Die Süddeutsche meint, dass Männer mehr Romane lesen sollten:
In meinem Umfeld gibt es kaum Männer in ihren Zwanzigern und Dreißigern, die lesen. Und seitdem ich im Internet über Bücher rede, sehen sich manche von ihnen, wohl aus schlechtem Gewissen, dazu verpflichtet, sich vor mir zu rechtfertigen: „Mir gibt Lesen einfach nichts“, „Ich finde das langweilig, Harry Potter und so“ oder „Ich habe nach der Arbeit keine Motivation“. Ein Mann, der regelmäßig und viel liest, das kenne ich eigentlich nur noch aus der Generation meiner Eltern.
Es ist längst keine neue Erkenntnis, dass Frauen die Buchbranche am Laufen halten. Laut einer Umfrage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, haben 44,7 Prozent der Frauen im vergangenen Jahr Bücher gekauft, bei den Männern waren es 29,5 Prozent. 38 Prozent der Frauen gaben an, regelmäßig zu lesen – bei den Männern waren es nur 22 Prozent. Auch ich beobachte das in meiner „Bookbubble“, in der ich seit zwei Jahren auf den Social-Media-Plattformen Romane bespreche: Rund drei Viertel meiner Zuschauerschaft sind Frauen.
Ich habe immer sehr viel gelesen, viele Sachbücher aber auch viele Romane. Jetzt lese ich selten ein Buch, höre aber dafür sehr viele, meist zum Einschlafen, beim Autofahren und bei anderen Tätigkeiten wie Gartenarbeit oder Kochen.
Es wäre interessant was Männer statt dessen machen – Arbeiten sie eher oder schauen sie abends lieber eine Serie oder einen Film oder schlicht Sachen auf Youtube?
Der Buchmarkt hat das schon längst verstanden und sich den Vorlieben der Frauen angepasst: Die Verkaufsregale sind voll mit Büchern mit Farbschnitten, hübsch illustrierten Hockey-, Dark- und Fantasy- Romance-Novels. Das ist eine schöne Entwicklung, aber wo sind die Männer in der Welt der Romane?
Zu „Dark Romance“ wollte ich auch noch etwas schreiben, aber erst wenn ich es geschafft habe „
Morning Glory Milking Farm“ zu hören.
Wobei ich nicht glaube, dass der Markt für Männer nicht vorhanden ist. Es gibt einiges an Büchern, die eher auf Männer ausgerichtet sind, aber vielleicht mehr außerhalb des Mainstreams, jedenfalls die die ich wahrnehme.
Alle paar Monate kommt die Diskussion auf, ob es zu wenig literarische Angebote für Männer gibt. Dann heißt es, es würden die Bücher für junge Männer mit männlichen Protagonisten fehlen oder der „
rockstar male novelist“ existiere nicht mehr. Andere fordern direkt
„mehr Schmuddelgeschichten“ für Männer. Viele Argumente suchen die Schuld für das Fehlen der lesenden Männer in der #MeToo-Bewegung und damit letztendlich bei Frauen. Dabei mangelt es nicht an Büchern mit männlichen Hauptfiguren, man denke an Kaleb Erdmanns autofiktionaler Roman „Die Ausweichschule“ über den Erfurter Amoklauf oder Daniel Kehlmanns „Lichtspiel“ über einen österreichischen Regisseur.
Da kann ich wenig zu sagen und klingt für mich auch nicht wirklich interessant. Aber jedem das Seine.
Vielmehr liegt das Problem im herrschenden Männlichkeitsbild, das Selbstoptimierung in den Vordergrund stellt, während Romane als Zeitverschwendung gelten. Nehmen wir als Beispiel Andrew Tate, König der toxischen Männerbubble. Tate schrieb, Bücher seien nur für „Loser“, die von anderen lernen wollen und sich nicht trauen, eigene Erfahrungen zu machen. Dafür bekam er 45 000 Likes.
Die Abneigung gegenüber Büchern ist aber keine Erfindung von Tate und anderen Größen der „manosphere“: Schon im 19. Jahrhundert tat sich eine „fiction gap“ im viktorianischen Großbritannien auf. Obwohl zu dieser Zeit deutlich mehr Männer alphabetisiert waren, wurde Lesen wurde zum Hobby der Hausfrauen der Oberschicht. Jede Form des Lesens mussten Männer mit einem rationalen Wert rechtfertigen.
Warum muss man das Lesen von Sachbüchern schlecht reden? Klar, weil Männer es eher machen, aber sich Wissen aneignen zu wollen, etwas über ein interessantes Thema zu lesen, das hat nichts damit zu tun, dass man per „Lesen mit einem rationalen Wert rechtfertigen muss“. Das erscheint mir eine unnötig männerfeindliche Vorstellung.
