Bernd Greiner – Weißglut. Die inneren Kriege der USA (2025, C.H. Beck)
Trump, MAGA, America First, Far-Right-Movement, die Übernahme der amerikanischen Republikaner durch die extreme Rechte: Der Amerikanist, Polit- und Geschichtswissenschaftler Bernd Greiner skizziert in einem Abriss über die vergangenen 125 Jahre die historischen Grundlagen und den mentalen Unterbau für das, was sich derzeit aktuell an radikalem Rechtsruck und Interessen-getriebener Brachial-Politik in den US-amerikanischen Machtzentren manifestiert.
Auf flüssig zu lesenden 450 Seiten inklusive Anhang erzählt Greiner die Geschichte eines Landes, in der sich in einem an sich schon fragwürdigen demokratischen Staatskonstrukt nie eine linke Partei etablieren konnte. In einem System, in dem zu Zeiten der Industrialisierung Streiks und Forderungen nach Arbeiter-Rechten und besserer Entlohnung vom Militär als Handlanger der Superreichen brutal unterdrückt wurden, in einer unvergleichlichen Kooperation aus Wirtschaft und Staat. Gut organisierte Freiwilligenverbände aus der Mitte der Gesellschaft wie die American Protective League, die American Legion oder der ab den 1920er Jahren stärker in Erscheinung tretende Ku Klux Klan trugen das ihre bei im Klassen- und Kulturkampf gegen Sozialisten und Kommunisten, jüdische und süd-/osteuropäische Migranten, im Terror gegen die Gewerkschaftsbewegung wie gegen die afroamerikanische Bevölkerung im Geiste der sogenannten Rassenhygiene, zur Sicherung der Vormachtstellung der weißen Gesellschaft. Flankiert von einer auf dem rechten Auge blinden Justiz, die oppositionelle Linke wie Nicola Sacco, Bartolomeo Vanzetti oder später in den fünfziger Jahren das Ehepaar Rosenberg trotz fragwürdiger Beweislage für ihre angeblichen Straftaten auf den elektrischen Stuhl schickte.
Nach der Great Depression bekamen Demagogen und Populisten wie der Südstaaten-Senator Huey Long und der katholische Pater Charles Coughlin in den dreißiger Jahren Aufwind, durch gezielte Nutzung neuer Politik-Vermarktungsmechanismen wie Propaganda-Feldzüge und Fake-Nachrichten. (Musikalische Randnotiz: Mit Huey Long und den rassistischen Auswüchsen des amerikanischen Südens beschäftigt sich auch Songwriter Randy Newman in seinem erst 2002 veröffentlichten Konzept-Demo-Album ‚Johnny Cutler’s Birthday‘, dem Arbeits-Entwurf für seinen 1974er-Longplayer ‚Good Old Boys‘.)
Wie etwa ObamaCare in der Neuzeit galt der New Deal Roosevelts vielen Amerikanern bereits als zu links, die Angst vor kommunistischer Unterwanderung des freien Amerika wurde gezielt von erzkonservativ-rechten Politikern und Interessenvertretern geschürt. Seinen institutionellen Ausfluss im Repräsentantenhaus fand dies letztendlich im Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC), als dessen prominentester Paranoiker der republikanische Senator Joseph McCarthy zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte.
‚Weißglut‘ ist auch die Geschichte der bekämpften Bürgerrechts- und Graswurzel-Bewegungen wie den Fellow Travelers, Freedom Riders, Vietnam-Kriegsgegnern, Friedensaktivisten oder dem Black-Power-Movement. Linken Aktivisten, denen neben radikalen Rechtsextremen wie dem Klan mit dem Committee on the Present Danger ein mächtiger intellektueller Think Tank aus dem rechtskonservativen Spektrum gegenüberstand, eine finanzstarke Organisation aus Strippenziehern, die bis in höchste Ämter ihren Einfluss geltend machte und vor allem in der Reagan-Administration ihre neoliberale Hochzeit erlebte.
Im letzten Kapitel setzt sich Bernd Greiner eingehend mit den Ideen-Gebern und Influencern der aktuellen Trump-Politik auseinander. Mit ihrem Hass und ihrer Vergeltung gegen liberale, sozialdemokratische, tolerante Politik-Ansätze. Gespeist aus dem Furor der Tea-Party-Bewegung, aus dem pseudo-religiösen Weltbild und den kruden Ansichten evangelikaler Fundamentalisten und Gotteskrieger, unterstützt von Ultranationalisten, Rassisten, Staatsverweigerern und Kapitol-Stürmern aus dem Umfeld der faschistoiden, para-militärischen Far-Right-Vereinigungen wie den Proud Boys oder den Oath Keepers. Flankiert von rechten Medien, Podcastern, Marktschreiern. Mit Role Models aus der amerikanischen Geschichte wie den republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten Barry Goldwater und Richard Nixon, die die Lüge im US-Wahlkampf salonfähig machten, und der erzkonservativen Publizistin Phyllis Schlafly, die Zeit ihres Lebens gegen Feminismus, Homosexuellen-Rechte, Gleichberechtigung und Abtreibung opponierte und sowohl für Reagan wie Trump prominent die Werbetrommel rührte.
Bernd Greiner zeigt in seinem Buch ‚Weißglut‘ auf, wie sich die US-amerikanische Gesellschaft seit über hundert Jahren gnadenlose Klassen- und Kulturkämpfe liefert, die in erster Linie weder von Parteien noch Präsidenten, vielmehr in der tief gespaltenen Bevölkerung bestritten werden und als Stichwort- und Impulsgeber für die aktuelle, fundamental intolerante und rechtspopulistische Regierungspolitik unter Trump und Vance dienen. Einer Politik, der die Partei der Demokraten aktuell wenig entgegenzusetzen hat und die Mehrheits-Interessen zu Klimaschutz, strengeren Waffengesetzen oder Verbesserung des Gesundheitswesens offensichtlich nicht überzeugend zu vertreten weiß. Interessen auch einer Trump-Wählerschaft, die sich auf soziale Veränderungen und gesellschaftliche Teilhabe fokussieren, die paradoxerweise aber durch rigorosen Sozialstaat-Abbau, gnadenlosen Raubtier-Kapitalismus und Steuergesetze für die Superreichen völlig konterkariert werden.
Der promovierte Historiker Bernd Greiner hat einmal mehr eine lesenswerte Dokumentation zur neueren amerikanischen Geschichte veröffentlicht. Seine früheren Publikationen beschäftigen sich unter anderem mit der Biografie Henry Kissingers, dem Morgenthau-Plan, der Kuba-Krise oder in detaillierter Auseinandersetzung in ‚Krieg ohne Fronten‘ mit dem militärischen und moralischen Desaster der USA im Vietnam-Krieg.
Haruki Murakami – Die Chroniken des Aufziehvogels (2020, DuMont)
Der Kult um Murakami: Schwieriges Thema. Beim japanischen Romanautor spalten sich die Geister. Während die einen mittlerweile bei jeder Neuveröffentlichung reflexartig den Literaturnobelpreis für den Schreiber einfordern, halten ihn die anderen schlichtweg für notorisch überschätzt. Erstere können profund höchst gelungene Werke wie den spannenden, komplexen Großwurf ‚Kafka am Strand‘ zur Untermauerung der Verehrung ins Feld führen, letztere in Buchform dargereichte Schlafmittel wie den Roman ‚Afterdark‘.
Der gewichtige Wälzer ‚Die Chroniken des Aufziehvogels‘ taugt indes für keine Fraktion als Argumentationshilfe. In der Geschichte des orientierungs- und arbeitslosen Juristen Toru Okada und seiner mysteriös verschwundenen Ehefrau Kumiko glänzt Murakami einerseits mit einer phantastischen Fülle an surrealen Begebenheiten und nebulösen Parallelwelten, höchst lesenswerten historischen Bezugnahmen zum japanischen Feldzug in der Mandschurei während des zweiten Weltkriegs, und geheimnisvollen, der Realität entrückten Roman-Figuren, die den Protagonisten nicht selten in erotische Abenteuer und Traumsequenzen verwickeln oder vor permanent neue Rätsel stellen. Das sind die Aspekte des Schmökers, die den Daumen im Votum nach oben zeigen lassen. Andererseits verbleibt für die Leserschaft nach erschöpfender Lektüre des Romans etliches im vagen, unausgegoren in der Auserzählung der Geschichte. So mancher Knoten und Handlungsstrang löst sich nicht oder nur unzureichend auf, in Teilen ein unbefriedigendes Open End. Für ein über tausendseitiges Fabulieren zwischen Fantasy und magischem Realismus ist das Ergebnis ein mithin unrundes Gewerk, und warum der Hauptdarsteller der Erzählung wiederholte Male über mehrere Tage meditierend im tiefen Brunnen sitzt und sich so aus freien Stücken dem potentiellen Ertrinken oder Verhungern aussetzt, auch auf diese Erklärung wartet die Murakami-Fanbase bis zum bitter-süßen Ende vergebens. Die anderen, die weitaus weniger wohlwollenden Kritiker des Star-Autors aus Kyoto, die haben den schweren Buchbrocken sowieso bereits weit vor dem Finale ins Eck gepfeffert. Heavyweight Discrepancy…
Stephen King – Kein Zurück (2025, Heyne)
Kaum ist das unappetitliche Kannibalen-Thema aus ‚Holly‘ verdaut, kommt der Vielschreiber-King mit der nächsten Episode aus dem Leben seiner aktuellen Serien-Heldin Holly Gibney ums Eck. Ursprünglich als Nebenfigur im Bill-Hodges-Zyklus eingeführt, hat sich die Private-Eye-Protagonistin nach seinen eigenen Aussagen mittlerweile zu einer Lieblingsfigur des Bestseller-Lieferanten aus Bangor/Maine gemausert. Im aktuell neuen Roman darf sich die permanent von etlichen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit heimgesuchte Detektivin gleich mit zwei durchgeknallten Serienkillern rumschlagen, in Unterstützung der örtlichen Polizei mit einem selbsternannten Rächer, der zwecks Sühne eines fatalen Justizirrtums sein Unwesen treibt, wie mit einem religiös fanatisierten Abtreibungsgegner aus der Evangelikalen-Parallelwelt, im Rahmen eines Personenschutz-Auftrags für eine durch die Lande tourende Star-Feministin.
Stephen King als liberaler Autor arbeitet sich in jüngster Zeit permanent an Themen ab, die im Trump-Amerika seiner Ansicht nach grob im Argen liegen, das Anprangern der fehlenden staatlichen Maßnahmen während der Corona-Pandemie als seit Jahren Romane-übergreifender Dauerbrenner, Frauenrechte, hier speziell das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, christliche Fundamentalisten-Bigotterie. Hinsichtlich Plot ist die Geschichte relativ vorhersehbar, und bei der Nummer mit der jungen Nachwuchs-Dichterin und Holly-Vertrauten Barbara Robinson, die als ziemlich beste neue Freundin, Sängerin, Songschreiberin und Tänzerin multi-talentiert im Tour-Tross einer alternden Soul-Diva anheuert, menschelt, kitscht und schmalzt es derart horrormäßig, dass es schon fast körperliche Pein beim Lesen bereitet. Kaum vorstellbar, dass ‚Kein Zurück‘ fürderhin im Top-Ranking der King-Romane zu finden ist.
Gefällt mir Wird geladen …