
Sara Paretsky – Wunder Punkt
Verlag: Argument Verlag
Übersetzung: Else Laudan
ISBN: 978-3867542814
498 Seiten (inkl. Glossar)
Ist schon eine Weile her, dass ich meinen letzten Beitrag gepostet habe. Und seitdem ist viel passiert. Viel Zeit zum Lesen war nicht und so sagt mein Goodreads-Zähler, dass ich dieses Jahr erst 26 Bücher gelesen habe. Könnte man Schnappatmung bekommen, wenn man die Zahlen von früher sieht. Krieg ich aber nicht. Letztendlich zählt ja auch Qualität und nicht Quantität. Und das ist es auch, was mich dazu gebracht hat, doch mal wieder einen Beitrag zu schreiben.
Wie kann es sein, dass eine hochkarätige Autorin wie Sara Paretsky eine Lesetour in Deutschland macht, mit nur 5 Terminen, und dann bleibt einer der Termine halb leer? Ich, die sich so ein Ereignis nicht entgehen lassen wollte, reise extra von Stuttgart nach München – was sich im Übrigen preislich verdreifacht hat, weil (Überraschung) die Bahnverbindung sich geändert hat und wir eine Nacht in München im Hotel übernachten mussten – und muss dann feststellen, dass die Veranstaltung ihres Lesetermins in München nur halb voll war. Warum? Wollen wirklich alle immer nur leichte nichts sagende, aber Hauptsache blutige Thriller? Oder vor sich hin grantelnde Regionalkrimiermittler? Immer den gleichen Einheitsbrei, spannend ja, aber bloß nicht zu viel nachdenken? Ich will so einen „einfachen“ Thriller oder Cosy Crime gar nicht verteufeln, aber kann man wirklich nur solche Krimis lesen? Puh. Ein wenig hoffnungsvoll stimmt mich, dass zumindest zwei Lesungstermine ausgebucht waren. Ein paar Leute gibt es also, die noch etwas mit komplexen Krimiplots, detailreich recherchiert und – Moment, noch ist es nicht Zeit für das Fazit.
Im neusten Krimi von Sara Paretsky ermittelt ihre Detektivin V.I. Warshawski im mittlerweile 22. Fall. Leider sind nicht alle ins Deutsche übersetzt, doch seit einigen Jahren widmet sich der Argument Verlag der Autorin und „Wunder Punkt“ ist nun der sechste Krimi aus der Reihe um die Chicagoer Ermittlerin, welchen Else Laudan übersetzt und verlegt hat. Warshawski ist von einem Zwischenfall mächtig mitgenommen, ihr Freund Peter, der involviert war, ist gar ins Ausland geflüchtet und widmet sich seinen archäologischen Studien. Freunde und Bekannte verordnen Warshawski Erholung und schicken sie gemeinsam mit 5 Studentinnen auf ein Auswärtsspiel nach Lawrence, in Kansas. Als dann eine der Studentinnen verschwindet, wird sie gebeten, diese zu finden. Soviel also zur Ruhe und Erholung. Wobei das Auffinden des verschwundenen Mädchens noch die leichteste Übung ist, denn danach findet Warshawski dort auch eine Leiche und gilt fortan als Verdächtige.
Und was sich nun entspinnt, ist schlicht und einfach eine Meisterleistung der Autorin. Sie verknüpft Gegenwart mit Vergangenheit, gräbt tief in alten Wunden und Geheimnissen, welche die Leute lieber nicht mehr aufgedeckt sehen würden. Es geht zurück bis ins 19. Jahrhundert, als Kansas sich als „Free State“ positionierte und das Zünglein an der Waage zwischen den Sklaverei befürwortenden Staaten und den anderen Free States war. Es geht aber auch um Bitcoins, Serverfarmen, Rassismus, wirtschaftliche Macht und Kleinstadtgeklüngel, Korruption und Stolz. Ich möchte die Handlung hier nicht nacherzählen, denn dazu soll ja das Buch gelesen werden, aber ja, der Fall entwickelt sich komplex und das ist auch gut so. Der Autorin gelingt es trotzdem, alle Fäden in der Hand zu halten und sie gemeinsam mit dem Leser nach und nach zusammenzuführen. Und falls mal ein paar Begrifflichkeiten hierzulande nicht ganz so geläufig sind, ist ein gut zusammengestelltes Glossar angehängt, dass man nutzen kann.
Natürlich gelingt das entwirren des Knäuels nur mit und durch ihre Ermittlerin. Warshawski ist bissig und hartnäckig wie immer, aber man merkt ihr die Erschöpfung schon an. Die letzte Zeit hat sie arg mitgenommen und würde die Polizei ihr nicht verbieten, die Gegend zu verlassen und sie als Verdächtige behandeln, hätte sie vielleicht sogar die Tote tot sein lassen. Aber – und das weiß jeder, der schon mal einen Warshawski Krimi gelesen hat – einmal begonnen, gibt sie nicht auf und lässt sich auch nicht von der Spur abbringen. Sie stellt Fragen, die keiner stellen will oder sich zu stellen traut, wühlt in historischen und aktuellen Dokumenten und betätigt sich sogar ganz kurz als Spiderwoman. Aber alle Superheldinnen haben mal eine Pause verdient – Sara Paretsky hat gerade einen Krimi außerhalb der Warshawski Reihe an ihre Lektorin gegeben – aber dann muss V. I. mit einem neuen interessanten Fall zurück kommen – unbedingt.
Fazit:
Ich klaue mal meine vorigen Worte: ein komplexer Krimiplot, detailreich recherchiert und unterfüttert, mit der leicht angeschlagenen aber nichtsdestotrotz bissigen Ermittlerin V. I. Warshawski, energiegeladen und mit Action garniert. Ich verstehe immer noch nicht, warum nicht mehr Leute Parteskys Krimis lesen – mir geht bei der Lektüre das Leserherz auf und ich frage mich, warum man seine Lesezeit und Lebenszeit mit FastFood Krimis vergeuden sollte, wenn doch solche Schätzchen verfügbar sind. Lest mehr Bücher, nein, lest mehr gute Bücher, und vor allem: lest mehr Krimis von Sara Paretsky!
Und hier noch ein paar Eindrücke der Lesung:











