funktionieren, brauchen sie moralische Klarheit. Komplexität mobilisiert keine Leidenschaft. Binäre Rahmen – Unterdrücker und Unterdrückte, Kolonisator und Indigene, Gerechte und Böse – schaffen sofortige moralische Lesbarkeit. Sie reduzieren die Welt auf eine Geschichte, die emotional bewohnt werden kann, ohne die Last des Zweifels.
Die Realität widersetzt sich jedoch solchen Binaritäten. Und wenn sie das tut, muss etwas in die Rolle des Bösewichts gezwungen werden, um die Geschichte zu bewahren. Und die Geschichte – im modernen Sprachgebrauch: das Narrativ – ist zentral. Um zu verstehen, warum, hilft ein Blick auf ein scheinbar völlig anderes Phänomen: die moderne Verwendung des Begriffs „Turtle Island“.
„Turtle Island“ erscheint heute als großgeschriebener Eigenname für Nordamerika, was häufig an Universitäten gelehrt und in aktivistischen wie akademischen Kontexten als alter indigener Begriff verwendet wird, der angeblich koloniale Benennungen ersetzt. Das ist ein moderner Mythos.
Bestimmte indigene Schöpfungsmythen, vor allem unter Algonkin- und Haudenosaunee-Völkern, beschreiben die Welt, die nach einer Urflut auf dem Rücken einer Schildkröte entsteht. Die Anwendung von „Turtle Island“ speziell auf Nordamerika als Eigennamen ist neu und wurde in den 1970er Jahren von nicht-indigenen Autoren und Aktivisten populär gemacht, die ein dekolonisiertes Vokabular suchten. Seitdem wurde der Begriff von einigen Aktivisten indigener Herkunft übernommen und in der akademischen Welt institutionalisiert, oft präsentiert als wiederentdeckter Ahnenname statt als moderne symbolische Adaption.
Die Ironie ist bemerkenswert. Ein moderner, aktivistisch geprägter Mythos, geformt durch zeitgenössische politische Bedürfnisse, wird von Institutionen, die sich auf Empirie, Skepsis und Widerstand gegen religiöse Mythenbildung berufen, als historische Tatsache behandelt. Das Hinterfragen seiner Herkunft wird oft nicht als historische Untersuchung, sondern als moralisches Vergehen betrachtet.
Es wurde ein Mythos benötigt, um eine Ideologie zu stützen. Also wurde einer geschaffen. Die Moderne braucht Mythen genauso wie die Antike.
Antisemitismus funktioniert auf exakt dieselbe Weise – nur mit weit größerer historischer Tiefe und emotionaler Kraft.
Juden haben in der westlichen moralischen Vorstellung seit fast zweitausend Jahren eine einzigartige Rolle eingenommen. In christlichen Gesellschaften waren Juden nicht einfach eine weitere Minderheit. Sie wurden als theologischer Gegenpol zum Christentum selbst dargestellt: das Volk, das die Erlösung ablehnte, am Gesetz statt an der Gnade festhielt und den Widerstand gegen die Erlösung verkörperte. Der Jude wurde nicht nur zum sozialen Außenseiter, sondern zum metaphysischen Problem.
Über Jahrhunderte entstand daraus ein dauerhafter Archetyp: der Jude als hartnäckiger Verweigerer moralischer Auflösung, als verborgener Verderber, als ewiger Außenseiter, dessen fortgesetzte Existenz die Kohärenz der dominanten Weltanschauung bedroht. Selbst als der eindeutige christliche Glaube zurückging, verschwand dieser Archetyp nicht. Die westliche Kultur, Literatur und moralische Erzähltradition blieben davon durchdrungen.
Moderne säkulare Ideologien entstanden in Gesellschaften, die tief von christlichen Kategorien geprägt waren, auch wenn sie die christliche Theologie ablehnten. Der alte Gegenspieler wurde seiner religiösen Sprache entkleidet und in politische und ideologische Begriffe übersetzt. Zionisten ersetzten Christusmörder. Israel ersetzte die Synagoge. Macht ersetzte Ketzerei. Doch die Rolle blieb dieselbe. Der Mythos vom Juden als dem bösen Anderen verschwand nie; er wandelte sich nur, weil moderne Ideologien ihn weiterhin brauchten.
Das hilft zu erklären, warum sich westlicher Antisemitismus grundlegend von traditionellen muslimischen Einstellungen gegenüber Juden unterscheidet. In klassischen islamischen Gesellschaften waren Juden untergeordnet und eingeschränkt, aber sie waren keine kosmischen Feinde. Sie waren verachtete Bürger zweiter Klasse, keine metaphysischen Bösewichte. Die Vorstellung von Juden als einer einzigartig bösartigen Kraft gelangte erst im 19. und 20. Jahrhundert durch den europäischen christlichen Einfluss in weite Teile der muslimischen Welt – einschließlich der Übernahme von Ritualmordlegenden und Verschwörungsmythen.
Im Westen hingegen war der Jude bereits in die Rolle des Bösewichts eingearbeitet. Als moderne säkulare Bewegungen einen Feind brauchten, der gleichzeitig Illegitimität, Verderbtheit und moralische Verfehlungen verkörpern konnte, stand die Figur bereits bereit. Und das erleichtert die Mobilisierung erheblich, weil der Jude im Mythos schon immer mit dieser Rolle verbunden war.
Juden eignen sich besonders gut für diese Rolle, weil sie sich Vereinfachungen widersetzen. Sie sind zugleich Einheimische und Diaspora, partikularistisch und universalistisch, alt und modern, religiös und national. Sie bestehen über die Zeit hinweg auf eine Weise fort, die lineare Erzählungen von Fortschritt und Erlösung stört. In mythischen Rahmen, die auf klaren Binaritäten beruhen, ist diese Komplexität unerträglich.
Die Reduktion von Juden auf eine einzige Dimension löst das Problem. Sobald Juden, Israelis oder „Zionisten“ in vertraute Bösewicht-Archetypen gepresst werden – die dunkle Macht, der koloniale Usurpator, der verborgene Manipulator – wird die moralische Geschichte wieder lesbar. Die Popkultur hat das Publikum jahrzehntelang darauf trainiert, diese Figuren sofort zu erkennen und belohnt diese Wiedererkennung mit emotionaler Gewissheit. Das Narrativ setzt sich fort, komplett mit gerechten Helden und legitimierter Feindseligkeit.
Antisemitismus funktioniert somit als vollständige säkulare Religion. Er bietet ein heiliges Narrativ, einen kosmischen Kampf, Gemeinschaftszugehörigkeit, rituelle Teilnahme und ein Versprechen von Erlösung. Was er nicht verlangt, ist Selbstprüfung, Zurückhaltung oder moralische Verantwortung. Erlösung erfolgt durch Opposition, nicht durch Transformation.
Deshalb eskaliert der Antisemitismus. Der Jude als unvergleichlich Böses ist der Mythos, der diese Ideologien am Leben hält. Die „Apartheid“-Verleumdung, die „Völkermord“-Lüge beruhen nicht auf Fakten – es sind moderne Mythen, die zu attraktiv sind, um durch einfache Tatsachen widerlegt zu werden, genau wie der Turtle-Island-Mythos. Es ist soziales Konstrukt, die sich als Wissenschaft tarnt, Religion ohne Selbstreflexion. Jüdische Komplexität muss geleugnet werden und jüdische Existenz selbst wird unerträglich, weil sie die Stimmigkeit der Erzählung bedroht. Und Stimmigkeit ist wichtiger als Wahrheit. Der Mythos braucht einen Bösewicht – und je verdorbener, desto besser, damit der Mythos fortbestehen kann.
Antisemitismus bleibt attraktiv, nicht weil Menschen außergewöhnlich hasserfüllt sind, sondern weil moderne Gesellschaften es nicht geschafft haben Bedeutung ohne Illusion zu vermitteln. Ohne anspruchsvollen spirituellen Rahmen wenden sich Menschen Ersatzsystemen zu, die sich moralisch anfühlen, ohne etwas zu kosten. Antisemitismus erfüllt jedes emotionale Bedürfnis, das Religion einst erfüllte – nur ohne Wahrheit, Demut und Verantwortung.
Deshalb kehrt er immer wieder zurück, selbst bei jenen, die am stärksten davon überzeugt sind Mythen überwunden zu haben.
Gefällt mir Wird geladen …