Das Andrew Tate etwas sagt ist auch kein Beleg dafür, dass Männer allgemein so denken.
Und auch „Selbsthilfebücher“ können tatsächlich eine wertvolle Quelle für einen selbst sein, einem helfen in bestimmten Bereichen eine andere Sicht zu entwickeln. Ich werde es nie bereuen eine Menge Pickup-Bücher und jede Menge Evolutionstheoriebücher gelesen zu haben, weil sie – mal mehr oder weniger – auch viel interessanter über uns Menschen und gerade auch über die Geschlechter und ihr Verhältnis zueinander enthalten.
Auch ich sah lange keinen Grund zum Lesen. Während ich in meiner Kindheit Bücher wie „Kommissar Kugelblitz“ oder die die Reihe „Das magische Abenteuer“ verschlungen habe, verlor ich in der Schule das Interesse an der Literatur. Schullektüren wie „Kleider machen Leute“ bedeuteten für mich Zwang, Lesen war damit für mich erstmal vorbei. Von der Schulzeit bis Anfang 20 habe ich kein Buch mehr aufgeschlagen (den einzigen Versuch, „Die Psychologie der Massen“ von Gustav Le Bon, habe ich nach wenigen Seiten wieder weggelegt).
Die Motivation zum Lesen kann aber von überall wiederkommen. Mein Soziologiestudium brachte mich über Ecken zum Roman „Weißes Rauschen“ von Don DeLillo, nachdem wir uns mit gesellschaftlichen Auswirkungen von Social Media beschäftigt hatten. Ich war verblüfft, wie ein Text aus den Achtzigern ein modernes Phänomen wie Social Media behandeln konnte.
Als ich wenige Monate danach zu „Das Spiel ist aus“ von Sartre griff, entfachte sich meine Liebe zu Büchern neu. Ach, so konnten Bücher auch aussehen? Geschichten, die sich mit Klassenunterschieden, Liebe und Tod beschäftigen und sich so lesen wie ein spannender Film? Diese Bücher waren meilenweit entfernt von „Effi Briest“ und „Irrungen, Wirrungen“ oder anderen Büchern, die ich in meiner Schulzeit durchstehen musste. Auch die behandeln spannende Themen, lösten durch ihr eingestaubtes Setting und die hochgestochene Sprache aber wenig in mir aus.
Effie Brist ist eines der langweiligsten Bücher überhaupt und sollte von niemanden in der Schule gelesen werden müssen. Überhaupt habe ich wenige gute Bücher in der Schule gelesen. Was eigentlich schade ist. Dort wäre es wichtig eine Liebe zum Lesen beizubringen.
Warum ist es überhaupt wichtig, dass insbesondere Männer mehr lesen sollten?
Einige Studien deuten darauf hin, dass Lesen positive Auswirkungen auf die eigenen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten haben kann.
Eine weitere Studie wies nach, dass das Lesen literarischer Texte die Fähigkeit steigert, Emotionen im Gesicht anderer Personen zu deuten.
Ein Text, der mal direkt auf Studien verlinkt, nicht nur auf Berichte über Studien. Das ist mir erst einmal sympathisch.
Und von der Empathie mal abgesehen: Lesen macht einfach riesigen Spaß. Der Moment, wenn man sich in einer Geschichte verliert, ein Charakter auftaucht, in dem man sich selbst sieht – das ist unbeschreiblich. Sich von einem Buch verstanden fühlen, weil es ein Gefühl aufgreift, von dem man dachte, es wäre eine persönliche, singuläre Erfahrung. Männer, ihr wisst gar nicht, was ihr verpasst!
Er tut hier so als hätten Männer noch nie ein Buch gelesen. Dabei lesen Männer eben nur weniger als Frauen aber nicht gar nicht.
Es gibt für jedes Thema und Nischeninteresse ein Buch, das sich damit befasst. Wer das Computerspiel „Age of Empires 2“ als Coming-of-Age-Geschichte lesen will, ist mit „Echtzeitalter“ von Tonio Schachinger bedient. Wie ging es der irischen Gesellschaft unter dem Zwang der katholischen Kirche? Darum geht es in „Small Things Like These“ von Claire Keegan. Und die Chance, dass der Lieblingsfilm auf einem Buch basiert, ist riesig. Fight Club, American Psycho, Shawshank Redemption oder Killers Of The Flower Moon sind nur einige Beispiele.
Nachdem ich Fight Club gesehen habe habe ich mir tatsächlich relativ schnell auch das Buch zugelegt und inzwischen einiges von Chuck Palahniuk gelesen. Immer etwas merkwürdige Geschichten, aber ich mag seinen Schreibstil.
