Cash Muretta @ Vintage Pub, München, 2026-01-27

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I Hear The Laughing Stalk
Texas On The Bottom
Montana On Top

(Wovenhand, Long Horn)

‚The Day Marty Robbins Died‘ ist der Titel eines Songs vom morbiden Debütalbum ‚The Axeman’s Jazz‘ der verehrten australischen Swamp-Blueser Beasts Of Bourbon. Ob der berühmte US-Country- und Western-Star tatsächlich in den Achtzigern das Zeitliche segnete oder sich mit einem Wiedergeburts-Trick ins nächste Jahrtausend rettete, ist in München seit dem Privat-Show-Auftritt seines geistesverwandten Enkels und Landsmanns Cash Muretta am vergangenen Dienstag-Abend im Untergiesinger Vintage Pub von Gastgeber Mike Nagl eine durchaus berechtige Frage. Mit gerade mal einundzwanzig Lenzen auf dem Buckel noch blutjung an Jahren, ist Cash Muretta aus Great Falls/Montana derzeit zwischen der Schweiz und Skandinavien erstmals auf kurzer Europa-Tournee und wählte als einzige Deutschland-Station dieses Trips dankenswerterweise die kleine Bühne neben dem Tresen im irischen Wohnzimmer der Giesinger Kreativquartier-Community.

In seinen eigenen Outlaw- und Cowboy-Balladen gibt der tief in der Americana-Tradition verwurzelte Songwriter Cash Muretta formvollendet den großen Helden-Bariton, und so ist es selbstredend naheliegend, dass er den eingangs erwähnten Marty Robbins als einen seiner großen Einflüsse benennt, neben Größen wie Johnny Cash, Merle Haggard, Waylon Jennings und Elton Britt, die wie Robbins in etlichen Coverversionen an diesem launigen Abend zu Ehren kommen. Wie auch mehrfach aktuelleres Country-Liedgut aus der Feder von ex-Steeldriver Chris Stapleton. Vom reinen Epigonentum ist der junge Mann indes weit entfernt, seine selbst komponierten Songs fallen qualitativ keinen Deut ab vom Fremdmaterial der berühmten Ahnherren. Dazu ist seine stilistische wie stimmliche Bandbreite enorm, von ergreifenden Prärie-Epen über schmissigen Honky Tonk bis hin zu wunderschönen Folk-Songs. Im Pathos des Western-Crooners liefert er mit ‚The Cowboy On His Steed‘ quasi im Alleingang den Soundtrack für die grandiose, tragische Border-Triloge des Southern-Gothic-Meisters Cormac McCarthy. Als veritabler Jodler weiß Muretta zu glänzen, wie als empathischer, herzerwärmender Country-Sänger, seine Stimme trägt weit hinaus in die Landschaft, sein Vortrag und sein filigranes Gitarrenspiel taugen für das Lagerfeuer wie für die wohlgefällige Begleitung zum Drink am Tresen.

Inhaltlich sind seine Songs geprägt von einer geerdeten Religiosität, dem eigenen Herzschmerz im Nachtrauern der Verflossenen, der grandiosen Natur und Weite seiner Heimat Montana, die zunehmend von the Californian and the likes heimgesucht wird, wegen der tollen Filmkulissen und den prächtigen Landhäusern, die Immobilien-Preise für die Einheimischen in die Höhe jagend. Im demnächst erscheinenden Song ‚Don’t Put Water In My Whiskey‘ wird dieses unhumorige Phänomen thematisiert, auch als Native Oberbayer weiß man von derartigen Sachverhalten ein Lied zu singen, wenn auch bei weitem kein so wohlklingendes wie der junge Mann aus dem Big Sky Country.

Solange von der Muse geküsste und mit herausragendem Talent gesegnete Nachwuchsmusiker wie Cash Muretta die Bühnen und Aufnahme-Studios dieser Welt entern und ihre Shows derart angenehm, entspannt und grundsympathisch moderieren, muss einem um die Zukunft des Country-Genres nicht bange sein. Und wenn sie vom ehemaligen Schulpädagogen Mike entsprechende Förderung erfahren, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen auf dem C&W-Karriere-Trail…

Eine Kerze für Sly Dunbar

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Wie bereits seit gestern in etlichen einschlägigen Musik-Medien und Feuilletons berichtet, ist der jamaikanische Schlagzeuger Sly Dunbar am Montag im Alter von 73 Jahren in seiner Heimatstadt Kingston verstorben. Zusammen mit dem 2021 dahingeschiedenen Bassisten Robbie Shakespeare bildete er das Drum/Bass- und Produzenten-Duo Sly And Robbie. Die beiden waren das pulsierende Herzstück ihrer eigenen Reggae-, Dub- und Dancehall-Alben, in denen sie sich über den Tellerrand schauend beizeiten auch mit weiteren Genres wie Funk, Ethno-Beat und Electronica-Experimenten beschäftigten.

Als Session-Musiker sind The Rhythm Twins auf unzähligen Alben von jamaikanischen Reggae-Größen zu hören – Peter Tosh, Rico Rodriguez, Bob Marley, Bunny Wailer, Gregory Isaacs, Toots Hibbert, um nur einige der bekannteren zu nennen. Außerhalb der Kingston-Szene arbeiteten sie mit Stars wie Bob Dylan, Jackson Browne, Marianne Faithful, Grace Jones, Mick Jagger und Ian Dury zusammen. Die Liste der Kollaborationen von Sly Dunbar und Robbie Shakespeare ist in der weiten Welt der Pop-Musik kaum zu überblicken.

Dem interessierten deutschen Fernsehpublikum, zumindest den älteren Semestern, dürften Dunbar und Shakespeare durch den live aus der Essener Grugahalle ausgestrahlten Rockpalast-Auftritt im Oktober 1981 mit der Band Black Uhuru in Erinnerung geblieben sein, die beiden umtriebigen Rhythmus-Giganten fungierten für die Formation um die Sängerin Puma Jones und ihre beiden vokalen Mitstreiter Michael Rose und Duckie Simpson jahrelang als Produzenten und federführende musikalische Taktgeber.

Reingehört: Heartland Records / Label Special

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Klasse statt Masse ist augenscheinlich das Motto beim kleinen, feinen Karlsruher Independent-Label Heartland Records, einer Insider-Adresse für zeitlose Americana-Preziosen. Label-Chef Thomas Hauf ist hier auf diesem Kanal vor vielen Monden bereits einmal in Erscheinung getreten, mit seinem Alter Ego als Alternative-Country-Songwriter Tom Mess und dem Album ‚Forget Everything (And Rock)‘. Mit seinem aktuellen, 2025 veröffentlichten Tonträger ‚Pretty Messed‘ steuert er selbst einen der momentan vier verfügbaren Titel zum Firmenkatalog bei. Naheliegend, wenn man als ausführender Musikant und Plattenfirmen-Boss in Personalunion agiert.

Gut Ding will Weile haben: Sage und schreibe sieben Jahre hat sich Tom Mess für die Fertigstellung seines neuen Albums Zeit genommen, zwischendurch ging die Überlegung gar in Richtung Musik an den Nagel hängen, Gottlob kam ein gewisser Peter mit einer Idee ums Eck, und so war das Tüfteln, Verwerfen, neu Arrangieren der zehn Songs letztlich kein fruchtloses, ‚Pretty Messed‘ präsentiert sich als hochanständige Sammlung aus vollmundigen Alternative-Country-Rockern und erhabenen, eindringlichen Songwriter-Balladen im Geiste der amerikanischen Beatniks, Rain Dogs und Prärie-Geister. Zum limitierten Vinyl-Album gibt es ein schönes 92-seitiges Booklet mit den Lyrics der Songs, feinen Collagen-Arbeiten des Musikers, Zeichnungen und gedanklichen Schlaglichtern. Tom Mess kommt hier seine jahrelange Erfahrung als Fanzine-Schreiber//Gestalter und seine DIY-Haltung als ehemaliger Punk-Bassist zugute. Hier schließt sich wohl ein Kreis, zumal spätestens seit dem Muddy-Roots-Movement evident ist, dass Folk und Country der neue Punk sind, jedenfalls dann, wenn das Dargebotene dahingehend solide gedeichselt ist im Thematisieren der Gedanken, der Nöte, Sorgen, Ängste, in der schnörkellosen Reflektion der Lebenswelten der einfachen Leute. Auf ‚Pretty Messed‘ ist das exzellent eingefangen, in leidenschaftlich-nachdenklicher Ansage, in der Erkenntnis, dass kein Gold dieser Welt Bestand hat und das letzte Hemd keine Taschen, mit ohrenschmeichelnden Melodien zur Milderung der harten Wahrheiten und Vertreibung der Geister aus der Vergangenheit. In Songs, die zwischen beherztem Zugriff und einer zurückgelehnten Entspanntheit elegant die hohe Schule des Country-Folk-Rock zelebrieren, mit atmosphärischen Pedal-Steel-Heulern, schrammelnder Wandergitarre, zum Mitwippen einladender, relaxter Taktgebung und dezenter Orgel-Begleitung. Vielleicht erscheint uns das nächste Alt-Country-Kleinod aus dem Hause Mess künftig mit kürzerem Zeitabstand. Bei der Qualität wär’s zu wünschen…

Mit dem Frühwerk des amerikanischen Country-Crooners Elijah Ocean aus Nashville/Tennessee hat das deutsche Klein-Label gleich derer zwei an Perlen des Genres im Repertoire, auf dem Self-Titled-Album aus dem Jahr 2017 wie auf dem 2019er-Nachfolgewerk ‚Back To The Lander‘ glänzt der ursprünglich aus Maine stammende Songwriter mit einer beseelten Mixtur aus Honky-Tonk-Country und West-Coast-Folk. Soulful, mit weitem, großen Herzen und unverstellten Emotionen erzählt Mr. Ocean seine aus dem Leben gegriffenen Geschichten, authentisch durch jahrelanges Konzert-Touren geprägt, und nimmt die Hörerschaft mit auf die Reise seiner Road Trips, zu Sehnsuchtsorten der Amiland-Romantiker, nach Pasadena, Montana, Denver, in die geheimnisumwitterte Wüste oder in üppige Flusslandschaften. In ein Amerika, dass ein besseres ist oder wenigstens einmal war, wirtlicher und geschmeidiger, als es sich dieser Tage der Welt präsentiert. Mag sein, dass auch das in vergangenen Zeiten ein Trugbild war, die Illusion erhält Elijah Ocean in seinem wunderbaren Liedgut mit menschlicher Wärme im Gesang und griffiger Melodik indessen gekonnt aufrecht. Mit ordentlich Schmelz versehene Country-Schunkler, die zuweilen auch das große Pop-Besteck auspacken oder den tragfähigen Orgel-Teppich ausrollen, flotte Country-Hauer wie das schmissige ‚Highway‘ (ohne Hölle), die anrührenden Balladen ‚When We Get There‘ und ‚Malibu Moon‘ mit wunderschöner Piano- und Streicher-Begleitung – die Ocean-Alben warten mit einer bunten, homogenen Palette an Spielarten auf, reichhaltig instrumentiert, mit handwerklich exzellent produziertem, atmosphärisch dichtem Siebziger-Nostalgie-Sound, und bereichern damit gehaltvoll jede ernstzunehmende Country-Platten-Sammlung. Beide Alben sind bei Heartland Records in zum Teil limitierten Vinyl zu haben.

Der komponierende Sänger und Gitarrist D L Burdon aus dem nordenglischen Sunderland war in früheren Tagen als Musiker bei den Punk-Combos Former Cell Mates und den weithin bekannten Leatherface zugange, letztere wurden in der britischen Presse wiederholt als beste englische Neunziger-Jahre-Kapelle der Rabauken-Spielart gepriesen. Seit gut zehn Jahren widmet sich Burdon etwas konventionellerem Liedgut, im solistischen, Busker-artigen Roh-Folk-Vortrag, oder vollmundiger mit der Band His Questionable Intentions auf dem 2023 erstmals erschienenen Album ‚Thank You & Goodnight‘, dass beim Heartland-Records-Label als limitiertes, handgestempeltes Vinyl erhältlich ist. In den Uptempo-Rockern zwischen Alternative Country und Garage atmet der lautmalerische Gesang Burdons nach wie vor den Geist des Punk, in einer Ansage, die beherzt offensiv nach vorne geht wie die antreibenden Riffs der Songs, ruppig und beseelt die Ecken und Kanten herauskehrend. Oft lärmend, krakeelend und direkt am Schlafittchen packend, und damit in bester Rock’n’Roll-Straßentauglichkeit unterwegs. Life’s never been easy, but it’s never been boring sagt D L Burdon, er muss es wissen, er hat in unterschiedlichsten Brot-Jobs und beim weltumspannenden Touren etliches an Gutem und Schlechtem erlebt, und das klingt bei seinen wettergegerbten Songs auch jederzeit durch. Selbst in den wenigen zurückgenommenen, etwas entspannteren Nummern findet sich ein gerüttelt Maß an Schärfe und Dringlichkeit. Punk is not dead, er klingt nur musikalisch ausgereifter und einnehmender.

Nie waren sie so wertvoll wie heute: Es braucht sie mehr denn je, diese Unerschrockenen und Unbeirrbaren vom Schlage eines Thomas Hauf aka Tom Mess, die mit Herzblut mutig ihr Ding durchziehen und für ihren Sound brennen. Die trotz widrigster Umstände im Musik-Markt den Job als Label-Betreiber ohne Netz und doppelten Boden wagen, zumal mit handwerklich produzierter Roots-Musik, die keinen schnelllebigen Trends folgt und die ausgetretenen Pfade des Mainstreams meidet. Standing Ovations für diesen Enthusiasmus und den unternehmerischen Elan. Und die Alben aus dem Hause Heartland Records auf den Einkaufszettel für die nächste Bandcamp-Shopping-Tour.

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Stay At Home, Read A Book: Bernd Greiner / Haruki Murakami / Stephen King

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Bernd Greiner – Weißglut. Die inneren Kriege der USA (2025, C.H. Beck)

Trump, MAGA, America First, Far-Right-Movement, die Übernahme der amerikanischen Republikaner durch die extreme Rechte: Der Amerikanist, Polit- und Geschichtswissenschaftler Bernd Greiner skizziert in einem Abriss über die vergangenen 125 Jahre die historischen Grundlagen und den mentalen Unterbau für das, was sich derzeit aktuell an radikalem Rechtsruck und Interessen-getriebener Brachial-Politik in den US-amerikanischen Machtzentren manifestiert.

Auf flüssig zu lesenden 450 Seiten inklusive Anhang erzählt Greiner die Geschichte eines Landes, in der sich in einem an sich schon fragwürdigen demokratischen Staatskonstrukt nie eine linke Partei etablieren konnte. In einem System, in dem zu Zeiten der Industrialisierung Streiks und Forderungen nach Arbeiter-Rechten und besserer Entlohnung vom Militär als Handlanger der Superreichen brutal unterdrückt wurden, in einer unvergleichlichen Kooperation aus Wirtschaft und Staat. Gut organisierte Freiwilligenverbände aus der Mitte der Gesellschaft wie die American Protective League, die American Legion oder der ab den 1920er Jahren stärker in Erscheinung tretende Ku Klux Klan trugen das ihre bei im Klassen- und Kulturkampf gegen Sozialisten und Kommunisten, jüdische und süd-/osteuropäische Migranten, im Terror gegen die Gewerkschaftsbewegung wie gegen die afroamerikanische Bevölkerung im Geiste der sogenannten Rassenhygiene, zur Sicherung der Vormachtstellung der weißen Gesellschaft. Flankiert von einer auf dem rechten Auge blinden Justiz, die oppositionelle Linke wie Nicola Sacco, Bartolomeo Vanzetti oder später in den fünfziger Jahren das Ehepaar Rosenberg trotz fragwürdiger Beweislage für ihre angeblichen Straftaten auf den elektrischen Stuhl schickte.

Nach der Great Depression bekamen Demagogen und Populisten wie der Südstaaten-Senator Huey Long und der katholische Pater Charles Coughlin in den dreißiger Jahren Aufwind, durch gezielte Nutzung neuer Politik-Vermarktungsmechanismen wie Propaganda-Feldzüge und Fake-Nachrichten. (Musikalische Randnotiz: Mit Huey Long und den rassistischen Auswüchsen des amerikanischen Südens beschäftigt sich auch Songwriter Randy Newman in seinem erst 2002 veröffentlichten Konzept-Demo-Album ‚Johnny Cutler’s Birthday‘, dem Arbeits-Entwurf für seinen 1974er-Longplayer ‚Good Old Boys‘.)

Wie etwa ObamaCare in der Neuzeit galt der New Deal Roosevelts vielen Amerikanern bereits als zu links, die Angst vor kommunistischer Unterwanderung des freien Amerika wurde gezielt von erzkonservativ-rechten Politikern und Interessenvertretern geschürt. Seinen institutionellen Ausfluss im Repräsentantenhaus fand dies letztendlich im Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC), als dessen prominentester Paranoiker der republikanische Senator Joseph McCarthy zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte.

‚Weißglut‘ ist auch die Geschichte der bekämpften Bürgerrechts- und Graswurzel-Bewegungen wie den Fellow Travelers, Freedom Riders, Vietnam-Kriegsgegnern, Friedensaktivisten oder dem Black-Power-Movement. Linken Aktivisten, denen neben radikalen Rechtsextremen wie dem Klan mit dem Committee on the Present Danger ein mächtiger intellektueller Think Tank aus dem rechtskonservativen Spektrum gegenüberstand, eine finanzstarke Organisation aus Strippenziehern, die bis in höchste Ämter ihren Einfluss geltend machte und vor allem in der Reagan-Administration ihre neoliberale Hochzeit erlebte.

Im letzten Kapitel setzt sich Bernd Greiner eingehend mit den Ideen-Gebern und Influencern der aktuellen Trump-Politik auseinander. Mit ihrem Hass und ihrer Vergeltung gegen liberale, sozialdemokratische, tolerante Politik-Ansätze. Gespeist aus dem Furor der Tea-Party-Bewegung, aus dem pseudo-religiösen Weltbild und den kruden Ansichten evangelikaler Fundamentalisten und Gotteskrieger, unterstützt von Ultranationalisten, Rassisten, Staatsverweigerern und Kapitol-Stürmern aus dem Umfeld der faschistoiden, para-militärischen Far-Right-Vereinigungen wie den Proud Boys oder den Oath Keepers. Flankiert von rechten Medien, Podcastern, Marktschreiern. Mit Role Models aus der amerikanischen Geschichte wie den republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten Barry Goldwater und Richard Nixon, die die Lüge im US-Wahlkampf salonfähig machten, und der erzkonservativen Publizistin Phyllis Schlafly, die Zeit ihres Lebens gegen Feminismus, Homosexuellen-Rechte, Gleichberechtigung und Abtreibung opponierte und sowohl für Reagan wie Trump prominent die Werbetrommel rührte.

Bernd Greiner zeigt in seinem Buch ‚Weißglut‘ auf, wie sich die US-amerikanische Gesellschaft seit über hundert Jahren gnadenlose Klassen- und Kulturkämpfe liefert, die in erster Linie weder von Parteien noch Präsidenten, vielmehr in der tief gespaltenen Bevölkerung bestritten werden und als Stichwort- und Impulsgeber für die aktuelle, fundamental intolerante und rechtspopulistische Regierungspolitik unter Trump und Vance dienen. Einer Politik, der die Partei der Demokraten aktuell wenig entgegenzusetzen hat und die Mehrheits-Interessen zu Klimaschutz, strengeren Waffengesetzen oder Verbesserung des Gesundheitswesens offensichtlich nicht überzeugend zu vertreten weiß. Interessen auch einer Trump-Wählerschaft, die sich auf soziale Veränderungen und gesellschaftliche Teilhabe fokussieren, die paradoxerweise aber durch rigorosen Sozialstaat-Abbau, gnadenlosen Raubtier-Kapitalismus und Steuergesetze für die Superreichen völlig konterkariert werden.

Der promovierte Historiker Bernd Greiner hat einmal mehr eine lesenswerte Dokumentation zur neueren amerikanischen Geschichte veröffentlicht. Seine früheren Publikationen beschäftigen sich unter anderem mit der Biografie Henry Kissingers, dem Morgenthau-Plan, der Kuba-Krise oder in detaillierter Auseinandersetzung in ‚Krieg ohne Fronten‘ mit dem militärischen und moralischen Desaster der USA im Vietnam-Krieg.

Haruki Murakami – Die Chroniken des Aufziehvogels (2020, DuMont)

Der Kult um Murakami: Schwieriges Thema. Beim japanischen Romanautor spalten sich die Geister. Während die einen mittlerweile bei jeder Neuveröffentlichung reflexartig den Literaturnobelpreis für den Schreiber einfordern, halten ihn die anderen schlichtweg für notorisch überschätzt. Erstere können profund höchst gelungene Werke wie den spannenden, komplexen Großwurf ‚Kafka am Strand‘ zur Untermauerung der Verehrung ins Feld führen, letztere in Buchform dargereichte Schlafmittel wie den Roman ‚Afterdark‘.

