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Ärmel hochkrempeln?

Es war keine leere Drohung. Die Prognose, einiger als Kassandras diffamierter Zeitgenossen, dass es sich bei dem derzeitigen Bundeskanzler und seinem Kabinett um ein Fundstück aus späteren Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts handele.  Zum Teil gar personell, aber auf jeden Fall was deren Vorstellungswelt betrifft. Die jetzt allenthalben herausgeblasenen Parolen von Lifestyle-Arbeitsmodellen, der Notwendigkeit, die Ärmel wieder hochzukrempeln etc. dokumentieren die Vorstellung von einer Art Wertschöpfung, die mit der Zukunft und vor allem auch mit dem Handeln einiger strategischer Marktkonkurrenten nicht mehr korrespondieren.  Wenn man sich allein die Referenzprojekte hinsichtlich der Automatisierung und der Nutzung Künstlicher Intelligenz aus China anschaut, dann bekommt man eine Ahnung davon, wohin die Reise gehen wird.

Ja, heute muss man Länder wie China in den Blick nehmen, um eine Vorstellung von Arbeit für die Zukunft zu bekommen. Und dann tauchen hier Politiker auf, die mit den Modellen der industriellen Produktion aus dem letzten Jahrhundert zu punkten versuchen. Und selbst die Voraussetzungen dafür wären nicht gegeben. Die prosperierende Bundesrepublik verdankte ihren Aufstieg einer rasanten Entwicklung von Bildung und Wissenschaft, einer blendend funktionierenden Infrastruktur, gut ausgebildeter Arbeitskräfte und einem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der durch Sozialsysteme wie mögliche Teilhabe gekennzeichnet war. Und exakt die politischen Kräfte, die an der Demontage dieser Referenzen kräftig mitgearbeitet haben, appellieren jetzt an die Opferbereitschaft derer, deren Lebensgrundlagen durch den durch Gier und Hirnriss gekennzeichneten zügellosen Wirtschaftsliberalismus systematisch rasiert wurden. Es ist ein zynischer Witz.

Aber ehrlich gesagt, mehr haben sie auch nicht zu bieten. So, wie sie am Rockzipfel einer bestimmten Fraktion des amerikanischen Imperiums hingen, ohne sich je Gedanken darüber zu machen, was erforderlich wäre, weltpolitisch auf eigenen Beinen zu stehen, genau so haben sie sich in das imperiale Gebell der vermeintlichen Schutzmacht eingereiht, ohne an die eigenen strategischen Interessen zu denken.

Ja, so das Wort durchaus kluger Beobachter, Kritik ist gut, konstruktive Vorschläge sind besser! Stimmt! Nur ist die Frage aus dem Munde derer, die mit Verve die Karre in den Dreck gefahren haben, deplatziert. Auf der anderen Seite ist es nicht schwer, die vor dem Land in der jetzigen Situation liegenden Aufgaben zu umschreiben:

Innenpolitisch ist in Angriff zu nehmen, dass

  • das Momentum der freien Äußerung von den inquisitorischen Einschränkungen befreit wird,
  • Bildung in Schule wie Universität Feld von Investition und Leistung werden,
  • Die Privatisierung des Gesundheitswesens ein Ende findet und ausnahmslos alle Staatsbürger in seiner Pflicht wie seinem Nutzen stehen,
  • Die Rentenversicherungspflicht für ausnahmslos alle gilt,
  • In den öffentlichen Verkehr weitreichend investiert wird,
  • Das Besteuerungssystem Wertschöpfung an erster Stelle begünstigt und nicht produktive Bereiche stärker berücksichtigt,
  • Kunst und Kultur zu einem gesellschaftlichen Feld der Inspiration ausdrücklich deklariert werden.       
  • Außenpolitisch muss die Maxime gelten, 
  • Strikt nach den eigenen Interessen zu handeln,
  • Dem Prinzip der gegenseitigen Nichteinmischung zu folgen,
  • Gegenseitigen Nutzen in das Zentrum der Betrachtung zu ziehen,
  • Bündnisse mit den Staaten einzugehen, die analog ausgerichtet sind,
  • Und den Fokus auf die eigene Verteidigung zu richten. 

Die Aufzählung ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, erweckt jedoch den Eindruck, etwas mehr Potenzial zu haben, als Slogans, die sich auf das Hochkrempeln von Ärmeln beschränken. Aller Anfang ist schwer. Aber jedem Anfang wohnt bekanntlich auch ein Zauber inne.

Ärmel hochkrempeln?
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Donald Trump ist ein Sandmännchen

Eines der wenigen Linderungsmittel, welches man sich gegenwärtig verschaffen kann, ohne sich des toxischen Rausches zu ergeben, ist die Position der eiskalten Begutachtung. Bitte nicht mitfühlen oder leiden, nicht zornig sein und keine Ressentiments pflegen! Diejenigen, die sich diesen Disziplinen hingeben, sind Legion. Und bewirkt haben sie bis heute nichts. Es ist, um einen alten Freund zu zitieren, so, wie es ist. Genau. Und, um einen anderen aus dem Kreis anzuführen, der nicht weniger lebenserfahren ist: Es wird nicht besser, es wird allenfalls anders. Aber, das gestehe ich ein, beides klingt nicht gerade optimistisch. Stimmt, denn optimistisch ist nur weniges. 

Daher bleibe ich bei der Empfehlung, mittels der kalten Beobachtung sich ein Bild zu verschaffen. Und da sticht förmlich ins Auge, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft mit den Teilen, die glauben, sich an einem öffentlichen Diskurs zu beteiligen, dabei sind, sich selbst mit einer Anleihe aus den Kindertagen zu besänftigen. Der Fokus steht, nahezu ohne Einschränkung, auf den derzeitigen amerikanischen Präsidenten gerichtet. Man könnte zu Erklärungen greifen, die das alles mit der Sozialisation durch die bei den amerikanischen Demokraten versammelten Neocons und Bellizisten zu erklären, was nicht ganz falsch ist, aber vieles erklärt. Und ich will hier nicht die zahlreichen Debakel anführen, die diese Allianz hervorbrachte, von Afghanistan bis Syrien und der Ukraine, weil die Bereitschaft zu einer kritischen Reflexion eigener Missgeschicke von historischem Ausmaß nicht vorhanden ist. Von seiner Funktionsweise jedoch ist die exklusive Befassung mit Donald Trump sehr sinnvoll. Er lenkt von allem ab, was das eigene Pflichtenheft ausmacht und es vermittelt dennoch das Gefühl, jetzt mal so richtig Stellung bezogen zu haben und auf jeden Fall auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Präsident Donald Trump ist das Sandmännchen, mit dem die monopolisierte Meinungsindustrie die infantile Mischpoke im Zaum hält.

Und wäre letztere nicht so selbstgefällig, bräsig wie mutlos, dann käme sie vielleicht auf die Idee, die selbst verschuldete Unmündigkeit, die in allen Bereichen nun zu Buche schlägt, einmal zu hinterfragen und sich Gedanken darüber zu machen, was hier, in diesem Land, geschehen muss, um aus dem Status der Dauerkrise und der institutionellen Zerbröselung herauszukommen. 

Die politische Klasse hat keinen Begriff mehr von ihrem ureigenen Auftrag, die Sozialsysteme stammen aus der monarchistischen Klassengesellschaft, das Beamtenrecht ist aus Kaisers Zeiten, der Neoliberalismus hat die Infrastruktur gerissen, das Bildungssystem, einst ein globales Referenzsystem, zeitigt nur noch mediokre Ergebnisse, das Gesundheitssystem schlittert in die systemische Unterversorgung, ein Kanzler mit der politischen DNA der 1960iger Jahre kräht bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit seine soziale wie militaristische Ideologie heraus und in den Bündnissen, in denen man sich befindet, treiben sich Subjekte herum, die dem eigenen Land nichts Gutes wollen. 

Die Liste ist lang. Zu lang. Aber es hilft nichts. Es wird keine politischen Mehrheiten mehr geben, wenn sich nicht ein Konsens darüber herausbildet, dass genau die erwähnten Missstände beseitigt und Aufgaben gelöst werden müssen. Hier, im eigenen Haus. Um es deutlich zu sagen: ein abgefuckter Staat, in dem die Oligarchen die politischen Richtlinien bestimmen und über Propagandamaschinen verfügen, die ihren Lakaien suggerieren, sie machten einen guten Job, ist das allerletzte, mit dem Schlimmeres verhindert werden kann. Es nützt nichts, wenn man um des lieben Friedens Willen törichte Illusionen pflegt. Und denken Sie daran: Donald Trump ist ein Sandmännchen.      