Es braucht also nicht mehr „Männer“-Bücher, das hat auch Autorin Ninia LaGrande kürzlich toll zusammengefasst: Selbst wenn es mehr Bücher „für“ Männer geben würde, am Ende würden sie vermutlich nur von jungen Frauen gelesen werden. Vielmehr braucht es einfach männliche Vorbilder, die lesen.
Ich glaube es wird immer schwieriger werden die Jugend für Bücher zu begeistern, einfach weil sie so viele andere immer präsente Medien haben, auf die sie zurückgreifen können. Ich versuche schon die Kinder durch Vorlesen zu animieren, aber so richtig den Übergang zu größeren Büchern haben wir noch nicht geschafft. Aber Fräulein Schmidt ist ja auch noch in dem Stadium, wo lesen noch etwas anstrengend ist, auch wenn es sich immer mehr verbessert, ich werde da dranbleiben. Eigentlich sind genug Bücher im Haus, wobei der Vorrat an „Mädchenbüchern“ wahrscheinlich aufgestockt werden muss.
Da hilft es auch nicht, Männer, die gerne lesen und dies auch öffentlich zeigen, als „performative males“ zu bezeichnen. Also als Männer, die sich aus Eigennutz als Feministen inszenieren. Klar gibt es Männer, die einen Sally Rooney Roman unter dem Arm tragen, um sich Frauen anzubiedern. In den letzten Monaten beobachte ich aber eher, dass diese Zuschreibung hauptsächlich von anderen Männern kommt und sie somit weiterhin klassische Männlichkeitsbilder festigen.
Das ist wirklich das nervige, dass man so etwas immer wieder in solche Artikel reinbringen muss. Lesen ist da gleich der Geschlechterkampf und davon nicht zu trennen.
Die Wege zwischen dem Leser und dem Buch müssen kurz sein. Mein Vater hat in meiner Kindheit viel gelesen. Überall im Haus lagen Bücher verstreut. Ein breit gefächertes Angebot von Stephen-King-Büchern, skurrilen finnischen Romanen und deutscher Nachkriegsliteratur. Das ist nicht unbedingt mein Geschmack, aber es hat dafür gesorgt, dass immer ein Buch in Reichweite war.
Mein Bruder hat seine Liebe zum Lesen 2019 wiederentdeckt, als er sich als Verkäufer im Spargelhäuschen langweilte und für den nächsten Tag „Haus ohne Hüter“ von Heinrich Böll aus dem Bücherregal unseres Vaters mitnahm. Dieses eine Buch reichte aus, um ihn bis heute zu einem regelmäßigen Leser zu machen.
Es ist auch interessant, wie er „perfomative Males“ anführt und selbst sehr bemüht erscheint „hochwertigere Autoren“ zu in seinem Artikel unterzubringen. Natürlich liest er Sartre und Romane vor wichtigen historischen Kulissen (einen Teil davon hatte ich gelöscht, da für den Inhalt des Artikels ohne Belang, kann aber unter dem Link nachgelesen werden).
Aber gut.
Der Artikel lädt zu ein paar Buchempfehlungen ein. Daher hier die letzten Roman-Buchreihen, die ich gelesen habe:
- Andy Weir: Sein bekanntestes Buch ist „The Martian“, ich fand aber auch „Artemis“ und „Project Hail Mary“ (kommt dieses Jahr auch als Film raus) gut.
- Bobiverse: ein ähnlicher Stil wie Andy Weir, allerdings mehr Science Fiction: Bob hatte ich nach seinem Tod einfrieren lassen und wird in der Zukunft als Grundlage einer künstlichen Intelligenz genutzt die in eine Von-Neumann-Sonde eingesetzt wird. Im Rahme der Handlung kommt es daher auch zu immer mehr Bobs, die das Weltall entdecken, auf Außerirdische stoßen etc.
- Dungeon Crawler Carl: Ein LitRPG bei dem Spieler in einer Art Dungeon ums Überleben kämpfen. Hauptfiguren sind Carl und seine intelligent gewordene Katze Prinzessin Donut. Die Serie lebt von skurrilen Situationen und einem guten Humor
- Dresden Files: Harry Dresden ist ein Magier in der heutigen Welt, der auch als Detektiv arbeitet. Neben der „Normalen Welt“ gibt es eine Vielzahl von Fantasiewesen, die mit dieser interagieren.
- Expeditionary Force von Craig Alanson: Die Erde bekommt Besuch von Außerirdischen und wird sogleich in einen intergalaktischen Krieg mit hineingezogen ohne das sie auch nur annährend darauf vorbereitet ist. Die Hauptfigur Joseph Bishop findet auf einem Planeten zufällig eine künstliche Intelligenz der Eldar mit der er sich verkürzt gesagt anfreundet und zusammen bestehen sie Abenteuer und retten die Menschheit. Das gegenseitige Sich-Sprüche-Drücken der beiden macht dabei einiges des Witzes der Serie aus.
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