Der gewichtige Wälzer ‚Die Chroniken des Aufziehvogels‘ taugt indes für keine Fraktion als Argumentationshilfe. In der Geschichte des orientierungs- und arbeitslosen Juristen Toru Okada und seiner mysteriös verschwundenen Ehefrau Kumiko glänzt Murakami einerseits mit einer phantastischen Fülle an surrealen Begebenheiten und nebulösen Parallelwelten, höchst lesenswerten historischen Bezugnahmen zum japanischen Feldzug in der Mandschurei während des zweiten Weltkriegs, und geheimnisvollen, der Realität entrückten Roman-Figuren, die den Protagonisten nicht selten in erotische Abenteuer und Traumsequenzen verwickeln oder vor permanent neue Rätsel stellen. Das sind die Aspekte des Schmökers, die den Daumen im Votum nach oben zeigen lassen. Andererseits verbleibt für die Leserschaft nach erschöpfender Lektüre des Romans etliches im vagen, unausgegoren in der Auserzählung der Geschichte. So mancher Knoten und Handlungsstrang löst sich nicht oder nur unzureichend auf, in Teilen ein unbefriedigendes Open End. Für ein über tausendseitiges Fabulieren zwischen Fantasy und magischem Realismus ist das Ergebnis ein mithin unrundes Gewerk, und warum der Hauptdarsteller der Erzählung wiederholte Male über mehrere Tage meditierend im tiefen Brunnen sitzt und sich so aus freien Stücken dem potentiellen Ertrinken oder Verhungern aussetzt, auch auf diese Erklärung wartet die Murakami-Fanbase bis zum bitter-süßen Ende vergebens. Die anderen, die weitaus weniger wohlwollenden Kritiker des Star-Autors aus Kyoto, die haben den schweren Buchbrocken sowieso bereits weit vor dem Finale ins Eck gepfeffert. Heavyweight Discrepancy…                        

Stephen King – Kein Zurück (2025, Heyne)

Kaum ist das unappetitliche Kannibalen-Thema aus ‚Holly‘ verdaut, kommt der Vielschreiber-King mit der nächsten Episode aus dem Leben seiner aktuellen Serien-Heldin Holly Gibney ums Eck. Ursprünglich als Nebenfigur im Bill-Hodges-Zyklus eingeführt, hat sich die Private-Eye-Protagonistin nach seinen eigenen Aussagen mittlerweile zu einer Lieblingsfigur des Bestseller-Lieferanten aus Bangor/Maine gemausert. Im aktuell neuen Roman darf sich die permanent von etlichen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit heimgesuchte Detektivin gleich mit zwei durchgeknallten Serienkillern rumschlagen, in Unterstützung der örtlichen Polizei mit einem selbsternannten Rächer, der zwecks Sühne eines fatalen Justizirrtums sein Unwesen treibt, wie mit einem religiös fanatisierten Abtreibungsgegner aus der Evangelikalen-Parallelwelt, im Rahmen eines Personenschutz-Auftrags für eine durch die Lande tourende Star-Feministin.

Stephen King als liberaler Autor arbeitet sich in jüngster Zeit permanent an Themen ab, die im Trump-Amerika seiner Ansicht nach grob im Argen liegen, das Anprangern der fehlenden staatlichen Maßnahmen während der Corona-Pandemie als seit Jahren Romane-übergreifender Dauerbrenner, Frauenrechte, hier speziell das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, christliche Fundamentalisten-Bigotterie. Hinsichtlich Plot ist die Geschichte relativ vorhersehbar, und bei der Nummer mit der jungen Nachwuchs-Dichterin und Holly-Vertrauten Barbara Robinson, die als ziemlich beste neue Freundin, Sängerin, Songschreiberin und Tänzerin multi-talentiert im Tour-Tross einer alternden Soul-Diva anheuert, menschelt, kitscht und schmalzt es derart horrormäßig, dass es schon fast körperliche Pein beim Lesen bereitet. Kaum vorstellbar, dass ‚Kein Zurück‘ fürderhin im Top-Ranking der King-Romane zu finden ist.

Sonntagslied: Lonesome Ace Stringband

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Die kanadische Bluegrass-Formation The Lonesome Ace Stringband hat dieser Tage rübergemacht, über den große Teich, für eine Handvoll Gigs. An den Gestaden der britischen Insel findet die Konzertreise gen Osten bereits wieder ihren Schlusspunkt, weitere Stationen zur Erbauung der Hörerschaft stehen im alten Europa nicht auf dem Tour-Plan. So bleibt in den Festland-Breitengraden des Kontinents nur der Griff zur digitalen Aufzeichnung, etwa zum feinen Video ‚Pretty Boy Floyd‘, einer Nummer über den berühmten Outlaw und Bank-ausräumenden Mörder, der in der amerikanischen Pop-Kultur bereits des Öfteren besungen und romantisiert wurde. Der Song der Lonesome Ace Stringband hat nichts gemein mit dem weithin bekannten Woody-Guthrie-Stück selben Titels, er stammt aus der Feder von LAS-Fiddle-Wizzard John Showman und findet sich auf dem 2018er-Album ‚When The Sun Comes Up‘ des Trios aus Toronto.