Donald Trump ist ein Sandmännchen
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Propheten unter falscher Sonne

Ein alter Spruch aus den Aufbruchzeiten des patriarchalischen Kapitalismus gelangt in diesen Tagen zu einer ungeahnten Aktualität: „Am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat!“ Es bezieht sich nicht auf zuzuteilende Geldbeträge, sondern auf das Vermögen aller, die sich professionell auf dem Feld der Politik bewegen. Wenn man sich anhört, was angesichts der veränderten amerikanischen Politik aus der politischen Entität an Unsinn gestammelt wird, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass hinsichtlich der Befähigung, politisches Handeln zu verstehen und seine eigenen Verhaltensweisen den Gegebenheiten anzupassen, gewaltig gebummelt wurde. Bei der Einschätzung der eigenen Lage liegen heute manche Reichsbürger näher an der Realität als die inflationär zur Schau gestellten selbst ernannten Experten, Beobachter und Mandatsträger. Wenn Hinterbänkler glauben, Drohsalven gegenüber den Repräsentanten tatsächlich globaler Mächte machen zu können, dann ist etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen.

Aber es ist chic. Sich lustig zu machen über Trump, Tiraden gegen Putin oder Xi Jingping loszulassen, aber nicht im eigenen Land gegen eine mehr als dürftige Politik aufzustehen und endlich dem Treiben von Dilettanten ein Ende zu bereiten, kostet nichts, man riskiert nichts, kommt sich im Heer der Kleinmütigen richtig groß vor und steht vermeintlich auf der richtigen Seite. Es ist, nennen wir es beim Namen, eine mehr als blamable Performance. Und es nicht schwer, sich vorzustellen, wie ein Trump oder Putin auf diese Art der Meinungsäußerung reagieren werden. Wer droht, muss handeln können. Wer aber sogar Angst davor hat, die selbst bescheidenen Mittel einzusetzen, hat bereits verloren. Aber, wir sehen es täglich, man vermeint, auf der richtigen Seite zu stehen. Nur nimmt es außer dem eigenen kleinmütigen Bewusstsein niemand mehr wahr. Und gewiss ist, dass, je länger dieses Schauspiel anhält, desto schlechter werden die eigenen Zukunftsperspektiven.

Gehen wir das Spiel noch einmal durch:

Russland hat sich gegen die Ost-Erweiterung der NATO beim Überschreiten der roten Linie hinsichtlich des eigenen Sicherheitsdenkens militärisch gewehrt. Nach dem, was geschehen ist, wird sich an diesem Standpunkt nichts ändern.

In den USA dominiert nach der Wahl Donald Trumps eine andere Strategie, die gegen China gerichtet ist und nun versucht, Russland, das durch den UKraine-Konflikt und die Positionierung von EU und NATO näher an China gerückt ist, wieder zu lösen und partiell als Verbündeten zu gewinnen oder zumindest die Beziehungen mit ökonomischen Benefits zu normalisieren.

China möchte die Position als Weltpolizist nicht wahrnehmen, aber seine ökonomische Machtposition ausbauen. Dafür hat es Unsummen in globale Infrastruktur gesteckt, die genutzt werden soll und muss.

Die sich als Europa titulierende EU hat sich als Kettenhund der NATO global desavouiert und seine ökonomischen Möglichkeiten durch die Konfrontation mit Russland verschlechtert und seine Potenziale durch die Märkte, die mit der Seidenstraße verbunden sind, durch die politische Konfrontation mit China nicht genutzt. Statt eine Strategie zu entwickeln, die auf eigene wirtschaftliche Interessen setzt, wurde mit einer längst durch Doppelmoral zersetzten Vorstellung von modernem Kreuzrittertum alles zerschlagen, was an eigenen Potenzialen hätte für eine gute Entwicklung genutzt werden können. 

Gegen Bushs Bellizismus zuckte ein sozialdemokratischer Kanzler noch auf, und eine christdemokratische Kanzlerin folgte der Kriegsvorbereitung eines Obamas widerwillig, aber sie folgte, und wiederum ein Sozialdemokrat ließ sich auf den dann fälligen Kampfwagen von einem Biden ohne jeglichen Widerstand binden. Was, so muss gefragt werden, wird ein Trump, der eine andere, aber eben auch imperiale Strategie verfolgt, von einem solchen Ensemble denken?

Sehen oder hören Sie sich dagegen an, was aus „unserem“ Lager an Einschätzung täglich in die Welt posaunt wird! Es ist herzzerreißend. Diese Unfähigkeit, die eigene Lage zu erkennen. Und sich mit der Identifikation als Objekt gemein gemacht zu haben. Nur das Subjekt hat in dieser Welt eine Perspektive. 

Wollte man es literarisch fassen, wie unsere Nomenklatura aktuell agiert, so müsste es heißen:

„Ich bin vor dem Abgrund der Prophet, der unter der falschen Sonne steht!“    

Propheten unter falscher Sonne